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„Nah am Wasser“-Festival

Ein Tag mit mehr

Münster

Das hat Münster wirklich noch gefehlt. Ein Festival am Coconut Beach. Nicht nur wegen der Location, sondern auch weil es musikalisch zwischen Vainstream und Docklands in eine unbesetzte Nische springt. Hip-Hop, Indie-Rock und -Pop, Singer-Songwriter: alles dabei. Die Premiere von „Nah am Wasser“ am Samstag gleicht einer tadellosen Jungfernfahrt auf dem Sonnendeck.

Carsten Vogel

Vom Publikum am Beach frenetisch gefeiert: Maeckes & die Katastrophen legten ein beeindruckendes Set hin. Foto: Pjer Biederstädt

Katha und Eva sind eigens aus Nürnberg angereist um – nicht nur, aber – vor allem Olli Schulz zu sehen und beide geraten ins Schwärmen: „Was für eine wunderschöne Location.“

Sonne, Sandstrand, gelegentlich weht eine leichte Brise vom Kanal, ein paar Gäste springen in den Festival-Pool und beweisen danach Wringer-Qualitäten. Ausverkauft: 2500 Festival-Besucher, da darf auch Mitorganisator Alex Solke zufrieden resümieren: „Tolles Wetter, tolle Bands, tolles Publikum. Das war ein sehr guter Auftakt.“ Und weil es so schön war, beschlossen die Veranstalter am Montag, dass die zweite Auflage am 13. Juli 2019 steigen soll.

Doch zurück zu Samstag: Die Kleinsten tanzen mit Ohrenschützern im Sand, die Älteren chillen in den Liegestühlen, Altersdurchschnitt Mitte 20. Einige schauen von anliegenden Häuserdächern rüber oder ankern am Kanal. Das Publikum ist genauso bunt gemischt wie das facettenreiche Line-up.

Längste Anreise: „Das Ding ausm Sumpf“. Sieben Stunden aus München schüttelt Alleinunterhalter Franz Brenninger mit seiner Hip-Hop-Performance locker ab.

Bestes Bühnenbild: Das Stuttgarter Quartett Rikas überzeugt nicht nur mit kalifornischer Strand-Pop-Musik, sondern auch mit silbernen Ballons, die den Bandnamen zeigen. Einfach gut.

Bestes Outfit: Fortuna Ehrenfelds Frontmann Martin Bechler macht auch im Pyjama mit Bärentatzenschuhen eine super Figur. Sein Indie-Pop und die launigen Ansagen sind das erste Highlight des Festivals.

Bester Sommerhit: Isolation Berlin haben bereits im Mai in Münster bewiesen, dass sie zu den besten Livebands des Landes gehören. Sänger Tobias Bamborschke stapelt dann auch nicht tief: „Manche von euch kennen uns noch nicht, aber wir werden bald sehr berühmt sein, vermute ich.“ Wer solche Ansagen macht, darf in der Folge nicht mit Ironie geizen: „Wir spielen jetzt unseren Sommerhit“, gefolgt von dem Lied „Alles grau“.

Bestes Sommerfeeling: Wenn jemand Sommer, Palmen und Strand musikalisch abbilden kann, dann Razz mit ihrer Mischung aus Indie-Rock und Synthie-Melancholie. Die Emsländer sorgen für super Stimmung bis in die hinteren Reihen.

Bester Auftritt: Maeckes & die Katastrophen liefern ein unvergessliches Set. Der Stuttgarter beginnt mit dem Titel-Song seines aktuellen Albums „Tilt”. Seines quietschgelben Anzugs entledigt er sich sofort, läuft und springt wie die deutsche Antwort auf Eminem über die Bühne. Das Publikum kniet, hüpft, klatscht – für so viel Einsatz gibt es von der Security Wasser verabreicht. Und von der Band zum Abschluss gelbe Rosen. We lika dissa.

Bester Moment: Balkanfolklore mit sonorem Gesang, reifen Songtexten und einem Charisma, das insbesondere die jungen Mädchenherzen höher schlagen lässt: das ist Faber. Seine Fans sind textsicher und machen Songs wie „Wem du’s heute kannst besorgen“ zu lauten Singalongs. Als der Schweizer Singer-Songwriter nach Sonnenmilch fragt, weil seine Nase zu verbrennen droht, fliegen ihm die Lotionen aus dem Publikum nur so entgegen.

Beste Ansagen: Olli Schulz läuft vorab rauchend über das Beachgelände, winkt den Nürnbergerinnen Katha und Eva aus dem Backstagebereich zu und ruft lachend: „Ich habe einen sitzen, ich kann heut‘ nicht mehr spielen.” Scherz! Nicht ganz 90 Minuten dauert sein Set, das mindestens zur Hälfte aus kurzweiligem Gesabbel besteht. Dazu gehört die obligatorische Publikumsbeleidigung („Ich komme nach Münster und schaue in einfache Gesichter“) wie der Gang in die Menge. Auch ernsthafte Anliegen, wenn Schulz beispielsweise Kante gegen Rechts und Homophobie im Hip-Hop zeigt, verkleidet er in amüsanten Anekdoten.

Noch am Abend geht es für Katha und Eva zurück nach Nürnberg. Doch der Tag am Strand und der Auftritt von Olli Schulz entschädigt für die lange Zugfahrt.

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