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Die Ärztliche Kinderschutzambulanz des DRK feiert Jubiläum

Eine unbequeme Wahrheit

Münster

Seit 25 Jahren setzen sich die Mitarbeiter der Beratungs- und Therapieeinrichtung in der Melchersstraße für das Wohl von Kindern ein, die Opfer von Misshandlungen oder Vernachlässigung werden.

Björn Meyer

Die neue Leiterin der Kinderschutzambulanz in der Melchersstraße, Christina Ohletz (Mitte), gemeinsam mit Susanne Egerding (Gründungsmitglied der Einrichtung, r.) sowie DRK-Pressesprecherin Nina Heckmann. Foto: Björn Meyer

„Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt.“ Zugesprochen wird dieses Zitat Albert Einstein, also einem Mann, der sich mit Fortschritten auskannte. In der Melchersstraße 55 sitzt dagegen ein Team, dass sich mit unglücklichen Kindern auskennt und das zugleich Abhilfe bieten möchte. Seit 25 Jahren kümmert sich die Ärztliche Kinderschutzambulanz des DRK um Kinder, die Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt oder auch von Vernachlässigung werden.

Lange Zeit sei das Thema von der Öffentlichkeit kaum beachtet worden. Erst Mitte der 1980er- und in Münster ganz speziell Anfang der 90er Jahre mit dem sogenannten „Montessori-Prozess“ habe sich ein Bewusstsein für diese Problematik entwickelt, erzählen Susanne Egerding, Nina Heckmann und Christina Ohletz an diesem Vormittag in der Einrichtung an der Melchersstraße.

Vor 25 Jahren, als die Kinderschutzambulanz gegründet wurde, waren es gut 100 Familien, die die Hilfe in der Stelle suchten. Im vergangenen Jahr waren es 375. „Das zeigt die gesellschaftliche Sensibilisierung“, sagt Nina Heckmann.

Dabei könne die Hilfe ganz unterschiedlich aussehen, auch weil jeder Fall ein Einzelfall sei. Dabei stellt die neue Leiterin der Einrichtung, Christina Ohletz, klar: „Auch wenn nur ein Verdacht besteht oder ein komisches Gefühl vorherrscht, können sich Familien gerne an uns wenden.“ Das Team, das ambulante Therapie und Beratung anbietet, besteht aus acht Psychologen und Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen, Diplompädagogen sowie einer Ärztin.

Zudem wird einmal wöchentlich eine sogenannte Clearingstelle angeboten. Dort können Menschen, die mit Kindern arbeiten, ihre Verdachtsfälle anonym vortragen – ein so in Deutschland einzigartiges Verfahren und eine „Grauzone“.

Denn eigentlich wären Polizei und Staatsanwaltschaft sofort gehalten, zu ermitteln. Um die Hürde für Hilfesuchende allerdings möglichst gering zu halten, hätten sich Polizei und Staatsanwaltschaft in Münster darauf eingelassen, an der Clearingstelle zuallererst als einer von vielen Ansprechpartnern und nicht als Strafverfolger teilzunehmen.

Denn eines, das betont Susanne Egerding, die seit 35 Jahren im Kinderschutz arbeitet und die Einrichtung in Münster mitaufgebaut hat, sei klar: Die Symptomatik sei schwierig, und einen hundertprozentigen Schutz vor Missbrauch gebe es nicht. Häufig seien die Täter allerdings ihrerseits von Gewalt gegen sie betroffen gewesen oder seien zumindest Zeuge häuslicher Gewalt geworden.

Wie man Kinder vor Gewalt und Vernachlässigungen dennoch möglichst gut schützen könne? „Man muss offene Ohren für die Kinder behalten“, sagt Christina Ohletz.

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