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Urteil im Prozess gegen Ex-Sparda-Bank-Chef

Enrico Kahl kommt mit Bewährungsstrafe davon

Münster

Das vorläufige Ende eines siebenjährigen Verfahrens: Am Freitagmittag hat das Landgericht das Urteil gegen Enrico Kahl verkündet. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Sparda-Bank Münster wurde zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Von Gunnar A. Pier

Enrico Kahl (links) mit seinem Anwalt Christoph Lepper kurz vor der Urteilsverkündung am Freitagmittag im münsterischen Landgericht: Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Sparda-Bank Münster stellte sich nicht nur dem Gericht, sondern ganz offensiv auch der Öffentlichkeit. Foto: Gunnar A. Pier

Mit gewohnt regungsloser Miene, aber ungewohnt gerötetem Gesicht nimmt Enrico Kahl am Freitag das Urteil im aufsehenerregenden Prozess um seinen massenhaften Spesenbetrug hin. Gut sieben Jahre nach seinem Rauswurf bei der Sparda-Bank fand das Verfahren damit ein für den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden glimpfliches Ende: Das Gericht setzte die zweijährige Haftstrafe zur Bewährung aus. 

Sechs Jahre lang hatte sich die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bielefeld durch analoge und digitale Ordner gewühlt, bis im Fe­bruar 2022 die Hauptverhandlung begann. Sie warf Kahl 209 einzelne Taten mit einem Gesamtschaden von rund 1,2 Millionen Euro vor.

Umfangreiches Geständnis

Kahl zeigte sich von Beginn an kooperativ und gestand das Gros der Vorwürfe, obwohl ein ursprünglich angedachter Deal – Bewährungsstrafe gegen Geständnis – am Veto der Staatsanwaltschaft scheiterte. Dass der Angeklagte und seine Verteidiger das Verfahren nicht – was dem Vernehmen nach angesichts der Materialfülle leicht gewesen wäre – künstlich hinauszögerten, hielten ihnen Staatsanwaltschaft und Gericht zugute.

Enrico Kahl und sein Anwalt Christoph Lepper warten auf das Urteil im Betrugsprozess. Foto: Gunnar A. Pier

„Sparda-Event“, die keine waren

Der Prozess brauchte dennoch seine Zeit. Bevor am Freitag das Urteil verkündet wurde, ging das Gericht an 16 Hauptverhandlungstagen die Anklagepunkte durch. Kahl gestand, Restaurant­besuche als Spesen abgerechnet zu haben, indem er frei erfundene Gäste auf den Formularen notierte. Eine Rotary-Feier, die der Richter eine „pompöse Veranstaltung, die alle Maßstäbe sprengte“ nannte, und eine Geburtstagsparty seiner Frau ließ er als „Sparda-Event“ von der Bank zahlen. Oft fuhr er auf Sparda-Kosten mit Freunden zu den Wagner-Festspielen in Bayreuth und zum Kölner Karneval.

Video in Kooperation mit dem WDR-Landesstudio Münster:

Vieles war "bankintern transparent"

Während Kahl etwa bei den Restaurantbesuchen durch falsche Angaben aktiv die Bank belog, liefen viele der Taten „bankintern transparent“, wie das Gericht in der Urteilsbegründung bestätigte. Reisen wurden über das Sekretariat gebucht und bezahlt, zu feudalen Feiern waren auch die beiden Vorstandskollegen und der Aufsichtsrat eingeladen. „Mehr Transparenz kann man nicht erzielen“, so das Gericht.

Prozessauftakt gegen Enrico Kahl, einst Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Münster, am 10. Februar 2022 vor dem Landgericht Münster.  Foto: Gunnar A. Pier

Gericht spricht vom „Versagen der Vorstandsriege“

Entsprechend deutliche Worte fanden sich in der Urteilsbegründung zu den Strukturen in der Bank. „Die Aufsichtsräte waren im Wesentlichen unqualifiziert“, hieß es da. Im Prozess war deutlich geworden, dass es für einen Sitz in dem Gremium keinerlei Qualifikation bedurfte, sondern nur einer verdienten Mitgliedschaft in einer Eisenbahner-Gewerkschaft. „Wegsehen und Wegschieben der Verantwortung war allgegenwärtig“, beschrieb der Vorsitzende Richter und sprach von einem „Versagen der Vorstandsriege“. Eine zunächst vermutete „Konspiration zwischen Vorstand und Aufsichtsrat“ – beflügelt durch teure Geschenke für die Mitglieder des meist schweigenden Kontrollgremiums und Einladungen zu Veranstaltungen – habe sich jedoch nicht bewahrheitet.

Das Urteil und seine Folgen

Das Strafmaß

Beim Strafmaß hat das Gericht nach eigenen Angaben auch die Belastung durch die ausführliche Berichterstattung über den Prozess berücksichtigt – und die Tatsache, dass der einst so gefeierte und nicht uneitle Bankvorstand, der so gerne im Mittelpunkt stand, „gesellschaftlich abgestürzt“ sei. Er lebt in Scheidung, hat nach Gerichts-Schätzungen rund 1,5 Millionen Euro Schulden. „Die Schulden müssten nicht sein“, betonte der Richter, sondern seien Folge des ausschweifenden Lebensstils, den Kahl zunächst noch fortführte, nachdem er entlassen worden war und keine Einkünfte mehr hatte.

Der Absturz

„Der Angeklagte nimmt nur noch eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teil“, beschreibt es das Gericht. Weggefährten von einst wechselten die Straßenseite, wenn sie den Gescholtenen sehen. Für den Prozess hingegen stellte das Gericht klar: „Er hat sich nicht versteckt“. Gegen das Urteil ist eine Revision möglich. Staatsanwaltschaft und Verteidigung äußerten sich am Freitag gleichlautend: Sie wollen das prüfen.

Kommentar: Alles verloren

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