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Interview mit Schnipo Schranke

Faible für Gangsta-Rap

Münster/Hamburg

Es ist nicht alles jugendfrei, was man auf "Satt" hören kann. Das Debütalbum der Band Schnipo Schranke lässt aufhorchen. Musikalisch eher leichter Lo-Fi-Pop, mögen die Texte für den einen oder anderen schwer verdaulich sein.

Carsten Vogel

Schnipo Schranke sind Daniela Reis (l.) und Fritzi Ernst. Eigentlich müsste auf dem Tisch im Hintergrund ein Teller mit Mayonnaise und Ketchup garnierten Pommes und Schnitzel stehen – denn danach hat sich die Band benannt.. Foto: Jenny Schäfer

Ihre Lieder haben derbe Texte, das Video zu einem ihrer Songs ist auf Youtube erst gar nicht mehr in der offiziellen Fassung zu sehen. Schnipo Schranke, die sich wirklich nach der Bezeichnung für Schnitzel-Pommes mit Mayo und Ketchup benannt haben, sind irgendwie also in aller Munde. Unser Redakteur Carsten Vogel hat mit dem Duo gesprochen. Weil aber der Lautsprecher ihres Telefons defekt ist, übernimmt Daniela Reis den ersten Teil der Fragen, Fritzi Ernst den zweiten.

Tatsächlich sind eure Texte so, als würde man sich auf einer Party mit Freunden oder Freundinnen unterhalten: umgangssprachlich, unbefangen, auch mal peinlich und offen. Warum erregt das jetzt so eine Aufmerksamkeit, dass selbst der Spiegel an eure Tür klopft?

Daniela: Das liegt nicht nur an der derben Sprache, sondern weil wir eine gute Platte gemacht haben (lacht). Mit irgendeinem Trash kann man sich nicht in den Medien halten. Vielleicht passen wir als Band gerade gut in die Zeit. Ich kann nur mutmaßen, aber unsere Sprache ist lediglich der Aufhänger, im Jahr 2015 ist sie eigentlich kein Aufreger mehr.

Hilft es eurem Albumverkauf, wenn auf dem Cover der Sticker “Explicit” prangt?

Daniela: Wir haben auch ein Faible für Gangsta-Rap und explizite Sprache. Warum sollten wir die nicht benutzen, gerade wenn wir uns privat dieser Wörter bedienen? Oft auch aus Humorgründen.

“Rotes Laserschwert”: ernsthaft? Liegt ihr nicht beim Schreiben und Aufnehmen albern lachend auf dem Boden?

Daniela: (lacht) Mittlerweile ist mir auf der Bühne gar nicht mehr bewusst, was ich da für Worte singe, weil sich das automatisiert hat. Im Studio war die Reaktion unseres Produzenten Ted Gaier interessant, weil er die Texte noch nicht kannte. Da war schon der eine oder andere Schmunzler dabei (lacht).

Kein Wunder. Die Reime sind ja mitunter hanebüchen: “Cocktail-Bar” auf “Panama”, “Grundstück auf Hunsrück”...

Daniela: Bitte (lacht)? Man muss sich natürlich Mühe geben, Sachen zu finden, die so vorher noch nie gereimt wurden.

Ich habe irgendwo gelesen, worum es im Lied “Schrank” gehen soll. Ich hatte eine völlig andere Assoziation und habe mich gefragt, was wohl Natascha Kampusch zu dem Lied sagen würde.

Daniela: (lacht) Das habe ich mich auch schon gefragt, aber erst als der Song fertig war. Da habe ich mich ein bisschen geschämt. Ich habe gehofft, dass sie das Lied nie hören wird (lacht). Aber in “Schrank” geht es darum, dass man sich in einer Beziehung geistig von einem Mann gefangen nehmen lässt. Der einem nicht gut tut. Das ist überspitzt und bildhaft mit einem Schrank dargestellt.

Live

Schnipo Schranke am Dienstag, den 27. Oktober ab 21 Uhr im Gleis 22, Hafenstraße 34.

In Verbindung mit dem Video könnte man es aber auch anders verstehen.

Daniela: Ja, mit Sicherheit. Das Risiko gehe ich einfach mal ein (lacht). Ich glaube aber, dass die Liebesbotschaft und der Gefühlsausbruch - mit dem Zusammenbruch auf der Brücke - auch im Video deutlich wird. Und dass es nicht um eine eigentliche Gefangennahme geht.

So, ich bin jetzt bei der Hälfte.

Daniela: Dann gebe ich dich jetzt an Fritzi weiter (lacht).

Nervt es euch, dass man immer zuerst nur über die Texte philosophieren soll?

Fritzi: Für uns sind die Texte aber auch das Wichtigste. Wenn der Text fertig ist, dann ist für mich das Lied fertig. Dann muss man nur noch (lacht) die Musik dazu schreiben. Das machen wir intuitiv und geht relativ schnell. Ich glaube, dass wir nach dem Studium die Schnauze voll hatten vom Musikmachen im klassischen Sinne. Mittlerweile - seitdem wir im Studio waren - haben wir gemerkt, dass wir Musik machen wollen, die man sich gerne anhört.

Jetzt hat Daniela gerade verraten, dass ihr auch Rap und Hiphop hört. Ich hätte ja gedacht: Lassie Singers und Adam Green.

Fritzi: Wir haben tatsächlich in der Zeit, als wir angefangen haben zu schreiben, relativ viel Sido gehört…

Ist nicht wahr! Den habe ich gerade in Köln getroffen…

Fritzi: (lacht) … weil wir das lustig und wahnsinnig unterhaltsam fanden: Diese gesamte Hiphop-Szene und was drumherum ist - wer da mit wem Beef hat und was die sich für Autos kaufen.

Jetzt ist eure Musik sehr reduziert, sehr Lo-Fi. Kann man das auf den kommenden Alben so fortführen oder muss da die fette Produktion her, Wall of Sound und so?

Fritzi: Das ist die Frage. Wir haben natürlich in reduzierter Form gespielt, weil wir nur zwei Personen sind. Und wir müssen das auf die Bühne bringen können. Bislang war das Schlagzeug und Klavier. Bei der Produktion an der Platte haben wir aber schon festgestellt, dass das nicht reicht. Deshalb haben wir ganz viel mit Synthesizern und Orgeln gearbeitet. Damit werden wir auf jeden Fall weiterexperimentieren. Auf der Bühne ist jetzt auch jemand dabei, der Synthesizer spielt. Ich glaube aber, dass wir das nicht bis ins Unendliche ausbauen wollen. Einfach auch aus praktischen Gründen. Es ist ja schon nicht einfach mit zwei oder drei Leuten auf der Bühne auszukommen. Ich habe immer großen Respekt vor fünfköpfigen Bands (lacht). Mit einer Big-Band werden wir auf dem zweiten Album wohl nicht aufwarten.

Dabei kommt ihr doch von der klassischen Musik. Arrangements müssten doch für euch hochspannend sein.

Fritzi: Ja (klingt eher wie joah). Ja (ein wenig singend). Ja (im Sinne von, ach, ich weiß nicht so recht).

Immerhin macht ihr euch bereits Gedanken zum zweiten Album.

Fritzi: Wir denken da schon dran, aber gucken erst mal, wie das mit dem ersten wird.

Jetzt ist euer Album 53 Minuten lang…

Fritzi: Ja, leider. Wir wollten es ja länger machen. Aber selbst im Jahr 2015 passen nur 45 Minuten auf eine Vinyl-Platte (lacht).

Wie füllt ihr denn den Rest? Wird das Konzert 90 Minuten dauern?

Fritzi: Es gibt ja Songs, die es wegen der Länge nicht aufs Album geschafft haben. Davon werden wir auch noch ein paar spielen.

Welche Zielgruppe kommt denn zu euren Konzerten?

Fritzi: Gemischt, was Alter und Geschlecht angeht. Wir haben aber auch gemerkt (lacht), dass Teenies nicht unsere Zielgruppe sind.

Doch noch mal zu den Texten: Wieviel Persönliches ist mit eingeflossen?

Fritzi: Sehr viel. Vieles ist bildhaft und überspitzt dargestellt. Andererseits kommt man ja auch nicht auf solche Dinge, wenn man keinen persönlichen Bezug dazu hat.

Es hätte ja auch von Freundinnen an euch herangetragen worden sein…

Fritzi: Nein (lacht). Ich glaube, wir haben genug Erfahrungen, um das aus uns selbst zu schöpfen.

Und irgendwelche Ex-Liebhaber, die dann sauer waren und gesagt haben, wie konntest du das mit den Socken nur verraten?

Fritzi: Nein. So nahe an der Realität ist es dann doch nicht. Da passe ich immer auf (lacht).

Der Umzug von Frankfurt nach Hamburg: Befreiung oder Kulturschock?

Fritzi: Befreiung. Ich habe mich hier zum ersten Mal richtig zu Hause gefühlt und tue das auch immer noch. Es war echt ein Aha-Erlebnis (lacht).

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