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Sonderveröffentlichung

Experten sprechen von Revolutionierung der Onkologie

Der Kampf gegen den Krebs wird immer präziser

Münster

Experten sprechen von einer „Revolutionierung der gesamten Krebsmedizin“. Behandlungen von Krebs werden individueller, Therapien und Werkzeuge besser und Diagnosen präziser. Deshalb ist auch oft von "Präzesionsonkologie" die Rede - und sie klingt vielversprechend.

Stefan Werding

Die Technik hat bei der Behandlung von Krebspatienten in den vergangenen Jahren riesige Fortschritte gemacht. Das nützt vielen Patienten. Foto: dpa

Der Fortschritt in der Behandlung von Krebspatienten macht viel Mut. Während Patienten mit bestimmten Tumorerkrankungen noch vor zehn Jahren kaum Perspektiven hatten, haben neue Verfahren mächtige Fortschritte möglich gemacht. Experten sprechen von einer „Revolutionierung der gesamten Krebsmedizin“. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat mit Professorin Annalen Bleckmann und Professor Philipp Lenz über die Entwicklung gesprochen. Die beiden sind Direktorin und Geschäftsführer des Westdeutschen Tumorzentrums Netzwerkpartner Münster.

„Präzisionsonkologie“ klingt total vielversprechend. Kann sie halten, was sie verspricht?

Annalen Bleckmann: Präzisionsonkologie oder auch die „personalisierte Onkologie” spielt in allen Bereichen eine immer größere Rolle. Sie verfolgt das Ziel, für jeden Krebspatienten und jede Krebspatientin mit einer umfassenden molekularen, zellulären und funktionellen Analyse des Tumors eine individuelle Behandlung anzubieten. Wir wissen heute, dass sich jeder einzelne Tumor nicht nur in den biologischen Eigenschaften von anderen unterscheidet, sondern dass auch jeder einzelne Patient und jede einzelne Patientin anders mit einem Tumor lebt. Präzisionsonkologie zieht alle diese Informationen in Betracht.

Wenn Sie sagen, dass jeder Patient mehr als Individuum gesehen wird, dann muss ja auch die Vorbereitung auf die Therapie und die Behandlung viel individueller sein.

Bleckmann: Das hat sich tatsächlich grundlegend geändert. Wenn heute ein Patient mit einer unklaren Schwellung zu uns kommt, und haben in wenigen Tage die Diagnose. Dann wissen wir zum Beispiel, zu welchem Organ der Tumor gehört. Um den Krebs aber präzise bestimmen zu können, brauchen wir eine feingewebliche Charakterisierung. Und das bedeutet immer auch eine Wartezeit. Das ist sehr belastend, weil die Patienten nach der Diagnose einer Tumorerkrankung am liebsten sofort etwas dagegen tun wollen. Diese Untersuchung ist aber wichtig, weil wir in der Zeit jeden Puzzlestein genau anschauen, um die perfekte Therapie planen zu können. Dafür Ruhe aufzubringen, verlangt allen viel ab.

Annalen Bleckmann: „Wir wissen heute, dass sich jeder einzelne Tumor nicht nur in den biologischen Eigenschaften von anderen unterscheidet, sondern dass auch jeder einzelne Patient und jede einzelne Patientin anders mit einem Tumor lebt.“ Foto: UKM Fotozentrale Wibberg

Ist der Preis, den Patienten für eine bessere Therapie bezahlen müssen, also Geduld?

Bleckmann: Genau. Die Behandler oder Diagnostiker sind ja nicht langsam. Es ist einfach wichtig, die ganzen Details über den Tumor zu haben, um ihn optimal bekämpfen zu können. Das kann ein bis zwei Wochen dauern.

Bekommen Zusammenschlüsse von Krankenhäusern wie etwa im Westdeutschen Krebszentrum eine größere Bedeutung, weil man so Experten besser zusammenführen kann?

Phillip Lenz: Unsere Erkenntnisse, Analysen und Therapien werden komplexer. Darum ist es sinnvoll, auch über die Grenzen von Krankenhausverbünden hinweg Patienten gemeinsam zu besprechen und zu behandeln. Ein Beispiel ist das molekulare Tumorboard des Westdeutschen Tumorzentrums in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Essen. Das ist die Schaltstelle der Präzisionsonkologie. Dort beraten die Kollegen aus den verschiedensten Professionen die gesammelten Befunde. Neben den bekannten Fachdisziplinen wie Chirurgie, Onkologie, Strahlentherapie, Radiologie und Pathologie binden sich auch Experten ein, die zum Beispiel auf bestimmte Aspekte der Molekularpathologie spezialisiert sind oder Genetiker, die genetische Veränderungen im Blick haben. Und für die Forschung sind solche Kooperationen ebenfalls wichtig, weil für Studien auch eine bestimmte Anzahl von Patienten nötig ist, um sagen zu können, ob Medikamente wirken oder nicht. Gerade bei seltenen Erkrankungen ist es daher um so wichtiger über regionale Grenzen hinweg Patienten einschließen zu können.

Philipp Lenz: „Unsere Erkenntnisse, Analysen und Therapien werden komplexer. Darum ist es sinnvoll, auch über die Grenzen von Krankenhausverbünden hinweg Patienten gemeinsam zu besprechen und zu behandeln.“ Foto: UKM Fotozentrale Wibberg

Haben die Patienten also den Vorteil, dass nicht mehr ein oder zwei Ärzte, sondern sieben oder acht über ihre Therapie beraten?

Lenz: Die klassischen Tumorkonferenzen, in denen Strahlentherapeuten, Chirurgen, Onkologen, Internisten, Radiologen und Pathologen beraten, gibt es bestimmt schon zehn oder 15 Jahre. Diese haben wir aber stetig weiter ausgebaut, so dass derzeit ca. 20 unterschiedliche Konferenzen hier am WTZ pro Woche stattfinden. Dazu kommt das molekulare Tumorboard, dass wir bereits regelhaft zusammen mit den Kollegen aus Essen durchführen. Durch diese intensive Vernetzung beider Standorte, bekommen die Patienten quasi gleich eine Zweitmeinung dazu. Vorstellbar sind solche Konferenzen auch international.

Spitzenzentrum

Die Deutsche Krebshilfe (DKH) hat das Westdeutsche Tumorzentrum (WTZ) zum vierten Mal in Folge als Onkologisches Spitzenzentrum ausgezeichnet. Solche Zentren sollen allen Krebspatienten – auch außerhalb der Ballungszentren – den Zugang zu onkologischer Spitzenmedizin, modernster Technik und innovativen klinischen Studien ermöglichen. Das WTZ, 2007 als Comprehensive Cancer Center der Universitätsmedizin Essen (UME) gegründet, wurde im Herbst 2019 durch die Kooperation mit dem Universitätsklinikum Münster (UKM) erweitert. Die Auszeichnung, um die sich die beiden Kooperationspartner Essen und Münster nun erstmalig gemeinsam beworben hatten, ist mit einer Förderzusage über vier Jahre verbunden. Laut DKH hat das Zentrum bundesweit Modellcharakter für die Zusammenarbeit von Krebszentren innerhalb sogenannter Konsortien.

Wenn es heute eine „Präzisionsonkologie“ gibt, gab es dann auch mal so etwas wie eine “Un-Präzisionsonkologie”? War die Behandlung von Krebspatienten früher noch zu allgemein und zu massiv?

Bleckmann: Wir können mittlerweile viel tiefer in die Biologie der Tumore hineinschauen und analysieren, was einen bestimmten Tumor antreibt zu wachsen. Das ist erst in den vergangenen Jahrzehnten und vor allem im letzten Jahrzehnt möglich geworden. Vorher hatten wir diese Werkzeuge überhaupt nicht.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bleckmann: Beim Lungenkrebs gab es eine große Gruppe, die unter dem Namen „nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom” zusammengefasst war. Mit den neuen Methoden haben wir gelernt, in dieser Gruppe zwischen ganz vielen verschiedenen Familien zu unterscheiden. In jeder von ihnen wird der Tumor anders angetrieben, sich zu teilen und zu wachsen. Darum hat jede Familie ein anderes Behandlungskonzept verdient. Das konnten wir uns durch Techniken und Methoden erschließen, die wir jetzt erst haben. Sicherlich haben wir früher sehr breit behandelt, wir konnten es aber auch nicht besser, weil wir dieses Verständnis noch nicht hatten. Mit dem neuen Verständnis haben wir ein neues Wissen, Krebs zielgerichtet angreifen zu können. Das ist bahnbrechend. Es bereitet uns sehr viel Freude, in dieser Zeit dabei sein zu können und unseren Patienten besser helfen zu können.

Die präzisere Diagnose entwickelt sich parallel mit den viel ebenfalls präziser arbeitenden Werkzeugen, die Sie nutzen. Sinkt denn dadurch der Anteil der Krebstoten an den Toten insgesamt?

Bleckmann: Schwierige Frage. Unsere Werkzeuge werden besser, unser Wissen größer, unsere Bevölkerung immer älter. Die Inzidenz der Neudiagosen steigt an, vor allem in Bereichen, in denen sich die Screening-Methoden deutlich verbessert haben. Deswegen können wir das noch nicht abbilden. Bei einzelnen Tumorerkrankungen wie z.B. der akuten Leukämie sehen wir, dass sich das „Fünf-Jahres-Überleben” um 20 Prozentpunkte verbessert. Das ist eine riesige Verbesserung. (Anm. der Red.: Eine absolute Fünf-Jahres-Überlebensrate von 50 Prozent bedeutet, dass fünf von zehn Patienten -- 50 Prozent -- fünf Jahre nach der Diagnose noch leben.)

Lenz: Dass sich das im Vergleich zu Kreislauferkrankungen weder prozentual noch gefühlsmäßig verändert hat, liegt auch daran, dass Krebs in der öffentlichen Wahrnehmung eine besondere Rolle spielt. Prinzipiell hat jeder Zweite in seinem Leben irgendwann mit Krebs zu tun – natürlich in unterschiedlichem Schweregrad.

Bleckmann: Ein Tumor war früher fast immer eine todbringende Erkrankung. Das hat sich mittlerweile sehr gewandelt. Krebs ist mehr und mehr eine chronische Erkrankung. Wir können Tumorpatienten inzwischen auch im fortgeschrittenen Stadium viel länger begleiten als nur wenige Monate.

Was bedeutet das für die Chemotherapie und die Bestrahlung? Verlieren sie an Bedeutung?

Bleckmann: Wir haben in dem gängigen Baukasten, der unseren onkologisch tätigen Kollegen zur Verfügung steht, die klassische Chemotherapie, die Bestrahlung und die Operation. Daneben verfügen wir über eine Vielzahl von therapeutischen Optionen, die wir unter „zielgerichteten Therapien” verbuchen können. Hierzu gehören unter anderem die Immuntherapie oder Verfahren, in denen Antikörpern zum Beispiel huckepack radioaktive Strahlung mitgegeben wird. Aus diesem Arsenal müssen wir für unsere Patienten die richtige Methode wählen oder vielleicht auch eine Kombination finden. Für einige Tumore brauchen wir die Chemotherapie, weil sie so schnell wachsen. Mit dem Verfahren versuchen wir, dieses unkontrollierte Wachstum zu blocken. Aus meiner Sicht sind also alle diese Bausteine nötig. Ändern wird sich, wer was kriegt und was wir zu welchem Zeitpunkt womit kombinieren.

Lenz: Die Begleittherapien, die die Medikamente verträglicher machen, haben sich ja auch stetig weiterentwickelt. Wir haben mittlerweile mehr Daten, in welcher Höhe wir welche Medikamente einsetzen müssen, um Nebenwirkungen zu verringern. Viele verbinden mit der Chemotherapie immer noch Übelkeit, Haarausfall oder Erbrechen. Dabei hat sich da schon viel geändert. Aber: Es gibt immer noch Patienten, die sehr unter den Therapien leiden. Daran gibt es keinen Zweifel.

Bleckmann: Nicht nur bei den Systemtherapien, sondern auch bei den anderen Behandlungs-Bausteinen ist viel passiert. So haben sich z.B.  die modernen Bestrahlungstechniken  auf beeindruckende Art und Weise weiterentwickelt. Wir können den Tumor inzwischen auf der Grundlage von komplexen Berechnungsmodellen in 3D vom gesunden Gewebe abgrenzen. Damit können wir die Dosis fokussiert in den Tumor platzieren und das umliegende Gewebe fast komplett schonen.

Gibt es Krebsarten, an denen Sie sich auch mit modernen Techniken die Zähne ausbeißen?

Bleckmann: Die gibt es. Bislang ist es uns nicht gelungen, die verschiedenen Familien des Bauchspeicheldrüsenkrebs’ zu identifizieren. Man hat nur in einigen wenigen Fällen verstanden, was sie antreibt. Vielleicht ist das multifaktoriell bedingt, also von vielen Faktoren abhängig. Da bleibt am Ende nur die klassische Chemotherapie.

Lenz: Krebs ist nicht gleich Krebs. Wir kennen mittlerweile verschiedenen Formen des Bauchspeicheldrüsenkrebs’. Wir müssen jede Erkrankung auf die Einzelperson runterbrechen. Steve Jobs zum Beispiel hat mit seinem Bauchspeicheldrüsenkrebs noch sieben Jahr gelebt. Er hatte einen so genannten neuroendokrinen Pankreastumor. Dass Steve Jobs also noch so lange gelebt hat, hängt nicht damit zusammen, dass er Steve Jobs und reich war, sondern dass er an einer Form erkrankt war, mit der man länger lebt.

Bleckmann: Einen wichtigen Aspekt der Präzisionsonkologie haben wir noch gar nicht gesprochen: Dazu gehört nämlich auch alles, was im unterstützenden Bereich für Patienten sinnvoll, möglich und nötig ist. Es gibt Patienten, die brauchen Unterstützung im Bereich der Psycho-Onkologie, andere brauchen physiotherapeutische Unterstützung, der dritte profitiert von der Musiktherapie, und die vierte hat wieder ganz andere Bedürfnisse. Auch das gehört bei der individuellen Behandlung dazu - und nicht nur, welche Infusion oder Tabletten jemand bekommt. Aktuell arbeiten wir z. B. ja gerade mit Hilfe der WN-Spendenaktion daran, unser unterstützendes Angebot für junge Patienten mit Krebs  weiter auszubauen – für die erhaltene Hilfe sind wir ausgesprochen dankbar.

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