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Sonderveröffentlichung

Urin-Untersuchung

Die Retter der Nieren

Münster

 Das Nierenkarzinom von Petra Rohleder kam rein zufällig ans Licht. In der urologischen Fachklinik konnte ihre Niere mithilfe der Fachärzte und des robotischen Operationssystems „Da Vinci“ gerettet werden.

Von Ulla Wolanewitz

Professorin Laura-Maria Krabbe (links) und Professor Andres Jan Schrader haben Petra Rohleders Niere gerettet. Foto: Ulla Wolanewitz

Es kündigte sich nicht mit Schmerzen an, sondern kam eher zufällig ans Licht: das Nierenkarzinom von Petra Rohleder. Im Frühjahr 2019 wandte sie sich wegen einer Harnwegsinfektion an ihren Hausarzt. Der verschrieb ihr ein Einmal-Antibiotikum, das gut wirkte und sie in drei Tagen wieder beschwerdefrei machte.

„Ich weiß nicht, welche Eingabe ich hatte. Jedenfalls habe ich anschließend bei uns im Labor noch mal eine Untersuchung machen lassen“, erklärt Petra Rohleder, die selbst als Krankenschwester in einer Klinik im Sauerland arbeitet. Tatsächlich hat das Labor Nierenepithelien (Zellverbände) im Urin festgestellt. Eine Ultraschall-Untersuchung bestätigte etwas „Raumforderndes“ von etwa vier Zentimetern in ihrem Organ.

Epithelien im Urin sind nicht wirklich ein Hinweis auf ein Karzinom. Hier lösten sie aber eine Reihe von Untersuchungen aus, bei denen der Tumor entdeckt wurde“, bestätigt Professor Andres Jan Schrader, Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie der Uniklinik Münster (UKM). Die Patientin aus Winterberg erhielt von ihrem Hausarzt eine Überweisung zu einem Urologen, der „leider nicht so schnell zu finden war, weil es dort lange Wartezeiten gibt“, bedauert die 55-Jährige.

Nierenschmerzen können alles Mögliche bedeuten. Petra Rohleders Probleme fingen aber auf eine ganz andere Weise an. Foto: colourbox.de

Empfehlung: Nieren-Entfernung

Nachdem sie in ihrer Region eine Praxis für die notwendige Computertomografie (CT) und die Magnetresonanztomografie (MRT) gefunden hatte, übermittelte die Arzthelferin ihr anschließend telefonisch: „Sie müssen sich eine Niere entfernen lassen!“ Nicht nur diese Diagnose, sondern auch die wenig einfühlsame Art machten die Patientin traurig und wütend: „Ich fühlte mich nicht ernst genommen, alleingelassen. Ich bekam auch keine Informationen dazu, an wen ich mich wenden konnte. Nichts.“

In ihrer Verzweiflung und mit der Angst, sich von einer Niere trennen zu müssen, wandte sie sich an ihren vertrauten Hausarzt. Der drängte darauf, dass sie sich schnellstens an die Fachklinik für Urologie wendet. Hier erlebte sie die Auseinandersetzung mit ihrer Diagnose direkt ganz anders.

„Schon in der Ambulanz wurde mir jede Frage beantwortet. Die Assistenzärzte bewiesen eine Engelsgeduld“, lobt sie das Team. Niere erhalten oder entfernen, diese Frage begleitete sie tagelang, bis die Ergebnisse sämtlicher Untersuchungen vorlagen.

Erhalten der Niere

„Obwohl das Karzinom direkt im Zentrum des Organs angesiedelt war, bestanden sehr gute Chancen, es komplett zu entfernen und die Niere trotzdem erhalten zu können“, erklärt Professorin Laura-Maria Krabbe, Oberärztin und Leiterin des Nierentumorzentrums in der Klinik für Urologie und Kinderurologie.

Um der Patientin eine weitere Anfahrt aus dem Sauerland zu ersparen, klärte die Oberärztin sie in einem Telefonat umfassend auf. „Sie hat mir den radiologischen Befund vorgelesen und detailliert plausibel gemacht, ohne unverständliches Fachchinesisch“, sagt Petra Rohleder, und der Satz ihrer Ärztin „Ich bringe es nicht über das Herz, bei Ihnen direkt die ganze Niere zu entfernen, weil es nicht nötig ist!“ hat sie am Ende sehr überzeugt, ihrer Empfehlung zu folgen. 

Schon gewusst? 90 Prozent aller Nieren werden bei Tumoren, die Raum in Anspruch nehmen gerettet. Vor einigen Jahren waren es nur zehn. Foto: colourbox.de

Roboter „Da Vinci“ als rechte Hand der Ärzte

Insgesamt war es diese erstklassige Begleitung, die sie darauf vertrauen ließ, sich bedenkenlos auf eine robotisch-assistierte Operation einzulassen. Mit dem Begriff „Da Vinci“ verbindet sie seitdem einmal mehr etwas Gutes. „Das ist der Name des bekanntesten robotischen Operationssystems, das uns aktuell zur Verfügung steht“, erklärt Krabbe. „Damit kommen wir näher heran und können noch differenzierter arbeiten, als es bei einer offenen Operation der Fall ist.“ Bei diesen robotisch-assistierten Operationen werden eine Kamera und Miniatur-Instrumente in die Bauchhöhle geschoben. Bewegt werden sie von den elektronisch gesteuerten vier Armen des Roboters.

Was diese moderne Technik anbelangt, nimmt Klinikdirektor Schrader Skeptikern und Bedenkenträgern gerne ihre Zweifel: „Der Roboter ist der verlängerte Arm von uns Fachexperten.“ Die Vorteile: dreidimensionale, vergrößerte Sicht auf das Operationsfeld. Die In­strumente ermöglichen Bewegung in verschiedenen Freiheitsgraden, die jedes Handzittern herausfiltern, und es gibt den intraoperativen Ultraschall während der gesamten OP. Der macht die Grenzen zwischen Tumor- und normalem Nierengewebe deutlich erkennbar und erhöht die Präzision des Eingriffs. Auch ist der Patient nicht mit dem Roboter allein. Neben dem Chirurgen sind ebenso der Anästhesist, die chirurgische Assistenz und die OP-Pflege im gleichen Raum.

Noch bis vor einigen Jahren wurden bei Tumoren, die Raum in Anspruch genommen haben, nur etwa zehn Prozent aller Nieren erhalten. „Heute sind es 90 Prozent“, sagt der Klinikdirektor deutlich. Obwohl es nach wie vor Befunde gibt, die eine offene Operation erfordern, hinterlassen die meisten Eingriffe keine riesigen Narben mehr und damit auch weniger Gewebeverklebungen. Die OP, bei der der Bauchraum mit Gas gefüllt wird, verursacht anschließend zwar etwas Muskelkater, vermindert aber deutlich den Blutverlust während des Eingriffes.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Überzeugt hat die Patientin vor allem der empathische Umgang mit ihrer Diagnose. „Wir vertreten in unserer Abteilung die Einstellung, dass man den Patienten nur dann die Angst vor dem Eingriff nehmen kann, wenn man sich die Zeit nimmt, alle Fragen und Sorgen ausführlich zu besprechen und den Weg der Behandlung quasi ,Hand in Hand‘ gemeinsam geht. Darauf sind wir auch ein bisschen stolz. So muss gute Medizin funktionieren“, betont Krabbe.

2020 wurden in dieser Fachklinik 200 Nieren-Operationen durchgeführt. „Bei uns arbeiten viele Experten interdisziplinär zusammen. Wir bieten das ganze Spektrum: Von der Primär-Diagnose und kleinen schonenden Eingriffen über invasive Operationen von großen Tumoren bis hin zur Systemtherapie bei metastasierten Karzinomen“, sagt der Klinikdirektor.

„Ich war hier wirklich in den allerbesten Händen und würde auch mit anderen Diagnosen jederzeit wieder ins Uniklinikum kommen“, unterstreicht Petra Rohleder. Eine Systemtherapie war bei ihr nicht angezeigt. Zur Nachsorge ist einmal pro Jahr eine bildgebende Untersuchung angesagt, ansonsten ist der vierteljährliche Besuch beim Urologen in ihrer Nähe ausreichend. „Und bei der letzten Untersuchung waren die Werte so gut wie nie“, freut sich die Patientin.

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