1. www.wn.de
  2. >
  3. Muenster
  4. >
  5. Forschen-und-heilen
  6. >
  7. Dirk Peters und seine Frau „haben das Glück herausgefordert“

  8. >

Schwangerschaft trozt Hodenkrebs

Dirk Peters und seine Frau „haben das Glück herausgefordert“

Bevor Dirk Peters in den Kampf gegen den Hodenkrebs zog, machte er etwas ganz wichtiges: Er ließ seine Spermien in einen Tiefschlaf bei -180 bis -190 Grad in Flüssigstickstoff versetzen. Denn als die Diagnose kam, war er Mitte 20 und seine Familienplanung noch nicht abgeschlossen. Seit zehn Jahren ist er krebsfrei - und er hat eine Tochter, Sophie.

Stefan Werding

Ohne die Möglichkeit, Spermien einzufrieren, würden viele Kinderbetten leer bleiben. Foto: IMAGO/Robert Poorten

Als Dirk Peters seine Diagnose bekam, war es gut, dass ihm ein Arzt trotzdem eine Zukunft zutraute. Er war Mitte 20, als er mit Schmerzen zum Arzt ging und mit dem Wissen nach Hause kam, an Hodenkrebs zu leiden. Die Metastasen waren schon in seine Lunge, seine Leber und seinen Bauch eingedrungen. Die Diagnose kam an einem Freitag, am Montag drauf sollte ihm in einer ersten OP der kranke Hoden entfernt werden. Zu seinem Glück schalteten die Ärzte in Hamm und fragten ihn vorher, ob er Vater werden wollte. Er wollte. Und ist heute froh über seine Tochter Sophie.

Etwa 60 Prozent aller Männer, die an Krebs erkranken, werden von ihren Onkologen nicht darüber informiert, dass sie ihre Spermien einfrieren lassen können, um trotzdem noch Nachwuchs zu bekommen. Das sagt Professorin Sabine Kliesch, Chefärztin am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (Cera) und Leiterin der dortigen Abteilung für Klinische und Operative Andrologie am Universitätsklinikum Münster. Diese „Kryokonservierung“ ist längst etabliert. „Wir müssen dafür sorgen, dass alle Patienten, die in eine solche Situation kommen, auch über diese Möglichkeit informiert werden“, sagt sie. Das müsse so selbstverständlich werden wie die Aufklärung über Nebenwirkungen einer Chemotherapie. Sie setzt auf neue Leitlinien, die Fachärzte für das Thema sensibler machen und ihnen das nötige Wissen mit an die Hand geben sollen. Solange rät sie Patienten, die eine Diagnose wie Peters bekommen, „immer auch noch mal selbst zu fragen“.

Unfruchtbarkeit

Männer und Frauen, die keinen Nachwuchs zeugen oder bekommen können, leiden oft unter ihrer Unfruchtbarkeit. „Der Mensch ist dafür da, sich fortzupflanzen“, sagt Professorin Sabine Kliesch. Beziehungen, bei denen das nicht funktioniert, würden häufiger zerbrechen. „Der eine macht einen Haken dran, der andre zerbricht daran.“ Nicht nur das: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Männer, die keine Kinder zeugen können, öfter krank werden und eine geringere Lebenserwartung haben. Bei ihnen sei zum Beispiel das Risiko, später an einem Prostata-Karzinom zu erkranken, doppelt so hoch wie bei anderen Männern. Kliesch vermutet dafür genetische Gründe, die aber unbekannt seien.

Probleme mit der Fruchtbarkeit

Dass der Hammer Vater werden konnte, hat das Cera möglich gemacht. Die Fachleute dort haben inzwischen 40 000 Männer und Frauen mit Fragen zur Fruchtbarkeit behandelt. Rund die Hälfte davon hatte Probleme, Nachwuchs zu bekommen. Dort gab Peters, der in Wirklichkeit anders heißt und seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, eine „Zeugungsreserve“ ab. Die gespendeten Spermien werden in 36 kleinen Röhren ähnlich einem Strohhalm eingefroren. Dann wird geprüft, wie sie das Einfrieren und Auftauen vertragen. In der Regel ist das kein Problem. Während seine Spermien begannen, für – wie sich später herausstellen sollte – zehn Jahre bei -180 bis -190 Grad in Flüssigstickstoff vor sich hinzuschlummern, zog Peters in den Kampf gegen den Krebs. Eineinhalb Jahre war er nur damit beschäftigt, gesund zu werden.

In Hamm entfernten ihm die Urologen als Erstes den kranken Hoden, um ihn dann in die Uniklinik Hamburg-Eppendorf zu schicken. Dort bekam er das volle Programm: acht Chemos, eine Hochdosistherapie, drei weitere Operationen – eine im Bauchraum und zwei an der Lunge. „Hinterher hätte ich mir vermutlich selbst einen Katheter setzen können“, sagt er heute. Seit 2009 gilt Peters als komplett krebsfrei. „Ich bin seit über zehn Jahren gesund,“ sagt er.

Die „Kryokonservierung“, wie das Einfrieren der Spermien genannt wird, nützt nicht nur Patienten mit Krebs: „Es gibt eine ganze Reihe von Medikamenten, die absolut toxisch sind und stark in die Zellteilung eingreifen“, sagt Sabine Kliesch. Das gelte zum Beispiel für die Sichelzellenanämie, schwere Nierenerkrankungen oder für Patienten vor einer Stammzellentransplantation.

Professorin Sabine Kliesch Foto: UKM

Krankenkassen übernehmen in Zukunft das Einfrieren

Die Kosten für die Behandlung: 500 bis 600 Euro einmalig für die Aufbereitung und das Einfrieren und rund 250 Euro pro Jahr. Peters musste das noch selbst bezahlen. In Zukunft müssen die Krankenkassen das Einfrieren von Ei- und Samenzellen übernehmen, wenn Patienten durch Therapien unfruchtbar zu werden drohen. Das regelt das neue Gesetz für schnellere Termine und bessere Versorgung.

Die Experten im Cera können mehr als nur Spermien einfrieren. Sie forschen in den verschiedensten Bereichen der künstlichen Befruchtung. Zum Beispiel suchen sie nach Wegen, die Fruchtbarkeit von Kindern zu schützen, die etwa an Krebs erkranken. „Bei ihnen können wir nur Stammzellen aus dem Hoden einfrieren, damit daraus später Samenzellen werden“, erklärt Kliesch. Die Forscher arbeiten an entsprechenden Therapien. „Das ist keine Science-Fiction“, sagt Kliesch. „Bei Äffchen funktioniert das bereits.“

Unter dem Mikroskop wird ein Spermium in eine Eizelle injiziert. Foto: UKM

"Samenzellen zu dusselig"

Die Forschung hat für die Patienten des Cera schon konkrete Verbesserungen gebracht. Lange gab es zum Beispiel Patienten, deren Ejakulat auf den ersten Blick völlig in Ordnung war, die Partnerin aber trotzdem nicht schwanger wurde. Die Wissenschaftler in Münster fanden heraus, dass kleine Ionenkanäle in den Spermien beschädigt waren. „Dadurch waren die Samenzellen zu dusselig, die Eizelle zu finden und zu befruchten“, sagt Kliesch. Jetzt kann ein einfacher Labortest klären, ob die Kanäle in Ordnung sind. Wenn nicht, besteht trotzdem die Chance, Kinder zu bekommen. Allerdings müssen dann Spermien unter dem Mikroskop in Eizellen injiziert werden.

Das ist auch für Dirk Peters das Verfahren, um Vater zu werden. Er hat inzwischen eine Frau kennengelernt und 2019 geheiratet. Da wurde es Zeit, sich an die Spermien zu erinnern, die in Münster in einem Spezialkühlschrank lagerten. Er nahm Kontakt mit der Kinderwunsch-Klinik auf, dann ging das aufwendige Verfahren los.

"Glück herausgefordert, ein bisschen Gott gespielt"

Wenn sich ein Mann entscheidet, die Spermien zu verwenden, muss seine Partnerin mit Hormonen stimuliert werden, um das Wachstum ihrer Eibläschen anzuregen. Ärzte entnehmen ihr diese Eibläschen unter Narkose, nachdem sie ein Röhrchen mit Spermien aufgetaut haben. Unter dem Mikroskop wird eine Auswahl von Spermien in mehrere Eizellen injiziert. Dieses Verfahren heißt ICSI, wird wie „ixi“ ausgesprochen und steht für Intrazytoplasmatische Spermieninjektion. Dann lagern die befruchteten Eizellen zwei bis drei Tage in einem Kulturenschrank, bevor sie mit einem feinen Katheder durch die Scheide und den Gebärmutterhals in die Gebärmutter gespült werden, wo sie sich einnisten sollen. Die Chance, die Geburt eines Kindes zu erleben, kann je nach Alter der Frau sogar höher sein als bei den Paaren, die miteinander schlafen. Allerdings ist auch das Risiko für Fehlgeburten nach einer ICSI-Behandlung etwas höher als bei der natürlichen Schwangerschaft.

Bei Peters und seiner Frau hat es gleich beim ersten Mal geklappt, und das gleich drei Mal. „Wir haben das Glück herausgefordert, haben ein bisschen Gott gespielt“, sagt Dirk Peters heute. Seine Frau und er erwarteten Drillinge, mussten dann aber schwere Entscheidungen treffen. Um es kurz zu machen: Die beiden mussten zwei Kinder verlieren, um Sophie und die Gesundheit der Mutter zu retten. Nach den Erfahrungen sieht alles danach aus, dass Sophie wohl ein Einzelkind bleiben wird, „über das wir aber natürlich sehr glücklich sind“, sagt der Vater heute.

Startseite