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Sonderveröffentlichung

Autoimmunerkrankung

„Ein Schritt vor, zwei zurück“

Münster

 Als Ralph Espeloer aus Unna eine Lungenentzündung bekommt, die immer stärker wird und er auch noch Blut hustet, fährt er ins örtliche Krankenhaus. Die Diagnose lautet: Granulomatose mit Polyangiitis (GPA), eine Autoimmunerkrankung.

Von Lina Schmissas

Dr. Karsten Wiebe zeigt seinem Patienten Ralph Espeloer und dessen Frau Ute die Ecmo, die den Patienten am Leben gehalten hat. Foto: Peter Leßmann

Durch eine überschießende Abwehrreaktion schwellen die Gefäßwände an und der Blutfluss zu den Organen sinkt. Vor allem Nieren und Atemwege werden dadurch mit zu wenig Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. „Die GPA befällt jedoch prinzipiell jede Region des Körpers, da sich überall kleinste Gefäße befinden“, erklärt Professor Gert Gabriëls, Oberarzt der Medizinischen Klinik D im Uniklinikum Münster (UKM), der sich als Rheumatologe bestens mit diesem seltenen Krankheitsbild auskennt. Dorthin verlegen die Ärztinnen und Ärzte Espeloer letztendlich, nachdem sie ihn in Unna ins künstliche Koma versetzt haben, da es seiner Lunge immer schlechter geht.

In Münster wird er dann wochenlang künstlich beatmet. Seiner Frau Ute Espeloer ist im Gespräch anzumerken, wie sie diese Monate voller Angst und Ungewissheit emotional aufgewühlt haben. Sie konnte ihren Mann aufgrund der Pandemie-Beschränkungen zeitweise nicht besuchen und wartete immerzu sehnsüchtig auf Neuigkeiten von der Intensivstation, von wo aus man sie täglich mehrmals anrief.

Auch als Espeloer wieder aufwacht, geht es nur schleppend voran. „Ich wusste weder, wo ich war, noch welchen Tag oder gar Monat wir hatten“, erinnert er sich, der auf der Intensivstation 56 Jahre alt wurde. Um beim Atmen Unterstützung zu bekommen, muss er eine Überdruckmaske tragen, die fest am Kopf angeschnallt werden muss und Panik bei dem Schwerkranken auslöst.

Schäden durch langjähriges Rauchen

Darum hilft nur noch ein Luftröhrenschnitt. Mit der neuen Atemöffnung lässt es sich zwar leichter atmen. Weil aber das Sprechen damit nicht möglich ist, muss sich der Intensiv-Dauergast mit Papier und Stift verständigen. Als endlich Ende März, nach zwei Monaten auf der Intensivstation, eine Verlegung auf die Normalstation in Aussicht steht, wähnt sich das Ehepaar auf dem Weg der Besserung. Aber dem ist nicht so: Durch langjähriges Rauchen hatte der 56-Jährige seine Lunge zusätzlich geschädigt, mit der Zeit hat sich ein dafür typisches Lungenemphysem gebildet.

Das heißt: Viele kleine Lungenbläschen sind zu einer großen Blase verschmolzen, die schließlich platzt. Die Folge ist ein Pneumothorax. Die freigesetzte Luft verringert den Unterdruck im Brustkorb, ohne den die Lunge, die normalerweise aufgebläht ist, in sich zusammenfällt. Durch eine Drainage wird die freie Luft abgelassen. Espeloer darf mit dem Schlauch in seiner Brust nach Hause, nach vier Monaten im Krankenhaus. „Aber immer, wenn es einen Schritt nach vorne zu gehen schien, ging es direkt wieder zwei zurück“, fasst er das nachfolgende Geschehen zusammen.

Da sich der Pneumothorax nicht ausreichend zurückbildet, sondern mittlerweile pro Minute ein Liter Luft aus dem Brustkorb des Lungenkranken abgepumpt werden muss, wird der Patient wieder ins UKM aufgenommen. „Nach ein paar Metern Laufen war für mich Feierabend“, beschreibt Espeloer das Gefühl, mit einer zusammengefallenen Lunge leben zu müssen, „da fühlte ich mich bereits wie nach einem 100-Meter-Sprint.“ Aufgrund dieses besorgniserregenden Zustandes wird schließlich Dr. Karsten Wiebe hinzugezogen. Als Leiter der Thoraxchirurgie hat er bereits unzählige Eingriffe an dem Atmungsorgan durchgeführt.

Das Rauchen hat das Lungengewebe des Patienten nachhaltig beschädigt, sodass seine Behandlung noch komplizierter wurde. Foto: dpa

„Wie beim Flicken eines Fahrradschlauches"

„Bei dem Patienten kamen jedoch einige erschwerende Faktoren zusammen“, erklärt der Chirurg. Zum einen das langjährige Rauchen, das das Lungengewebe nachhaltig geschädigt hatte, obwohl der 56-Jährige bereits seit fünf Jahren abstinent gewesen war. Zum anderen die Verklebungen der Lungenentzündung und nicht zuletzt die durch die GPA entstandenen großen Hohlräume in dem Organ ließen die Aufgabe zunächst als nicht zu bewältigen erscheinen. Die fast vierstündige OP, die am 29. April im UKM stattfindet, musste deswegen unter sehr ungewöhnlichen Vorkehrungen ablaufen. Da bei einem Eingriff an der Lunge die ständige Bewegung durch das Ein- und Ausatmen stört, wird standardmäßig der zu behandelnde Lungenflügel stillgelegt, während die andere Seite die Sauerstoffversorgung des Körpers alleine übernimmt.

Da Espeloers Lunge dieser Aufgabe jedoch nicht mehr gewachsen ist, wird der Narkotisierte an eine Ecmo angeschlossen. Während die Lunge fast vollständig stillsteht, füllt man seinen Brustkorb mit einer Flüssigkeit, um das Loch zu finden, aus dem weiterhin Luft ausströmt. „Das muss man sich vorstellen wie beim Flicken eines Fahrradschlauches. Man sieht direkt, wo die Luftblasen entweichen“, erklärt Wiebe. Tatsächlich findet das Operationsteam so die undichte Stelle an der Lungenspitze. Sie kann den betroffenen Teil erfolgreich entfernen. Bereits am Abend nach der Operation geht es Espeloer deutlich besser. Und seitdem geht es stetig bergauf.

Ecmo

Nachsorge

Am Tag des Interviews ist er nur zu Besuch in den Türmen, um ein Röntgenbild zur Nachsorge machen zu lassen. Außerdem bekommt Espeloer alle zwei Wochen Medikamente, die sein immer noch verrücktspielendes Immunsystem bremsen sollen. „Da müssen wir jetzt am Ball bleiben“, betont Gabriëls, damit die Krankheit im besten Fall in wenigen Jahren ausbrenne. Sein ehemaliger Patient schiebt noch einen Rollator vor sich her, denn seine Beine sind etwas taub, auch eine Folge der Granulomatose. Trotzdem ist er sehr zuversichtlich und trainiert zu Hause bereits fleißig auf dem Ergometer, damit er möglichst bald wieder zur Normalität zurückkehren kann.

Zumindest schafft er es fürs Erste wieder die Stufen zum gemeinsamen Schlafzimmer des Paares hinauf, worüber sich auch Ute Espeloer besonders freut. „Ihn zu verlieren, wäre für mich das Schlimmste gewesen“, betont die Bäckereifachverkäuferin, die in den letzten Monaten sehr viel Unterstützung von Freunden und Kollegen erhalten hat und sich trotzdem nicht selten überwinden musste, nach Hilfe zu fragen bei alltäglichen Dingen wie einer Autoreparatur. „Das war mein schlimmstes halbes Jahr“, konstatiert sie unter Tränen und fügt an die Runde gerichtet hinzu: „Aber ich sage einfach nur Danke an alle – für die große Unterstützung, die wir hier in der Uniklinik erhalten haben!“

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