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Sonderveröffentlichung

Tumor-Entfernung am UKM

Hand in Hand mit dem Roboter: "da Vinci" behandelt Speiseröhrenkrebs

Wer gegen den Krebs kämpft, wünscht sich einen kompetenten Arzt an seine Seite. In Helmut Seltings Fall war das nicht nur sein Onkologe, sondern auch Roboter "da Vinci", der am UKM zum Einsatz kommt. Arzt und Roboter bekämpfen Hand in Hand Seltings Speiseröhrenkrebs - und minimieren so den Aufenthalt auf der Intensivstation.

Marion Fenner

Roboter können mit Patienten besonders schonend umgehen. Das ist ihr entscheidender Vorteil. Foto: UKM/Fotozentrale/Wibberg

Die Diagnose Speiseröhrenkrebs hat Helmut Selting erst komplett umgehauen. Dann hat der 50-Jährige das gemacht, wovon jeder abrät: Er hat im Internet recherchiert und ist dort auf unendlich viele Horrornachrichten und nicht immer hilfreiche Tipps gestoßen. Der Rekener vertraute dann doch lieber seinem Onkologen vom UKM.

Es folgten Chemotherapie und Bestrahlung. Anschließend kam Selting zum Universitätsklinikum Münster (UKM) und traf dort auf Dr. Jens Peter Hölzen, Leitender und Geschäftsführender Oberarzt und Bereichsleiter für roboterassistierte Chirurgie. „Der Tumor muss auf jeden Fall entfernt werden“, erklärte ihm der Chirurg. Hölzen riet zu einer Operation mit dem Roboter „da Vinci“. „Das musste ich mir erst einmal genau erklären lassen“, erinnert sich Selting. „Ein echter Arzt erschien mir in dieser Situation doch vertrauenswürdiger“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Hölzen hat die Bedenken schnell ausgeräumt, denn Roboter und Arzt arbeiten bei diesem Eingriff sozusagen Hand in Hand. „Der Roboter macht nichts von alleine und folgt nur den Anweisungen des Chirurgen“, versichert der Robotik-Spezialist. „Um den Tumor zu entfernen, muss auch ein Teil der Speiseröhre samt umliegendem Gewebe aus der Brusthöhle und dem Bauchraum über- und unterhalb des Zwerchfells herausgenommen werden.“

Nur noch eine Nacht statt 30 auf der Intensiv

Nach konventioneller Operationsmethode bedeute das große Schnitte. Mithilfe von „da Vinci“ ist dieser Eingriff minimalinvasiv und damit für den Patienten sehr schonend. Selting zeigt seine Narben, eine davon ist gerade mal sechs Zentimeter lang, die anderen nur einen Zentimeter. Schon am Tag nach der Operation sei er wieder auf den Beinen gewesen. Genau das sei ein entscheidender Vorteil der Robotik, betont Hölzen. Nach einer Speiseröhren-Resektion habe der Patient früher sechs bis zehn Tage auf der Intensivstation verbracht. Rund 30 Tage Krankenhausaufenthalt seien nötig gewesen. Nach der Operation mit der neuen Technik, die seit 2018 am UKM eingesetzt wird, verbringe der Patient nur noch eine Nacht auf der Intensivstation und anschließend einige Tage in der Klinik. Danach könne sofort die Reha beginnen. Die Narben seien schnell verheilt.

Auch im Inneren des Körpers mussten keine größeren Muskelstränge durchtrennt werden. Das wirke sich auf den Allgemeinzustand des Patienten aus, der wieder schneller auf die Beine komme, erklärt Professor Andreas Pascher. Das Infektionsrisiko sei damit geringer, ebenso die Gefahr einer Lungenentzündung. „Je eher der Patient mit der Anschlussbehandlung beginnen kann, desto besser fördert das die Genesung“, erklärt der Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie. Die schnellere Rückkehr in das häusliche Umfeld habe auch Einfluss auf den psychischen Zustand.

Zunächst erschien Helmut Selting „ein echter Arzt doch vertrauenswürdiger“. Dann bekam er beides: Dr. Jens Peter Hölzen (l.) ist Arzt und Experte im Umgang mit einem OP-Roboter. Foto: Marion Fenner

Roboter "da Vinci" behandelt auch andere Krankheiten

Um mit der Robotik-Methode operieren zu können, hat Hölzen eine lange Ausbildung mit einer anschließenden „Führerscheinprüfung“ absolvieren müssen. Allein 100 Stunden am Simulator, dann Operationen an einer Puppe und Eingriffe unter Aufsicht eines erfahrenen Arztes gehörten dazu. Unter anderem in den Niederlanden absolvierte Hölzen seine Ausbildung und legte die Prüfung in Straßburg ab. Mittlerweile hat er rund 500 Operationen mit der Robotik-Methode durchgeführt und ist immer noch so begeistert von der Technik wie am ersten Tag.

2018 kam Hölzen von der Ruhr-Universität aus Bochum nach Münster, gemeinsam mit Pascher, der zuvor an der Berliner Charité tätig war. In der Urologie sei die Arbeit mithilfe eines Roboters mittlerweile an der Tagesordnung, erklärt Hölzen. Doch am UKM werden mit „da Vinci“ neben der Speiseröhren-Resektion unter anderem auch Zwerchfellbrüche, Magen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs behandelt. Dazu kommen Eingriffe an der Leber, den Nebennieren sowie im Dick- und Enddarm.

Ein Führerschein für „da Vinci“

Am Universitätsklinikum Münster (UKM) gibt es laut Professor Andreas Pascher, Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie und selbst ausgebildeter Roboterchirurg, derzeit acht Chirurgen, die den Führerschein für die Bedienung des Roboters „da Vinci“ haben. Mittlerweile steht im chirurgischen Operationssaal mit dem „da Vinci Xi“ und seinen Assistenzkomponenten eines der modernsten Roboter-Systeme in Deutschland. Am UKM werden in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie damit vor allem Patienten mit Speiseröhrenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, Krebserkrankungen der Leber sowie des Dickdarms und Enddarms operiert. Diese Technik begeistert auch junge Ärzte. „Es ist nicht immer einfach, Nachwuchs in unserer Branche zu finden“, sagt Dr. Jens Peter Hölzen, Leitender und Geschäftsführender Oberarzt und Bereichsleiter für roboterassistierte Chirurgie. „Junge Ärztinnen und Ärzte aus der ,Generation Playstation‘ zeigen häufig ein großes Talent und lernen diese Techniken schneller als die älteren Kollegen.“

Das Gerät ersetzt kein Personal

Der Chirurg mit „Führerschein“ sitzt an einer Operationskonsole direkt neben dem Patienten und bedient von dort aus den vierarmigen Roboter. Mittels Joystick und Fußpedal – „es ist ein bisschen wie Orgelspielen“, erklärt Hölzen seine Arbeit bildlich – steuert er die Instrumente. Auf einem Bildschirm sieht er das Operationsgebiet im Inneren des Patienten gestochen scharf in bis zu zehnfacher Vergrößerung. „Das erlaubt mir ein sehr feines Vorgehen. Ich erkenne kleinste Gefäße, die mit dieser Methode nicht beschädigt werden.“ Mittels Laser kann er zudem Dinge sichtbar machen, die das menschliche Auge nicht sieht.

Das einzige Manko dieser Operationsmethode sei die fehlende Haptik. Dabei muss sich Hölzen auf seine Erfahrung verlassen und mit den Augen fühlen, wie er betont. „Ich sitze an meinem Arbeitsplatz, bekomme keine Rückenschmerzen vom Stehen und kann mich länger konzen­trieren“, zählt Hölzen die Vorteile auf. Zudem seien die Operationsgeräte an den Roboterarmen viel beweglicher als menschliche Gelenke. Personal wird durch diese Art der Operation nicht gespart: „Wir brauchen weiterhin ein gutes und starkes Team, das perfekt aufeinander eingespielt ist“, betont Hölzen.

Der Chirurg mit „Führerschein“ sitzt an einer Operationskonsole direkt neben dem Patienten und bedient von dort aus die Werkzeuge im Körper der Patienten. (UKM) Foto: UKM Fotozentrale Wibberg

Selting ist heute wieder gesund

Auf Homeoffice kann der Arzt bei der Robotik derzeit noch nicht umsteigen. Denn die Datenmengen, die bei dieser Operation übertragen werden, können nicht über eine weitere Entfernung fließen. Hölzen ist aber sicher, dass das künftig das Ziel sei. Dann könnten bei besonders schwierigen oder seltenen Fällen Experten aus anderen Kliniken live zugeschaltet werden, um auf allerhöchstem Niveau zu operieren. „Doch das ist heute noch Zukunftsmusik.“

Selting ist froh, dass er sich für diese Operationsmethode entschieden hat. Es geht ihm heute wieder gut. Er kann wieder fast normal essen und das Leben genießen. Er selbst hofft natürlich, sich nicht noch einmal unters Messer legen zu müssen. Der 50-Jährige kann aber jedem, den dieser Schicksalsschlag trifft, nur empfehlen, da Vinci samt erfahrenem Operateur zu vertrauen.

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