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Sonderveröffentlichung

Interview mit einem Neurologen

Impfstoff-Nebenwirkungen: Der Radar funktioniert

Münster

Die Sinusvenenthrombosen, die durch den Impfstoff Astrazeneca berühmt geworden sind, gehören zum Repertoire der Neurologen an der Uniklinik Münster. Professor Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie am UKM spricht im Interview über die Debatte um die Nebenwirkungen des Impfstoffs.

Stefan Werding

Der Impfstoff Astrazeneca kann – in seltenen Fällen – zu einer sogenannten Sinusvenenthrombose führen. Foto: IMAGO/KJPeters

Wer mit einem schweren Schlaganfall ins Krankenhaus muss, landet oft in den Händen der Ärzte an der Uniklinik Münster.  Sinusvenenthrombosen gehören zum Repertoire der Neurologen dort. Professor Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie mit dem Institut für Translationale Neurologie am UKM erklärt, was er von der Debatte um die Nebenwirkungen des Impfstoffs von Astrazeneca hält.

Sinusvenenthrombosen sind durch den Impfstoff Astrazeneca berühmt geworden und gelten als ausgesprochen selten. Wie oft haben Sie mit solchen Thrombosen zu tun?

Heinz Wiendl: Na ja, ich bin ja Neurologe und wir haben einen großen Auftrag in der vaskulären Versorgung. Daher sind Sinusvenenthrombosen eine relevante, nicht häufige, aber uns sehr gut bekannte Ursache für Kopfschmerzen, neurologische Ausfälle und/oder Schlaganfälle.

Wie oft passiert es in Ihrem Alltag, dass sie mit solchen Thrombosen zu tun haben?

Wiendl: Wir behandeln pro Jahr ungefähr 1400 Schlaganfälle am UKM. Ich schätze, Sinusvenenthrombosen lösen davon maximal 25 bis 30 aus.

Warum heißt die Sinusvenenthrombose Sinusvenenthrombose?

Wiendl: Weil es sich um eine Verstopfung mit einem Thrombus in den sogenannten Sinusvenen handelt, so nennen sich die blutableitenden Gefäße im Gehirn.

Wie bewerten Sie die Debatte um die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung durch Astrazeneca?

Wiendl: Zunächst einmal denke ich, dass unser Radarsystem, der ein neues Medikament oder eine Impfung auf mögliche Nebenwirkungen überprüft, gut funktioniert, das Pharmakovigilanzsystem also funktioniert. Es erkennt auch sehr seltene Nebenwirkungen. Der Radar ist also relativ empfindlich. Die Engländer haben offensichtlich erst bei ungefähr 30 Millionen Geimpften gemerkt, dass es einen – wenn auch seltenen – Zusammenhang zwischen diesem Impfstoff und einer seltenen, aber gehäuften Nebenwirkung gibt. Wir stellen fest, dass das in Deutschland viel, viel schneller ging. Der zweite Punkt: Die Nebenwirkung ist sehr selten. Auf mehr als 50 000 Impfungen kommt eine Sinusvenenthrombose.

Trotzdem ist das kein Grund zur Entwarnung.

Wiendl: Das stimmt. Bei jedem einzelnen Fall ist die Frage berechtigt: Warum hat man nicht davor gewarnt? Genau das ist jetzt passiert. Zum Glück haben wir inzwischen Alternativen zu Astrazeneca und können Frauen unter 60, bei denen man diese Häufung einer seltenen Komplikation gesehen hat, eine Alternative anbieten.

Was vermuten Sie: Warum trifft es Frauen unter 60 häufiger?

Wiendl: Letztlich wissen wir es nicht sicher. Das hat vermutlich auch hormonelle Gründe. Sinusvenenthrombosen außerhalb von Impfungen sehen wir ebenfalls am häufigsten bei Frauen, die die Antibabypille nehmen, bei Übergewicht, bei zusätzlichen Gerinnungsstörungen, bei Schwangeren, und im Wochenbett.

Die Ursache für die Thrombose ist eine Autoimmunreaktion. Können Sie mir schildern, was mit dem Blutplättchen genau passiert?

Wiendl: Die von vielen zitierte Hypothese ist, dass das Immunsystem Antikörper gegen die vom eigenen Körper gebildeten Blutplättchen bildet. Das führt dazu, dass diese Thrombozyten verklumpen und/oder ihre Zahl abnimmt.

Geimpfte fürchten, dass sie eine mögliche Thrombose nicht erkennen. Offensichtlich spielt ein langsam ansteigender Kopfschmerz eine entscheidende Rolle. Was würden Sie Patienten raten?

Wiendl: Ein wichtiges Warnsignal ist, wenn der Kopfschmerz über mehrere Tage anschwillt. Wir nennen das auch „Crescendo”. Dann sollte man innerhalb von drei bis vier Tagen die Notaufnahme aufsuchen. Die Beschwerden treten meist nicht schlagartig auf. Wenn der Kopfschmerz mit neurologischen Ausfällen verbunden ist – das können Gefühlsstörungen, Lähmungen, Sehstörungen oder Krampfanfälle sein – dann ist es natürlich schon höchste Eisenbahn. Und wenn der Kopfschmerz eine ungewöhnliche Intensität oder Qualität hat.

Das sind drei Anhaltspunkte. Die lassen sich nicht exakt voneinander trennen, aber so lässt sich die Zahl der Patienten reduzieren, die in die Notaufnahme kommen, sobald sie einen leichten Kopfschmerz spüren. Die anschwellenden Kopfschmerzen, die auf eine mögliche Sinusvenenthrombose hinweisen, beginnen frühestens sieben, meistens zehn Tage nach der Impfung. Am Tag eins oder zwei ist so eine Immunreaktion sicher noch gar nicht möglich. Und Geimpfte sollten nicht vergessen, dass leichte Kopfschmerzen auch eine erwartbare Nebenwirkung einer Impfung sind, weil sie zeigen, dass der Impfstoff anschlägt.

Was genau löst den Kopfschmerz aus: Kann man sich vorstellen, dass irgendwo mitten im Kopf ein Blutpfropfen feststeckt, der den Blutfluss blockiert?

Wiendl: Ganz genau. Eine Sinusvenenthrombose ist mit einer verstopften Badewanne vergleichbar. Es gibt natürlich Umgehungskreisläufe im Kopf, aber wenn die Hauptabflüsse verstopft sind, dann staut es sich zurück. Das wiederum führt zur Ausweitung der Hirnhäute, die die Kopfschmerzen auslöst.

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