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Studie der Uniklinik Münster

Krafttraining für die Seele

Münster

Erst die Diagnose „bösartiger Hirntumor“ mit OP, Bestrahlung, Chemo. Und dann raten ihr noch alle, sie solle sich schonen. Da musste Anja Westermann schon jede Menge Kräfte mobilisieren, um zwei Mal die Woche von Niedersachsen nach Münster zu fahren, um dort Sport zu machen.

Stefan Werding

Die Quälerei an den Geräten kann das Wohlbefinden von Patienten und Patientinnen mit einem Hirntumor deutlich steigern. Foto: E.Deiters-Keul

Erst die Diagnose „bösartiger Hirntumor“ mit OP, Bestrahlung, Chemo. Und dann noch all die Verwandten und Nachbarn, die ihr eintrichtern, sie solle sich erstmal schonen. Da musste Anja Westermann schon jede Menge Kräfte mobilisieren, um das Angebot von Privatdozentin Dorothee Wiewrodt anzunehmen, und zwei Mal die Woche von Niedersachsen nach Münster zu fahren, um dort Sport zu machen. „Es ist nicht leicht, aus den Puschen zu kommen, wenn dir alle sagen: ‚Mach mal langsam‘“, erzählt die 51-Jährige.

Nun hat sie es allen gezeigt. Vier Monate lang zwei Mal pro Woche ist Anja Westermann, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, für eine Studie der Uniklinik Münster in den Kraftraum neben der Leichtathletikhalle der Uni Münster gekommen. An ihrer Seite Ralf Brandt, Sportwissenschaftler und Diplom Trainer. Der hat schwerkranken Patienten wie Anja Westermann schon mehr als 4100 persönliche Trainingsstunden gegeben und hat damit nach Angaben der Uni die meisten Erfahrungen mit Hirntumorpatienten in Deutschland.

Auf dem Fahrrad hat Anja Westermann jede Woche eine 46-minütige Ausdauereinheit absolviert. Brandt steht neben ihr und erhöht und senkt an dem Gerät alle zwei Minuten die Wattzahl. An einem Tisch mit einem Laptop sitzt die examinierte Sportwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin in der Neurochirurgie, Johanna Jost, die Westermanns Belastung und ihren Puls akribisch in eine Tabelle einträgt. Die Zahlen werden nachher viel von der Patientin verraten: ihre Fitness, ihre verbrauchten Kalorien, ihre Herzfrequenz. Und nicht nur das: Die Zahlen – in bunte Linien übertragen – zeigen ihr, dass nach den 16 Wochen ihre Fitnesswerte doppelt so gut sind – trotz ihres Krebses.

Ergometer auch bei Gleichgewichtsproblemen geeignet

Der Ergometer ist für die Patienten das ideale Sportgerät, weil sie – anders als etwa beim Joggen – an fünf Punkten fixiert sind. Mit den beiden Händen am Lenker, den Füßen auf den Pedalen und dem Po auf dem Sattel haben sie fünf Punkte, an denen sie sich quasi festhalten können. Das hilft, weil man nach einer OP am Kopf oft Gleichgewichtsprobleme hat. Andere Betroffene haben eine Körperhälfte, die stärker beeinträchtigt ist als die andere. Manche von ihnen können sich nicht mehr so gut konzentrieren oder bekommen Probleme, wenn sie mehrere Dinge gleichzeitig tun sollen – also in die Pedale treten und Hanteln stemmen zum Beispiel. „Die Vielfalt der Einschränkungen ist groß“, sagt Brandt. Und die Folgen der schweren Krankheit oft unübersehbar.

Und wenn die Patienten auf dem Fahrrad sitzen, sind ihre Daten erheblich leichter zu erheben, als wenn sie laufen würden.

„Ich kann etwas zurückgeben“

Dabei hatte Anja Westermann sich direkt nach der schweren Hirn-OP nicht vorstellen können, wie es weitergehen soll. Doch schon ein paar Wochen später „haben viel mehr Gründe für als gegen die Studie gesprochen“, sagt die Patientin mit einem Glioblastom. Im Krankenhaus hatte sie noch kein Interesse an „irgendwelchen Flyern“, die für die Studie warben. Das hat sich geändert: „Ich habe von früheren Studien profitiert. Durch meine Teilnahme kann ich jetzt ein bisschen was zurückgeben“, sagt die Mutter von zwei Kindern (15 und 19). „Dann profitieren andere Patienten davon.“

Anfang August ist sie mit dem ersten Test ins Training eingestiegen. Da lag die OP gerade mal drei Monate zurück, Bestrahlung und Chemo starteten etwa vier Wochen danach. Die Chemo, die ein halbes Jahr dauert, hat sie gleichzeitig zum Sport bekommen, die Bestrahlung hatte sie da bereits hinter sich. Als sie den Kraftraum das erste Mal betreten hat, ballte sie ihre Fäuste und sagte: „Jetzt kommt mein persönlicher Marathon.“

Die verbleibende Zeit lebenswerter machen

Die Studie kann nicht beweisen, ob Patientinnen wie sie durch Sport länger leben. Dafür sind die 46 Probanden zu wenig. „Inwieweit sich Glioblastome von Bewegung beeindrucken lassen, wissen wir noch nicht“, sagt Privatdozentin Dorothee Wiewrodt. Das ist bei anderen Krankheiten schon erforscht. So gilt es als erwiesen, dass sportlich aktive Menschen seltener an Brust- und Darmkrebs erkranken. Ziel der Studie sei auch gar nicht, die Frage zu beantworten, ob Sport das Leben verlängert, sondern ob er Patienten mit einer schlechten Prognose die Chance bietet, die Qualität der verbleibenden Zeit zu verbessert. Nach dem bisherigen Stand ihrer Untersuchungen sind sowohl Brandt als auch Wiewrodt vom Nutzen des Sports für die Betroffenen überzeugt. Das Training hat mit Pilates, das Westermann vor ihrer Diagnose zu Hause gemacht hat, wenig zu tun. Nach jedem Zwei-Minuten-Intervall und einer einminütigen Erholungsphase steigt die Belastung um ein paar Watt – „bis zur Ausbelastung“, wie es Trainer Brandt sagt. Ausbelastung heißt: Bis seine Patientin nicht mehr kann. Und beim Krafttraining schwitzt Westermann an zwölf Geräten. Jedes Mal drei Sätze à 21 Übungen: Das bedeutet 63 Wiederholungen pro Gerät. Das ist nicht das, was Westermanns Nachbarn mit „Schon dich“ meinten.

„Bis zur Erschöpfung – aber kontrolliert“

Der Trainer kommt aus dem Hochleistungssport, nennt seine Patienten lieber Athleten, obwohl sich in ihrem Kopf oft ein Tumor oder dessen (nachwachsender) Rest breitmacht. Bei jedem Training hat ihn Anja Westermann mit zusammengebissenen Zähnen mindestens ein Mal verflucht, gesteht sie und lacht. Brandt („Ich bin jemand, der versucht, Patienten die Lust am Schmerz beizubringen“) kann damit gut leben. „Bis zur Erschöpfung – aber kontrolliert“, sagt er. Für die Patienten sei es ganz wichtig, ihre „Grenze vor der Grenze“ zu erkennen. So könnten sie mit gutem Gewissen sowohl in die alltägliche als auch sportliche Belastung gehen, ohne ständig beunruhigt zu sein.

Ralf Brandt hat Patienten kennengelernt, die von Leistungssportlern gar nicht so weit weg sind. Das sind die, die noch mal testen wollen, zu was sie wirklich in der Lage sind. „Die geben alles“, sagt der Sportlehrer. Und müssten mehr gebremst als gepuscht werden.

Der Leistungsanstieg ist klar messbar. Am Anfang hat Westermann mit der Beinpresse das 1,2-Fache ihres Körpergewichts gestemmt, jetzt ist es das 2,5-Fache. „Ich fahre jedes Mal ein bisschen fitter nach Hause und stecke voller positiver Energie“, berichtet die 51-Jährige. Und: „Meine Lebensqualität ist viel größer.“

Genau darum macht Wiewrodt die Studie: Mehr Kraft in den Beinen macht auch die Seele stärker. Sie hat ihre Zweifel, dass Patienten mit einem Hirntumor beim Sport viel vorsichtiger sein müssen als andere Krebspatienten. Für die These anderer Fachleute und Ratgeber, dass „bei anstrengender körperlicher Belastung die Gefahr von neurologischen Ausfällen bis hin zur plötzlichen Bewusstlosigkeit“ bestehe, findet sie unter den kontrollierten Bedingungen im Kraftraum der Uni Münster bislang jedenfalls keine Beweise.

Ganz im Gegenteil: Das Training sorgt für mehr Energie, mehr Selbstvertrauen, mehr Lebenslust. Viele Patienten scheuen die Bewegung nicht länger, fahren wieder Fahrrad, bekommen dadurch neue Eindrücke, können etwas erzählen, wenn sie wieder nach Hause kommen, bekommen mehr Selbstvertrauen: ein Engelskreislauf – und das bei Patienten mit einem Glioblastom, deren Lebenserwartung in Monaten gezählt wird.

Ergänzende Gesprächstherapie und Kreativangebote

Dorothee Wiewrodt, Fachärztin für Neurochirurgie und Psychotherapeutin, bietet den Betroffenen in ihrer körperlich und seelisch belastenden Zeit neben dem Sport Gesprächstherapien sowie kreative Angebote für die Angehörigen an. Ihre Schützlinge sind durch den Hirntumor noch stärker belastet als andere Krebspatienten. Zwei Drittel von ihnen entwickeln Symptome einer psychosozialen Belastung, ein Teil auch Angststörungen und Depressionen. Das Selbstwertgefühl ihrer Patienten sei oft am Boden. Etliche von ihnen hat der Tumor völlig überrascht, sie haben epileptische Anfälle und das Gefühl, ihrem Körper nicht mehr vertrauen zu können. Durch das Training spüren die Patienten ihren Körper wieder. „Sie merken, was sie sich zutrauen können, stellen fest, dass sie wieder belastbarer sind“, sagt die Psychoonkologin. Oder wie Westermann es sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe. Ich bin über mich selbst hinausgewachsen.“ Darum hat sie sich vorgenommen, weiterzutrainieren. Solange die Fitnessstudios in ihrer Heimat wegen Corona geschlossen bleiben, kommt sie ein Mal pro Woche nach Münster. Sie hat sich schon einen Plan gemacht, wie viel Kilos sie in Zukunft im Kraftraum stemmen will. „Ich möchte Gewichte heben und alles geben“, sagt sie. Denn eins weiß sie: „Das tut der Seele gut.“

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