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Sonderveröffentlichung

Herzinsuffizienz

Mit dem Herzschlag leben

Münster

Franz Günther geht zielstrebig durch die Flure des UKM. Seit 30 Jahren kommt er aus dem Kreis Paderborn regelmäßig zu Nachsorgeuntersuchungen in das münsterische Klinikum. Der 60-Jährige kommt mit Freude, aber auch mit Demut. Denn: „Hier in Münster wurde mir ein neues Leben geschenkt.“

Marlies Grüter

Eine Herztransplantation vor 30 Jahren ermöglicht Franz Günther, ein völlig normales Leben zu führen. Foto: privat

Gerade einmal 30 Jahre alt war Franz Günther, als ihn im Mai 1990 die Kräfte verließen. „Eigentlich ging’s mir bis dahin gut“, erinnert er sich, aber bei körperlichen Anstrengungen blieb ihm immer häufiger die Luft weg. Ein Besuch beim Hausarzt brachte Klarheit: Ein angeborener Herzfehler, der bislang unentdeckt geblieben war, hatte sein Herz so sehr geschwächt, dass es nun nicht mehr in der Lage war, seinen Körper ausreichend mit Blut zu versorgen. Eine Behandlung mit Medikamenten brachte keine Besserung für Franz Günther. „Von Tag zu Tag wurde es schlechter.

Ich litt unter Atemnot und war überhaupt nicht mehr belastbar. Schließlich ging nichts mehr“, erzählt Günther in der Rückschau. „Mein Herz war absolut pumpschwach.“ Dann folgte das entscheidende Arztgespräch. Es gab keine Chance, die Herzinsuffizienz erfolgreich medikamentös zu behandeln. „Wir müssen den ganzen Muskel tauschen“, war die Aussage des Arztes. Eine Herztransplantation an der damaligen Klinik und Poliklinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie – eine Vorstellung, die für Franz Günther und seine Ehefrau fast undenkbar schien.

Arbeiten in der Natur gibt Kraft

„Nach dem ersten Schock, haben wir uns vertrauensvoll in die Hände der Ärzte begeben und ich war mir sicher: Es wird schon wieder“, berichtet Franz Günther. Am 24. August 1990 erhielt der damals 30-Jährige ein neues Herz. „Meine OP war die vierte Herztransplantation, die in Münster durchgeführt wurde“, weiß er. Vorgenommen wurde die Transplantation von Professor Hans H. Scheld, der 1990 die Herztransplantation in Münster aufbaute und als Pionier der Herzchirurgie gilt.

Viele Wochen lag Franz Günther 1990 im Krankenhaus. Die Sorge um seine Gesundheit und auch seine Zukunft belasteten ihn sehr. „Ich war vor der Herzschwäche in einem guten Job beschäftigt, meine Frau und ich hatten gerade geheiratet und ein Haus gekauft. Wir haben uns eine eigene Familie gewünscht – und dann war plötzlich alles anders“, sagt der Fertigungsplaner eines großen Unternehmens. „Uns wurde der Boden unter den Füßen weggezogen.“ Aber die Familie ließ sich nicht unterkriegen. „Nach vorne gucken, war unsere Devise. Die Hoffnung nicht verlieren“, meint Franz Günther in der Rückschau. Sein Vertrauen in die ärztliche Kunst sei unerschütterlich gewesen. Aber der größte Rückhalt, da ist sich Günther sicher, war seine Ehefrau. Sie konnte bei ihm sein, um ihn zu versorgen und mit ihm gemeinsam Lebensmut und Lebensfreude wiederzufinden und ins normale Leben zurückzukehren.

Schon gewusst?

300 Herzen werden in Deutschland jährlich transplantiert. Etwa 700 Patientinnen und Patienten warten derzeit auf eine Herztransplantation.

Franz Günther hat’s geschafft. Am 3. Oktober 1990 konnte er mit seinem neuen Herzen die Klinik in Münster verlassen. „Ich war genesen und habe 30 Jahre lang ein ganz normales Leben führen können“, sagt er stolz. „Im Beruf, im Privatleben und auch in der Freizeit habe ich keine Einschränkungen verspürt“, berichtet er. Franz Günther kehrte an seinen alten Arbeitsplatz zurück, war bis vor zwei Jahren Vollzeit berufstätig. Drei Kinder komplettierten die Familie, und auch die Freizeitaktivitäten kamen nicht zu kurz. Im Musikzug gab Franz Günther mit seiner Trommel weiterhin den Takt an und selbst der Spielmannszug musste auf ihn als ersten Vorsitzenden nicht verzichten. Auch eine kleine Oase hat Franz Günther sich erschaffen und oberhalb seines Wohnortes eine Obstwiese mit vielen verschiedenen Sorten angelegt. Das Arbeiten in und mit der Natur gibt ihm Kraft. Obst und Säfte aus eigenem Anbau dürfen auf dem Speiseplan der Günthers nicht fehlen.

Unterschiedliche Symptome bei Herzschwäche

Feste Termine waren in den vergangenen drei Jahrzehnten die Nachuntersuchungen am UKM im Turnus von drei Monaten. „In dieser Zeit hat sich in der Medizin unglaublich viel verändert“, weiß Franz Günther.

Das kann Professor Dr. Jürgen Sindermann bestätigen. „Nicht nur die Medizin, sondern auch die Patienten haben sich verändert. Die Diagnose Herzinsuffizienz wird in der immer älter werdenden Bevölkerung immer häufiger gestellt“, sagt der Leiter der neuen Interdisziplinären Sektion Herzinsuffizienz am UKM. „Herzinsuffizienz, landläufig auch Herzschwäche genannt, kann im fortgeschrittenen Lebensalter zu einem dauerhaften Begleiter werden“, erklärt Sindermann. Aber auch junge Menschen, wie das Beispiel von Franz Günther zeige, können betroffen sein. Wenn das Herz nicht mehr in der Lage sei, das Blut ausreichend durch den Körper zu pumpen, habe das Auswirkungen auf den gesamten Organismus. „Eine fortgeschrittene chronische Herzinsuffizienz kann so weit gehen, dass sogar kurze Wege innerhalb der eigenen Wohnung zu einer großen Kraftanstrengung werden können“, macht Sindermann deutlich.

Die Professoren Jürgen Sindermann (M.), Holger Reinecke (l.) und Sven Martens betreuen am UKM Herzinsuffizienz-Patienten. Foto: Deiters-Keul/UKM

Die Symptome einer Herzinsuffizienz seien dabei sehr unterschiedlich. Eine Herzschwäche könne sich als Atemnot, auch verbunden mit Herzstolpern oder Herzrasen äußern. „Aber nicht jede Herzschwäche zeigt die gleichen Symptome“, weiß Sindermann aus seiner langen Erfahrung als Kardiologe mit dem Schwerpunkt der Versorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz, zuletzt am bekannten Herzzentrum Schüchtermann-Klinik in Bad Rothenfelde.

Regelmäßige Kontrolle und Nachsorge

Die neue Aufgabe als Leiter der Interdisziplinären Sektion Herzinsuffizienz mit einem engagierten Team zog Professor Sindermann im Frühjahr dieses Jahres ans UKM. „Das UKM bietet optimale Voraussetzungen, um Patienten mit Herzinsuffizienz ambulant und stationär zu behandeln. 30 Jahre Erfahrung und eine große Bandbreite an Behandlungsmöglichkeiten stehen uns zur Verfügung“, sagt Sindermann. Von der medikamentösen Therapie über spezielle Herzschrittmachersysteme und Herzklappeneingriffe bis hin zur Implantation von Kreislaufunterstützungssystemen und Kunstherzen werde für jeden Patienten ein individueller Behandlungsplan erstellt. Insbesondere die Therapie mit Kreislaufunterstützungssystemen gewinnt weiter an Bedeutung. „Gerade diese Therapieform hat sich in den vergangenen Jahren technisch enorm weiterentwickelt, wenn Patienten auf eine Herztransplantation warten. Die Systeme können aber auch unabhängig von einer Transplantation eingesetzt werden und für viele Jahre ein Leben erheblich belastbarer machen“, sagt Sindermann. Die Implantationen werden mit den kardiologischen und herzchirurgischen Kliniken des UKM angeboten. „Aktuell sind wir in puncto Herztransplantation eine Kooperation mit dem Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen eingegangen. Das ist Europas größtes Zen­trum für Herztransplantation. Damit wollen wir unseren Patienten die besten Voraussetzungen bieten und sie gleichzeitig während der Wartezeit auf die Transplantation und bei der ambulanten Nachsorge hier in Münster betreuen.“

Davon profitiert auch Franz Günther, wenn er jetzt die Nachsorgetermine bei Professor Sindermann in der Interdisziplinären Sektion Herzinsuffizienz wahrnimmt. „Ich fühlte mich von Anfang an in der Uniklinik Münster gut aufgehoben und daran hat sich nach 30 Jahren nichts verändert“, erzählt Günther. „Die Nachsorgetermine nach der Transplantation und auch die Treffen mit der Selbsthilfegruppe der Transplantierten haben mir in den vergangenen Jahren sehr geholfen und unterstützen mich auch jetzt noch. Die regelmäßige Kontrolle bestärkt mich, dass ich mit meinem Herzschlag lebe und tatsächlich so fit bin, wie ich mich fühle. Das hat mir großes Vertrauen in die Zukunft gegeben“, sagt der 60-Jährige. „Ich bin unendlich dankbar für die lange Zeit, die ich schon erleben durfte.“ Zuversichtlich blickt Franz Günther auch nach vorne: Die nächsten Nachsorgeuntersuchungen in der Interdisziplinären Sektion Herzinsuffizienz am UKM sind schon terminiert.

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