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Phoniatrie und Pädaudiologie

Mit vereinten Kräften für die Stimme

Münster

Wie wichtig sie ist, merkt man erst, wenn sie mal weg ist: die Stimme. Davon kann Philipp Mathmann ein Lied singen. Als Opernsänger weiß er, was schief gehen kann. Als Arzt, was zu tun ist. Mit Prof. Katrin Neumann vom Uniklinikum Münster nimmt er unsere Stimmgesundheit unter die Lupe.

Edina Hojas

Philipp Mathmann (r.) steht in „Kain und Abel“ mit dem Countertenor Xavier Sabata auf der Bühne.      Foto:    Matthias Jung

Wie wichtig sie ist, merkt man erst, wenn sie mal weg ist: die Stimme. Davon kann Philipp Mathmann ein Lied singen. Als Opernsänger weiß er, was schief gehen kann. Als Arzt, was zu tun ist. Zusammen mit Professorin Katrin Neumann, Direktorin der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie am Uniklinikum Münster, nimmt er unsere Stimmgesundheit unter die Lupe.

Mit dem Fachbereich Phoniatrie und Pädaudiologie wissen die meisten wenig anzufangen. „Selbst die Medizinstudenten staunen immer wieder, dass es unser Fach gibt“, sagt Neumann. Phoniater und Pädaudiologen sind zuständig für Störungen der Sprache, der Stimme, des Schluckens sowie für kindliche Hörstörungen und damit: für unsere gesamte Kommunikation. Eigenständige Kliniken gibt es in Deutschland nur wenige. Die zweitgrößte beherbergt das UKM.

Die Mediziner, die sich diesem Nischenfach zuwenden, haben meist ein besonderes Profil. Deutschlandweit gibt es nur rund 300 Fachärzte. Viele haben Medizin und Musik studiert oder haben eine musikalische Ausbildung. Das gilt auch für Neumann und Mathmann. Als Cellistin hatte Neumann bereits einen Studienplatz an der Musikhochschule in Weimar, als ihr klar wurde, dass sie sich lieber auf ihren Kopf als auf ihre Hände verlässt. Von der plastischen Chirurgie wechselte sie zur Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und später als HNO-Fachärztin in die Phoniatrie und Pädaudiologie – das optimale Fach, um Musik und Medizin zusammenzubringen.

Zuhause auf den großen Bühnen

Mathmann fuhr bereits neben dem Medizinstudium zweigleisig, denn er hat ein besonderes Talent: Als Countertenor singt er mit der Kopfstimme und kommt dadurch in Stimmlagen, die sonst nur Frauen beherrschen. Damit ist er auf den ganz großen Bühnen wie dem Theater an der Wien, dem Stanislawski Theater in Moskau oder dem Essener Alto Theater zu Hause. Die meisten Monate im Jahr ist er unterwegs. Mathmann wurde für verschiedene Opernpreise nominiert und hat gerade seine erste Solo-CD veröffentlicht. Eigentlich wäre er letzten Sommer als Solist an die Semperoper gegangen. „Es lief wirklich gut gerade“, resümiert er.

Doch Corona knipste der Kultur und damit auch Mathmanns Gesangskarriere vorerst das Licht aus. So kehrte er nach Münster zurück, um seine Facharztausbildung abzuschließen. Auf die Frage, wie sie sich kennengelernt hätten, erzählt Neumann: Mathmann habe sie angeschrieben und gefragt, ob sie seine Doktorarbeit betreuen könne. In der Mail: ein Link zu seiner Sänger-Website. „Ich war wirklich beeindruckt“, schwärmt sie. „Wer so singen kann, muss auch in anderen Bereichen etwas drauf haben.“ Spätestens da war klar: Die Chemie zwischen den beiden stimmt.

UKM als Sängerzentrum bekannt

Mittlerweile haben sie als Team einen Lehrauftrag für Gesangsstudenten an der Universität der Künste in Berlin und der Musikhochschule Münster inne. Mit der Musikhochschule Detmold erforschen sie die Registerwechsel von Countertenören. Einfach ausgedrückt: Wenn Sänger von unten nach oben oder von oben nach unten singen, hört es sich für die meisten an, als ginge der Ton in einem durch. In Wirklichkeit wenden Sänger aber technische Tricks an, um zu anderen Tonhöhen zu gelangen. „Es soll eben nicht krachen, wenn man die Tonlagen wechselt“, erklärt Mathmann.

Seinen Ruf als Sängerzentrum hat das UKM bereits durch die Musikerambulanz ausgebaut. Hierher kommt, wer seine Stimme auf besondere Weise beansprucht. Jeden Tag lassen sich Sänger, Schauspieler, Sprecher oder Priester behandeln. Mathmann ist eines der Aushängeschilder. Es hat sich bereits herumgesprochen, dass der Opernsänger zurückgekehrt ist und Bühnenkostüm gegen Arztkittel getauscht hat. Als professioneller Sänger weiß er ziemlich genau, was eine Stimme braucht.

Kommunikation wird immer wichtiger

Doch die Bedeutung des Fachbereichs geht weit über die künstlerischen Berufsgruppen hinaus. Gerade in einer Zeit, in der Menschen nicht mehr stumm am Fließband, sondern zunehmend im Beratungs- und Dienstleistungsbereich arbeiten, gilt: Die Kommunikation wird immer wichtiger und mit ihr die phoniatrische Versorgung. Dabei leiden bestimmte Berufsgruppen vermehrt an Stimmstörungen. Allen voran Erzieherinnen und Lehrerinnen. „Wir sind alle so sehr auf unsere Stimme angewiesen“, sagt Neumann. Sie kritisiert, dass der Hörbereich – vor allem durch die Hörgeräte- und Implantatindustrie – finanziell besser untermauert ist als der Sprach- und Stimmbereich. Die Tendenz, Kliniken für Phoniatrie in die HNO-Kliniken zu integrieren, betrachtet sie mit Argwohn. Expertise und Spezialisierung stehen dabei auf dem Spiel. Und trotzdem: In Münster genießt die Klinik hohes Ansehen. Wie das gelingen konnte? Mathmann zeigt mit einer ausladenden Geste auf seine Kollegin.

Als Mitglied der deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie erstellt Neumann die Leitlinien für die Therapie von Sprachentwicklungsstörungen und leitet die deutschlandweite Studie „Theses“. Unterstützt durch die Charité Berlin und einzelne logopädische Praxen untersucht ihr Team, ob es Alternativen zur verbreiteten Standardtherapie bei Sprachentwicklungsstörungen gibt. In der Kindheit gehören sie zu den häufigsten Störungsbildern. Betroffene haben Probleme, das richtige Wort zu finden, bestimmte Laute auszusprechen oder auch Sätze zu bilden und zu verstehen. Werden die Sprachentwicklungsstörungen nicht frühzeitig erkannt, kann das der Entwicklung langfristig schaden.

Ärztlicher Rat aus der Operngarderobe?

Während sie weitere Forschungsprojekte nennen, veranschaulichen beide immer auch den Gegenstand ihrer Mühen. Neumann imitiert Variationen des Stotterns, Mathmann ahmt das Poltern nach und verschluckt dabei ganze Silben. Aufgeblähte Wangen, klangvolle Dehnungen, der Körper als Resonanzraum. Oft geht es darum, geduldig nach Lösungen zu suchen. „Auch hinter einer Heiserkeit steckt oft ein funktionales Problem“, sagt Neumann.

Nach Corona will Mathmann den Spagat zwischen beiden Berufen schaffen. Konzert- und Opernanfragen für 2021 und 2022 gibt es schon. Praktischerweise erprobt Mathmann innerhalb einer anderen Studie derzeit die ärztliche Betreuung durch Telemedizin. „Demnächst kann er aus seiner Operngarderobe ärztlich mitagieren“, scherzt Neumann.

Intensiv arbeiten die beiden auch nach Dienstschluss und an manchem Wochenende zusammen und spielen sich die Bälle zu. „Ich werde traurig sein, wenn mein Kollege wieder für die Kunst unterwegs sein wird“, sagt Neumann. Beide blicken stolz auf das vergangene Dreivierteljahr zurück: „Zusammen haben wir viel auf den Weg gebracht.“ Nur Musik haben sie noch nicht gemacht. Ein Konzert ist aber schon geplant. Auch das ist sicher nicht das Ende vom Lied.

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