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Sonderveröffentlichung

Allergien-Forschung

Schalter gegen Katzenhaar

Münster

Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat mit Professor Randolf Brehler über neue Entwicklungen in der Allergien-Forschung gesprochen. Der Allergologe hofft auf einen neuen Ansatz, der auf Antikörper setzt und die Allergie regelrecht abschaltet .

Von Stefan Werding

Derzeit wird an einem Verfahren gearbeitet, das mithilfe von Antikörper-Spritzen Katzenhaarallergien bekämpfen soll. Foto: stokkete

Herr Brehler, haben Menschen in Zeiten, in denen wir alle Masken tragen, weniger Last mit Allergien?                      Brehler: Ganz sicher. Die wichtigsten Allergene (Anmerkung der Redaktion. Proteine, die das Immunsystem als gefährlich erkennt und die eine allergische Reaktion auslösen) im Freien sind Pollen (insbesondere Birken- und Gräserpollen) die durch FFP2-Masken zu einem Großteil aus der Atemluft herausgefiltert werden können.

Das übliche Verfahren gegen Allergien ist die langwierige Hyposensibilisierung, bei der das Immunsystem an die allergieauslösenden Stoffe gewöhnt wird. Forscher arbeiten an einer Art Impfung gegen die Katzenhaarallergie. Wie erfolgversprechend ist das?                                                                                                                                        Brehler: Hoffnungsfroh stimmt mich gerade eine Entwicklung für die Behandlung von Katzenallergikern. Eigentlich ist das eine Allergie gegen Katzenspeichel und Katzenhautschuppen. Die Katze leckt an ihrem Fell und dann ist das Allergen natürlich auch am Katzenhaar. Die Allergene sind relativ lange in der Luft, weil sie sehr klein und leicht sind. Das macht sie so problematisch. Sie dringen deswegen in die tieferen Atemwege ein. Patienten reagieren nicht nur mit einem allergischen Schnupfen, sondern häufig auch mit Asthma.

Was können Sie dagegen machen?                                                                                                                          Brehler: Bisher können wir symptomatische Medikamente einsetzen, wie sie jeder Allergiker kennt – also Allergie-Tabletten, Cortison-Nasenspray und bei Asthma Lungensprays. Der Patient bleibt aber allergisch und wird wieder reagieren, wenn er mit dem Allergen in Berührung kommt. Infrage kommt auch die Hyposensibilisierung, heute eher allergenspezifische Immuntherapie genannt. Wenn wir bei Katzenallergikern mit Asthma eine solche Immuntherapie durchführen, kann das in seltenen Fällen aber durchaus schwere Nebenwirkungen haben. Deswegen wird diese Therapie für Katzenallergiker derzeit nur relativ selten empfohlen.

Zumal sie auch sehr lange dauert.                                                                                                                            Brehler: Wir sagen heute: Die Therapie muss über drei, vielleicht sogar vier oder fünf Jahre durchgeführt werden. Erst dann erreicht man dauerhafte Effekte. Wir wissen sehr genau: Die Wirksamkeit setzt schon relativ schnell ein. Die meisten Patienten merken nach vier Monaten eine Besserung, aber der Dauereffekt, der diese Therapie wirklich attraktiv macht, der braucht viel mehr Zeit.

Wieso haben Katzenhaarallergiker eigentlich so oft Asthma oder Asthmatiker so oft eine Katzenhaarallergie?                                                                                                                                                      Brehler: Vielfach entwickelt sich das Asthma aus einem allergischen Schnupfen. Das Katzenallergen bleibt nicht in der Nase, sondern gerät auch in die Lunge, wo es auch zur allergiebedingten Entzündung führt. Das sorgt für eine hohe Wahrscheinlichkeit, an Asthma zu erkranken.

Was machen wir denn jetzt mit den Katzenhaarallergikern?                                                                  Brehler: Für die arbeitet die Forschung an einer neuen Methode, bei der künstlich hergestellte Antikörper gespritzt werden, die gegen Katzenallergen gerichtet sind und die das Immunsystem bei einer Hyposensibilisierung in ähnlicher Form selbst produziert. Dann gibt man den Patienten nicht das Allergen, sondern den Antikörper gegen das Allergen. Kleinere Studien mit diesem Verfahren waren hoch erfolgreich. Dabei hat man festgestellt: Gibt man Patienten den künstlich hergestellten Antikörper in einer hohen Dosis, werden sie für das Allergen unempfindlich.

Die Patienten bekommen also kein Medikament mehr, mit dessen Hilfe sie selbst eine Abwehrwaffe gegen die Allergene bauen, sondern der Arzt oder die Ärztin spritzt ihnen die Waffe direkt ins Blut.                                                                                                                                                        Brehler: Genau. Und das nicht nur bei der Katzenallergie; erprobt wird die Behandlungsform mit solchen künstlich hergestellten Antikörpern auch bei der Birkenpollenallergie.

Was kann denn dieser künstlich hergestellte Antikörper besser als der Antikörper, der im Körper gebildet wird?                                                                                                                                                      Brehler: Einerseits kann man den Antikörper in einer genauen, definierten hohen Menge geben, andererseits haben diese Antikörper genau definierte Eigenschaften. Die Antikörper, die Patienten bilden, sind mal mehr und mal weniger gut wirksam. Sie haben unterschiedlich starke sogenannte allergenblockierende Eigenschaften, die von Patienten gebildeten Antikörper unterscheiden sich somit von Patient zu Patient. Die für die Behandlung hergestellten Antikörper haben eine sehr hohe katzenallergenblockierende Wirkung. In Kürze beginnen große Studien an Katzenallergikern, bei denen diese künstlich hergestellten Antikörper gegen Katzenallergene gespritzt werden. Wir versprechen uns davon, dass Katzenallergiker sehr schnell vielleicht sogar fast vollkommen beschwerdefrei werden können. Das ist eine komplett andere Methode als bei der allergenspezifischen Immuntherapie. Ich führe dem Körper künstlich zu, was er eigentlich bilden müsste, um unempfindlich gegen ein Allergen zu werden.

Das klingt verlockend.                                                                                                                                                      Brehler: Die Therapie hat natürlich ihren Charme: Stellen Sie sich einen jungen Patienten vor, der eine Katzenhaarallergie hat und in Münster studiert. Seine Eltern und Geschwister, vielleicht auch die Freundin haben, haben alle Katzen. Darum kommt er nicht oder nur sehr ungern nach Hause. Mit der neuen Therapie lässt er sich zwei Tage vor der Fahrt nach Hause eine Spritze geben und hat dann dort keine Probleme.

Oder Betroffene lassen sich kurz vor der Birkenpollensaison die Antikörper spritzen. Und wenn die Wirkung der Spritze nachlässt, ist der Flug der Pollen lange vorbei.                          Brehler: Ja, darüber kann man diskutieren.

Gibt es Nebenwirkungen?                                                                                                                                                  Brehler: Um Nebenwirkungen wirklich zu beurteilen, sind noch nicht genug Patienten behandelt worden, zu rechnen ist aber nicht mit Nebenwirkungen. Die Frage, die dringend beantwortet werden muss, lautet: Wie lange hält die Wirkung an? Bei der Immuntherapie sagen wir, dass sie drei bis fünf Jahre dauern soll. Dann besteht die Chance, dass die Allergie möglicherweise auch komplett verschwindet oder sich die Situation zumindest über viele, viele Jahre deutlich bessert – vielleicht sogar lebenslang. Offen ist: Wie lange hält die Wirkung der Antikörper an, wenn sie mehrfach gegeben wurden und die Behandlung dann aber beendet wird. Die Beantwortung dieser Frage ist besonders wichtig.

Das klingt besonders attraktiv in Zeiten, in denen die Zahl der Allergiker stetig wächst.  Brehler: Das stimmt. Es gibt viele Theorien, warum Allergien immer häufiger werden. Jeder weiß, dass das etwas mit Umwelteinflüssen, Ernährungseinflüssen, mit „modernem Leben“ zusammenhängt. Aber was genau wir ändern müssten, um nicht immer häufiger Allergien zu entwickeln, weiß man eigentlich nicht, obwohl das Wissen um Allergien massiv zugenommen hat. Je besser wir die Mechanismen kennen, die eine Allergie auslösen, und wie die Reaktionen im Körper wirklich ablaufen, desto besser verstehen wir auch, welche neuartigen Therapien erfolgversprechend sind. Das macht das Fach Allergologie derzeit so spannend.

Was trauen Sie dem neuen Verfahren denn zu?                                                                                                      Brehler: Ob das eine wirkliche Alternative zur allergenspezifischen Immuntherapie ist, kann man noch nicht abschätzen. Die allergenspezifische Immuntherapie führen wir mit dem Ziel der dauerhaften Wirkung durch, die neue Therapie verspricht vor allem eine ganz schnell einsetzende Wirkung; wie schon gesagt ist derzeit noch nicht untersucht wie lange die Wirkung anhält, wenn der Antikörper mehrfach verabreicht wurde. Damit kann nicht vorhergesagt werden, ob die Therapie eine spezifische Immuntherapie tatsächlich ersetzen kann oder vielleicht auch beide Behandlungstherapien kombiniert werden könnten. Das Ergebnis der jetzt beginnenden Studien muss abgewartet werden. Aber es scheint mir eine äußerst attraktive Methode, mit der wir vielleicht Allergikern, für die wir zurzeit keine gute Therapiemöglichkeit haben, viel besser helfen könnten.

Professor Randolf Brehler: „Jeder weiß, dass Allergien mit Umwelteinflüssem, Ernährungseinflüssen. mit ,modernem Leben' zusammenhängen." Foto: UKM

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