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Sonderveröffentlichung

Neurodermitis

Zirkusclowns unter der Haut

Münster

Ständig juckende und schuppige Haut mit entzündeten blutigen Stellen und Ekzemen – Frank Bennemann litt von Geburt an von Kopf bis Fuß unter Neurodermitis. Aber dank Sonja Ständer, Professorin für klinische Neurodermatologie, ist damit nun Schluss. 

Von Marion Fenner

Prof. Dr. Sonja Ständer untersucht Neurodermitis-Patient Frank Bennemann, der mitterlweile völlig beschwerdefrei ist. Foto: Oliver Werner

Der heute 45-Jährige aus Südlohn hat bis dahin wegen seiner Neurodermitis alles Mögliche aushalten müssen: Hänseleien in der Schule, peinliche Blicke, wenn sein Hemd blutige Flecken hatte und die Hautschuppen auf der Stuhllehne sichtbar waren. Er war in der Freizeit eingeschränkt, weil er nicht Fußball spielen durfte, denn starkes Schwitzen verstärkte die Symptome. 

Im Ferienlager musste er seinen kompletten Körper von den Betreuern mit einem Spatel eincremen lassen. „Auch das war eine sehr unangenehme Situation, und die anderen Kinder redeten hinter meinem Rücken.“ Wegen seiner schlechten Haut schämte er sich vor seiner ersten Freundin. „Die gesamte Lebensqualität war eingeschränkt“, sagt er und freut sich, dass er seit ein paar Monaten komplett beschwerdefrei ist.

Vergebliche Therapieversuche

Alles hätten seine Eltern versucht, um ihm das Leben zu erleichtern und ihn von der Krankheit zu befreien – von Cortison-Cremes bis hin zum Auspendeln, Schlafen mit Handschuhen, damit er sich nicht kratzt, Tragen von Baumwollwäsche auch im Sommer und Aufenthalten an der Nordsee. Das eine oder andere habe Linderung verschafft, aber richtig weg waren die Beschwerden nie.

Dazu kam Konzentrationsschwäche in der Schule, weil er nachts schlecht geschlafen hat. Selbst die Entscheidung für eine weiterführende Schule hatte mit der Krankheit zu tun. Weil seine Eltern ihm die Fahrt mit dem Schulbus nicht zumuten wollten, ging er nach der Grundschule auf die örtliche Hauptschule in der Nähe und nicht auf die Realschule, die weiter entfernt war. Nach der Pubertät sind die Symptome weniger geworden, endgültig verschwunden ist die Krankheit nie. Ohne viel Eincremen ging es nie.

Bennemann erlernte den Beruf des Betriebselektrikers und arbeitete im Außendienst. Als er später in einen „Bürojob“ im Innendienst wechselte, kehrte die Neurodermitis mit voller Wucht zurück. Der Hautarzt, den er dann aufsuchte, tippte auf psychische Ursachen. „Dabei gab es in meinem persönlichen Umfeld wirklich nichts, was ich dafür hätte verantwortlich machen können.“

Ein Kind zeigt seine mit Neurodermitis befallenen Körperpartien. Foto: dpa

Hilfe vom Uniklinikum

Diese Diagnose nahm Bennemann – aus heutiger Sicht glücklicherweise – nicht hin. „Ich wollte mich einfach nicht, so wie es der Arzt empfohlen hat, mit meinem Schicksal abfinden.“ Dann erhielt er den Tipp, sich an das Universitätsklinikum Münster (UKM) zu wenden. „Ich habe erst gedacht, oh je, Uniklinik, bis du da einen Termin bekommst, das kann dauern. Ich wollte es aber doch versuchen.“ Und es dauerte gar nicht lange.

Nach vier Wochen traf er auf Sonja Ständer. Sie weiß genau, wie Neurodermitis entsteht und auch, was dagegen hilft: „Bei Neurodermitis haben die Patienten eine Barrierestörung in der Haut. Diese ist in der obersten Hautschicht nur unzureichend aufgebaut, da den Zellen der ,Mörtel‘, der sie zusammenklebt, fehlt, und so kann die Haut nicht genügend Fett und Feuchtigkeit speichern.“ Die Folge: Die Haut schuppt, juckt und entzündet sich. „Es handelt sich bei der Neurodermitis um ein komplexes Krankheitsbild mit Barrierestörung, Fehlverhalten des Immunsystems und auf der Hautoberfläche um eine Störung des Mikrobioms, das bedeutet, es findet sich ein anderer Bakterienpool als bei gesunden Menschen. Neurodermitis ist eine Krankheit, die insbesondere in Industrieländern auftritt“, erklärt die Professorin.

Die Erkrankung tritt häufig im Kindesalter auf, wie auch im Fall von Frank Bennemann. „Die Anlage für Neurodermitis kann in den Genen liegen.“ Sonja Ständer weiß auch, was für Neurodermitis ursächlich ist. „TH2-Zellen sorgen für den ganzen Ärger, insbesondere für die Entzündung.“ Davon hätten Neurodermitis-Patienten eine ganze Menge im Blut. „Wissenschaftler suchen noch nach den Ursachen dafür“, sagt Sonja Ständer. Einige genetische Unterschiede zu gesunden Menschen haben sie bereits entdeckt.

Wirksame Medikamente

„Die TH2-Zellen benehmen sich wie Zirkusclowns und stiften nur Unruhe in der Haut“, beschreibt es die Medizinerin anschaulich. Diese Zellen produzieren Interleukine, also Botenstoffe, die sich an Nervenzellen andocken und so das Jucken auslösen. Sie kommunizierten mit den B-Zellen, die dann Antikörper produzieren, die für Allergien verantwortlich sind. Deshalb gehe Neurodermitis zumeist mit Allergien einher.

Begleitende Allergien

Auch davon kann Frank Bennemann ein Lied singen, denn damit hatte er ebenfalls reichlich zu tun. Als Kind durfte er nur selten Süßigkeiten essen, weil die mitverantwortlich für die Krankheit gemacht wurden. Die TH2-Zellen verursachen aber auch die sichtbaren Ekzeme, indem sie Interleukine freisetzten, die dann im Gewebe an anderen Zellen wirken.

Weil die Ursachen von Neurodermitis mittlerweile gut bekannt sind, haben Forscher auch eine Lösung gefunden: „Es gibt mittlerweile mehrere Medikamente, die die Wirkungen der von TH2-Zellen produzierten Interleukine hemmen, entweder dadurch, dass sie den Rezeptor oder das Interleukin selbst blockieren“, erklärt Professorin Sonja Ständer. So ist das neu entwickelte Medikament in der Lage, die Wirkung von Interleukin 4 und 13 effektiv zu blockieren.

Neue Lebensqualität

Dieses Medikament erhielt auch Frank Bennemann. Der Erfolg war für ihn so nicht zu erwarten: Nach kurzer Zeit hörte das Jucken auf. Die Haut beruhigte sich, und die Entzündungen verschwanden. „Es war ein völlig neues Gefühl“, sagt der 45-Jährige überaus erleichtert und zufrieden. Schon nach vier Wochen habe er eine deutliche Besserung gespürt und sich so gut wie noch nie in seinem Leben gefühlt.

Seitdem Frank Bennemann das neue Medikament bekommt, muss er seine Haut nicht mehr verstecken. Foto:  Oliver Werner

Das Medikament namens Dupixent mit dem Wirkstoff Dupilumab spritzt sich Bennemann alle zwei Wochen selbst. Wie er das handhaben müsse, sei ihm in der Uniklinikum Münster gezeigt worden. Der Wirkstoff von Dupixent sei ein sogenanntes Biologikum, erläutert die Dermatologin. Das Medikament habe jedoch auch Nebenwirkungen, erklärt die Medizinerin. Bei Frank Bennemann überwog der Nutzen.

Seine Haut benötigt jedoch weiterhin gute Pflege. „Die Patienten müssen sich regelmäßig gut eincremen, da die Barrierestörung weiter besteht“, betont Sonja Ständer, „denn ihre Haut ist sensibler und das bleibt sie auch.“ „Die TH2-Zellen liegen weiter auf der Lauer, die Betroffenen werden diese Unruhestifter nie mehr los. Aber sie lassen sich unterdrücken.“ Das jedoch bleibe eine lebenslange Aufgabe.

Bennemann nimmt die gut 60 Kilometer lange Fahrt zur Uniklinik nach Münster gerne auf sich, schließlich konnte dort sein langer Leidensweg beendet werden. Er genießt sein unbeschwertes Leben mit der Familie und fährt leidenschaftlich gern Rennrad. Und er trägt dabei kurze Hosen und kurze Ärmel, weil er seine Haut nicht mehr verstecken muss.

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