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Pendel in Dominikanerkirche

Gerhard Richters Geschenk für Münster

Münster

Gerhard Richter ist für Experten der bedeutendste lebende Künstler der Welt. In der Dominikanerkirche in Münster will der 85-Jährige bis zum Frühsommer 2018 eine Installation realisieren. „Ein Geschenk von historischer Dimension“, jubelt Oberbürgermeister Markus Lewe.

Martin Kalitschke

Gerhard Richter stellte am Donnerstag seine Installation für die Dominikanerkirche vor. Foto: Gerhard Richter

Der bedeutendste lebende Künstler der Welt trägt einen dunklen Mantel und hält sich zunächst im Hintergrund. Während sich ein paar Meter entfernt Journalisten die besten Plätze für die bevorstehende Pressekonferenz sichern, lässt Gerhard Richter den Blick durch die Dominikanerkirche schweifen, schaut abwechselnd auf die noch leeren Seitenwände und in die 29 Meter hohe Kuppel. Dorthin, wo bis zum Frühsommer 2018 seine Installation realisiert werden soll, in deren Mittelpunkt ein Foucault‘sches Pendel steht, das die Erd­rotation abbildet.

"Richtiger Ort fürs Pendel"

„Als ich dieses schöne Bauwerk sah, war ich sofort begeistert und überzeugt, dass das der richtige Ort für mein Pendel ist“, sagt Richter und lächelt.

Am Donnerstag stellte er sein Kunstwerk persönlich in Münster vor. Ein jahrzehntelanger Traum gehe für ihn in Erfüllung. Warum ein Foucault‘sches Pendel? „Haben Sie das Pendel im Pantheon in Paris gesehen? Es ist einfach schön“, sagt der 85-Jährige.

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Kunstwerke von Richter sind geradezu unbezahlbar, auf dem Kunstmarkt werden sie für mehr als 40 Millionen Euro versteigert. Da kann sich Münster glücklich schätzen, dass er der Stadt seine Installation schenken wird – sie muss lediglich 650 000 Euro für die Herstellung und für Umbauten in der inzwischen profanierten Kirche bereitstellen. „Ein Geschenk von historischer Dimension, ein künstlerisches Wunderwerk, die Bürger sind stolz“, jubelt Oberbürgermeister Markus Lewe – und bedankt sich aufrichtig bei Richter.

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Sie schenken das Kunstwerk der Stadt Münster – warum?

Richter: Ich kann es mir leisten – der Markt ist so. In Köln, wo ich ein Fenster im Dom gestaltet habe, habe ich es genauso gemacht. Wenn uns das alles so gelingt wie geplant, wäre das großartig. Das wäre dann auch ein Geschenk für mich.

Wie intensiv wird Sie das Projekt in den nächsten Monaten beschäftigen?

Richter: An den Proben laufe ich täglich vorbei. Zwischendurch war ich verführt, die Glasplatten farbig zu machen – doch Grau ist viel besser.

Warum realisieren Sie es gerade in Münster?

Richter: Es hat gepasst. Das Bauwerk ist sehr schön, ich liebe Kunst und gute Bauwerke. Ich bin selber zwar nicht gläubig, aber ich bin froh, dass wir die Kirche haben.

Gasometer überzeugte nicht

Dass sich der gebürtige Dresdener mit Wahlheimat Köln für Münster entschied, ist Skulptur-Projekte-Gründer Kasper König zu verdanken, berichtet Gail Kirkpat­rick, Leiterin der Kunsthalle. „König wusste, dass Richter gerne ein solches Pendel realisieren würde – und rief mich im Sommer 2016 an.“ Es kam zu einem Treffen, Richter besichtigte das Gasometer, doch das überzeugte ihn nicht. Dann führte ihn Kirkpatrick in die Dominikanerkirche – und die Würfel waren gefallen.

Nicht einmal ein Jahr später winkte der Rat die Idee in rekordverdächtigem Tempo durch, inzwischen wird unter anderem am Fachbereich Physik der Universität an der technischen Umsetzung gearbeitet. Derweil feilt Richter in seinem Atelier in Köln – wo sich seit vielen Jahren ein kleines Pendel-Modell befindet – an den künstlerischen Feinheiten.

Im großen Rahmen soll im kommenden Frühsommer das Kunstwerk eingeweiht werden. Im Jahr darauf wird die Kirche vorübergehend ihre Pforten schließen. Sanierungsarbeiten stehen an, Sanitäranlagen werden eingerichtet. Am Nutzungskonzept für die Zeit nach der Wiedereröffnung wird derzeit gearbeitet.

Zur Person

Gerhard Richter, 1932 in Dresden geboren, zählt als Maler, Bildhauer und Fotograf zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. Er war von 1971 bis 1993 Professor für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Seine Werke sind auf dem Kunstmarkt die teuersten eines lebenden Künstlers. Seit Jahren führt Richter auf dem jährlich erscheinenden Kunstkompass die Riege der einflussreichsten Künstler an.

1964 hatte Richter seine erste Einzelausstellung in München. In den 1970er und 1980er Jahren stieg seine Bedeutung national, in den 1990er Jahren auch international sprunghaft an, so dass ihm in den Jahren 1993/1994 eine umfassende Retrospektive mit Stationen in Paris, Bonn, Stockholm und Madrid gewidmet wurde. 2002 feierte ihn das Museum of Modern Art, New York, anlässlich seines 70. Geburtstags mit einer umfassenden Retrospektive. Diese war mit 188 Exponaten die größte dort jemals gezeigte Schau eines lebenden Künstlers. 2004 wurden die Gerhard-Richter-Räume im Dresdner Albertinum eröffnet. Dort werden 41 Werke als Dauerleihgabe ausgestellt.

Die britische Tageszeitung „The Guardian“ machte sich das Zitat eines Frankfurter Galeristen zu eigen, der Richter als erfolgreichsten Maler der Gegenwart und als „Picasso des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. 2015 wurde ein „Abstraktes Bild“ Richters für die Rekordsumme von 41 Millionen Euro versteigert. Gerhard Richter hat den Hype auf dem Kunstmarkt mehrfach scharf kritisiert.

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