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Mordprozess gegen 56-Jährige

Gericht schenkt Zeugen wenig Glauben: Befragung abgebrochen

Münster

Dritter Verhandlungstag im Mordprozess: Einer 56-jährigen Frau aus Münster wird vorgeworfen, ihren 88-jährigen Vater aus Habgier getötet zu haben. Die Faktenlage verdichtet sich – eine lebenslange Freiheitsstrafe droht.

Julia Körtke

Vor dem Landgericht muss sich eine Münsteranerin für den Tod ihres Vaters verantworten. Foto: Friso Gentsch/dpa

„Er muss entweder ins Altersheim oder unter die Erde.“ Das soll die 56-jährige Angeklagte kurz nach der Tat zu einer Polizistin gesagt haben. Im Mordprozess vor dem Landgericht muss sich eine Münsteranerin für den Tod ihres 88-jährigen Vaters verantworten. Sie soll ihm laut Anklage im Streit mit einer Bohrmaschine auf den Kopf geschlagen haben. Der Rentner erlag einige Wochen später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Auch am dritten Verhandlungstag versuchte das Gericht, das Tatmotiv näher zu beleuchten. Überforderung mit der Pflege des Seniors oder doch Habgier?

Zeugen berichteten, dass die Angeklagte Alkoholikerin und bekannt für ihre Wutausbrüche gewesen sei. Seit Anfang letzten Jahres wohnte sie wieder bei ihrem Vater und kümmerte sich um den Haushalt, den Einkauf und die Pflege. Auf Bekannte habe sie überfordert gewirkt. Immer habe es Streit zwischen ihr und dem späteren Opfer gegeben.

Geld gegen Liebe

Das Fass zum Überlaufen soll aber ein anderer Konflikt gebracht haben: die Liebschaft des 88-Jährigen. Für die Liebe der Polin, die er in einer Annonce kennengelernt hat, soll er ihr Geld geschenkt haben – so viel, dass es für eine Wohnung in Polen reichte.

Die Angeklagte war in einem Erbvertrag des Vaters als Alleinerbin eingesetzt. Aus Angst, er könnte auch das Haus an seine neue Geliebte verschenken, ging sie immer wieder zum Notar. Nach Angaben ihres Verlobten, um sich abzusichern.

Über den Tattag berichtete eine Polizeibeamtin, dass die Angeklagte stark alkoholisiert und aufgewühlt gewesen sei. Sie habe lautstark geschimpft. Dieses Bild deckt sich jedoch nicht mit ihrem Auftritt vor Gericht. Sie wirkte gefasst, fast schon resigniert. Lediglich als sie von ihrem frisch Verlobten, der ebenfalls als Zeuge geladen war, berichtete, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

Unglaubwürdiger Zeuge

Der Verlobte erwies sich als wenig aufschlussreicher Zeuge. Über zwei Stunden war er im Zeugenstand. Sobald die Fragen jedoch auf das Haus, das Erbe oder die Liebschaft seines Schwiegervaters in spe anspielten, konnte er sich an nichts erinnern. Das Gericht und die Staatsanwaltschaft sprachen ihre Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit aus und brachen die Befragung ab.

Die Indizien für das Motiv der Habgier schienen sich indes zu erhärten. Sollte sich dies im Urteil wiederfinden, wäre damit ein Mordmotiv erfüllt. Die zwingende Folge: lebenslange Freiheitsstrafe.

Das Urteil in dem Mordprozess ergeht voraussichtlich Mitte Oktober.

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