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Orkantief „Friederike“ in Münster

Haarscharf an der Katastrophe vorbei

Münster

(Aktualisiert) Durch „eine glückliche Fügung“ wurde niemand verletzt, als eine 25 Meter hohe Kastanie auf eine Grundschule im Kreuzviertel stürzte. Einer von Dutzenden Bäumen, die „Friederike“ am Donnerstag in Münster umknickte. Eine vorläufige Schadensbilanz:

Karin Höller

Diese riesige Kastanie stürzte gegen das Gebäude der Martin-Luther-Grundschule und schlug ein Klassenfenster ein Foto: Matthias Ahlke

Am Tag eins nach Orkan Friederike steht das Telefon bei den Versicherungen nicht mehr still, und das Grünflächenamt ist mit 80 Mitarbeitern im Dauereinsatz, um rund 80 entwurzelte Bäume und gebrochene Äste zu beseitigen. Mit dem Schrecken davon gekommen sind Kinder und Lehrer in der Martin-Luther-Grundschule an der Coerdestraße, wo eine rund 25 Meter hohe Kastanie gegen das Schulgebäude kippte, ein Klassenfenster im ersten Obergeschoss durchschlug und das Dach beschädigte. „Alle Kinder waren zu dieser Zeit im offenen Ganztag im Parterre“, berichtet Schulleiterin Marion Schmitz-Matschke. „Eine glückliche Fügung, sodass niemand verletzt wurde“.

Am Freitag war das zerborstene Fenster bereits notdürftig geflickt. Absperrgitter verhinderten, dass Kinder zwischen der riesigen Kastanie herumkletterten. Bis zum Samstag soll der gewaltige Baum entfernt werden, so jedenfalls der Zeitplan beim Grünflächenamt. Dort wundert man sich, warum dieser gesunde, kräftige Baum entwurzelt werden konnte. Gleiches gelte für eine große Linde, die auf dem Hörster Friedhof aus dem Boden gerissen wurde.

Heftige Spuren hat „Friederike“ auch an städtischen Gebäuden hinterlassen: Gelöste Fassadenplatten, verschobene Dachziegel, eingedrückte Fenster und Oberlichter gehören dazu. Das Amt für Immobilienmanagement ist vor Ort, nimmt Schäden an Schulen, Kitas und Sporthallen unter die Lupe und hat bereits Firmen mit Reparaturen beauftragt. Neben der Martin-Luther-Schule wurden auch die beiden Grundschulen in Handorf beschädigt. Zerstört ist teilweise auch die Photovoltaikanlage einschließlich Flachdach am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Komplett gepackt haben sich die Orkanböen das Blechdach über der Eingangshalle der Mosaikschule.

Nordsee-Feeling am Aasee

Sorgenvoll ging der Blick der Anrainer am Aasee am Donnerstag aufs Wasser. Margit Mersch im Büro der Segelschule Overschmidt bekam beim Anblick der Wellen auf dem münsterischen See vor ihrer Tür ein bisschen „Nordseefeeling“. Gottseidank seien alle Boote im Winterlager, nur die Stege legten beim sturm einen beachtlichen Schaukelgang ein. Sorgenvoll schaute auch Valter Ornatelli auf den Wetterbericht. Der Gastronom vom Il Di Vino am Aasee dachte beim Anblick von herumfliegenden Ästen zunächst an das Unwetter vor vier Jahren. Damals gab es im Restaurant große Schäden. Diemal atmet Ornatelli am Tag nach Friederike auf: „Wir sind glimpflich davon gekommen.“ Ihre Strandkörbe hätten sie rechtzeitig umgelegt, um einen Abflug der Sitzmöbel zu verhindern.

Die Wege unter der „Goldenen Brücke“ beim Aasee wurden von der Stadt wegen Überflutung gesperrt. Die Sperrung wird mindestens bis Montag (22. Januar) bestehen, heißt es in einer städtischen Pressemitteilung. Wenn der Wasserspiegel gefallen ist, müssen die Wege vor einer Freigabe zunächst gereinigt werden.

Feuerwehrmann wieder wohlauf

Dem beim Orkantief „Frederike“ verletzten Feuerwehrmann geht es wieder besser. Das bestätigt Feuerwehrchef Gottfried Wingler-Scholz. Dem Mann aus dem Löschzug Hiltrup sei bei Sägearbeiten ein Partikel in ein Auge geflogen. Er sei sicherheitshalber in die Augenklinik gebracht worden, so Wingler-Scholz. Insgesamt liegen dem Leiter der Feuerwehr keine Kenntnisse über weitere durch den Sturm verletzte Münsteraner vor.

Die Feuerwehr zog am Freitag eine zufriedenstellende erste Bilanz. Sie verzeichnete knapp 500 Einsätze über das ganze Stadtgebiet verteilt, 400 Feuerwehrkräft waren im Einsatz. „Ich glaube, dass alles gut abgearbeitet worden ist“, sagt Wingler-Scholz.

Hausintern hätten die angepassten Strukturen, die auf Erfahrungen früherer Einsatzlagen wie beim Starkregen zurückgingen, gut funktioniert. „Die zusätzlichen Notruf-Annahme-Plätze waren voll in Betrieb“, so Wingler-Scholz.

Betreten der Wälder verboten

„Wahrscheinlich“, so mutmaßt Franz-Josef Gövert vom Grünflächenamt, „hatten die Orkanböen in einigen Windschneisen Geschwindigkeiten von 180 bis 190 Stundenkilometern“. Die größten Schäden gab es in Münsters Westen und in Kinderhaus, resümiert Amtsleiter Heiner Bruns. Ab Montag sollen Groß-Häcksler zum Einsatz kommen, die beim Beseitigen der Bäume und Äste helfen.

Große Schäden gibt es im Dyckburger Wald und in der Hohen Ward. Bäume sind umgestürzt oder stehen nicht mehr sicher, Äste können herunterfallen. „Aus Gründen der Gefahrenabwehr“ hat das Regionalforstamt Münsterland des Landesbetriebs Wald und Holz NRW eine Verordnung erlassen, dass bis zum 31. Januar das Betreten sämtlicher Wälder im Gebiet der Stadt Münster zum Zwecke der Erholung untersagt wird.

Verkehrssicher ist inzwischen wieder die Promenade, wo vier große Linden am Hörster Tor und auf Höhe des Deutsch-Niederländischen Korps umgekippt waren.

Der Waldfriedhof Lauheide bleibt wegen der Sturmschäden vorerst gesperrt. Erst in der kommenden Woche könne das Gelände wieder freigegeben werden, schreibt die Stadt in einer Pressemitteilung. „Allerdings stellen die Mitarbeiter sicher, dass die geplanten Bestattungen stattfinden können“, heißt es weiter.

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Versicherer: Folgeschäden vermeiden

Große Aufräumaktionen haben jetzt viele private Grundstücksbesitzer zu bewältigen. So wurden bei der Provinzial-Versicherung zahlreiche herunter gestürzte Dachpfannen, beschädigte Satellitenschüsseln und umgestürzte Bäume gemeldet. „Wo es möglich sei, sollten Hausbesitzer sofortige Sicherungsmaßnahmen vornehmen, um Folgeschäden zu vermeiden und natürlich mit Fotos Schäden dokumentieren“, sagt LVM-Sprecher Carsten Pribyl. Bis Freitagnachmittag seien der LVM bundesweit bereits 23 500 Schäden gemeldet worden.

Die Provinzialversicherung erwartet nach ersten Schätzungen „einen voraussichtlichen Schadensaufwand von 100 bis 130 Millionen Euro“.

Kommentar: Blaues Auge für Münster

Orkantief „Friederike“ hat Münster ein dickes blaues Auge verpasst – mehr, Gott sei Dank, aber auch nicht. Und das, obwohl das Unwetter die Stadt voll erwischt und zwei Stunden lang kräftig durchgewirbelt hatte. Natürlich gehen die Sachschäden in die Millionen, natürlich sind wertvolle Bäume einfach wie Streichhölzer umgeknickt und auf Häuser und Autos gestürzt, natürlich wurden Dächer abgedeckt, und natürlich ärgerten sich alle über das Stauchaos aufgrund der Straßensperrungen und über den ausgefallenen Bahnverkehr – aber kein Mensch wurde nach bisherigem Kenntnisstand der Einsatzkräfte lebensbedrohlich verletzt. Und das ist die gute Nachricht für Münster angesichts der mindestens acht Toten in Deutschland. Heute gilt es, den vielen Einsatzkräften von Herzen Danke zu sagen. Sie können stolz auf sich und ihr vielfach auch ehrenamtliches Engagement sein. Wir sind es auf jeden Fall.

Ralf Repöhler

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