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Um seine Frau zu retten

Helmut Machemer zog aus Liebe in den Krieg

Münster

Helmut Machemer zog aus Liebe freiwillig in den Zweiten Weltkrieg. Der Mann, der an der Augenklinik in Münster als Arzt gearbeitet hatte, tat das, um seine Frau Erna zu retten. Sie war als „Halbjüdin“ von der Verfolgung, vielleicht sogar dem Tod bedroht.

Martin Kalitschke

Helmut Machemer schreibt in einem Unterstand in der Sowjetunion einen Brief. Foto: privat

Der Brief, den Helmut Machemer am Ostersonntag 1942 an seine Frau schreibt, mutet geradezu poetisch an. „Blendendes Sonnenlicht übergießt mich mit seinem Glanz! Welch herrlicher Morgen! Fast friedlich ist‘s, diese unberührte Zartheit des Schnees und über allem die goldene Sonne. Was Wunder! Heute ist ja auch Ostertag!“

Es ist Krieg

Die Idylle trügt, es ist nicht friedlich, es ist Krieg. Helmut Machemer ist weit von seiner münsterländischen Heimat entfernt, als er den Brief schreibt. Der Unterarzt der Aufklärungs-Abteilung der 16. Panzer-Division befindet sich an der Front in der Sowjetunion, die im Jahr zuvor von Deutschland überfallen worden war.

Aus Liebe freiwillig zum Krieg gemeldet

Machemer müsste hier nicht sein. Der Augenarzt, der an der Universität Münster gearbeitet und promoviert hatte und später in Stadtlohn praktizierte, wäre 1939 eigentlich gar nicht eingezogen worden. Doch er hatte sich gleich am ersten Kriegstag freiwillig gemeldet. Aus Liebe. Um seine „halbjüdische“ Frau zu retten.

1932 hatten sich Erna und Helmut Machemer das Ja-Wort gegeben. Foto: privat

„Wofür es lohnte, das Leben zu wagen“

„Wofür es lohnte das Leben zu wagen“: So lautet der Titel des Buches, das der Osnabrücker Historiker Christian Hardinghaus mit Helmut Machemers Sohn Hans Machemer herausgebracht hat – und in dem eine geradezu unglaubliche Geschichte erzählt wird. Hintergrund ist eine kaum bekannte Ausnahmeregelung in den NS-Rassegesetzen. Danach kann ein „arischer“ Mann beantragen, dass seine „halbjüdische“ Frau und ihre Kinder als „deutschblütig“ eingestuft werden. Voraussetzung ist allerdings, dass der Mann hohe Verdienste um das Vaterland erwirbt. Helmut Machemer weiß von dieser Regelung und hat nach Kriegsbeginn nur ein Ziel: Als Soldat das Eiserne Kreuz I. Klasse zu bekommen und so seine Frau Erna und die drei Kinder vor Verfolgung, womöglich dem Tod zu bewahren.

Machemer erfährt nicht mehr, dass er seine Familie tatsächlich gerettet hat

Sein Einsatz endet tragisch – und dennoch erfolgreich. Im Mai 1942 wird er tatsächlich mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Doch nur vier Tage nach seiner Auszeichnung stirbt Machemer. Ein Granatensplitter trifft ihn an der Schläfe, er ist der einzige, der diesen Angriff nicht überlebt. Machemer erfährt nicht mehr, dass er seine Familie tatsächlich gerettet hat. Im März 1943 entscheidet Adolf Hitler persönlich, dass Erna Machemer den „Deutschblütigen“ mit allen Rechten und Pflichten gleichzustellen sei. Nun darf sie unter anderem ihr Studium fortsetzen – zwei Jahre, nachdem sie vom Rektor der Universität Münster rausgeschmissen worden war. „Dies ist bis heute der einzige bekannte Fall einer solchen Arisierung“, sagt Hardinghaus.

„Ein historischer Schatz“

2000 Fotos hat Helmut Machemer an der Front gemacht – „darunter Bilder, die schlimmer sind als jeder Horror-Film“, sagt Hardinghaus. Auch 160 Briefe an seine Familie sind erhalten geblieben, daneben gibt es fünf Stunden Filmmaterial. „Ein historischer Schatz“, sagt Hardinghaus – den bislang außer ihm und der Familie niemand zu Gesicht bekommen hat.

Briefe, Fotos und Filme wurden digitalisiert

1970 starb Erna Machemer im Alter von nur 61 Jahren. Kurz vorher hatte sie ihre Söhne informiert, dass in einem Schrank zahlreiche Dokumente des Vaters liegen. Doch erst 2013 machte sich Sohn Hans daran, Briefe, Fotos und Filme zu digitalisieren – und mit Christian Hardinghaus einen Historiker einzubinden. Ergebnis ist nicht nur das kürzlich erschienene Sachbuch, sondern auch der Roman „Ein Held dunkler Zeit“, den Christian Hardinghaus geschrieben hat.

Die Geschichte von Erna und Helmut Machemer

Zurück zur Geschichte von Erna und Helmut Machemer. Ende der 1920er-Jahre lernen sich die beiden kennen. 1932 geben sich der münsterische Augenarzt und die Medizinstudentin aus Kiel das Ja-Wort. Nach der Machtergreifung der Nazis muss Machemers jüdischer Vorgesetzter, Prof. Aurel von Szily, den Chef-Posten in der Augenklinik räumen. Machemer zieht daraufhin mit seiner Familie nach Stadtlohn, wo er – auf Vermittlung Szilys – Assistent eines angesehenen Augenarztes wird.

Ernas Mutter wanderte aus

Erna Machemer weiß bis zur Hochzeit nicht, dass sie „Halbjüdin“ ist. Erst, als ihr Mann von Bekannten darauf angesprochen wird, dass seine Ehefrau irgendwie „jüdisch aussieht“, fragt sie bei ihren Eltern nach – und erfährt, dass ihre Mutter eine Jüdin ist. Im Gegensatz zu Helmut und Erna Machemer lassen sich ihre Eltern nach 1933 scheiden. Ernas Mutter heiratete in den Niederlanden ihren verwitweten Jugendfreund und überlebte den Krieg. Sie starb dort im Jahr 1947.

Doch Helmut hält zu Erna

Erna will ihrem Mann als „Halbjüdin“ nicht zur Last fallen, bietet ihm bereits vor 1933 – als der Antisemitismus bereits immer mehr zunimmt – die Trennung an. „Mein lieber Helmut. Ich habe nur einen Wunsch, noch einmal bei Dir zu sein. Der Du mein größtes Glück warst. Komm bald, dann will ich Abschied nehmen, so war‘s ein Stücklein Leben mit Freude und Leid. Leb wohl, Geliebter“, schreibt sie. Doch Helmut hält zu ihr: „Dass ich Dich immer lieb habe, daran zweifle ich nicht.“

So endet der letzte Brief

„Gut auf Unterstand geschlafen, morgens 7 Uhr. Abmarsch, keinen Befehl erhalten. Frische Truppe“ – das sind die letzten Worte, die Helmut Machemer am 18. Mai 1942 niederschreibt. Gegen Mittag wird er tödlich verwundet. Mehrere Briefe seiner Frau und seiner Kinder, die gerade unterwegs sind, erreichen ihn nicht mehr. „Unsere Buben schreiben Dir noch. Sie sind so stolz. Darf ich sagen, wir danken unserem Soldaten-Vater? Es grüßt Dich Deine Erna.“ So endet der letzte Brief, den sie ihrem Mann Helmut geschrieben hat.

Korrekturhinweis: Zunächst hatten wir geschrieben, dass Ernas Mutter im Konzentrationslager ermordet wurde. Diese nicht zutreffende Darstellung wurde geändert.

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