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Verurteilter Betrüger wehrt sich

Herr Schmidt kämpft um seine Wahrheit

Münster

Seit fast zehn Jahren kämpft Andreas Schmidt um die Wiederaufnahme seines Verfahrens. Bislang bleibt er ein verurteilter Betrüger.

Dirk Anger

Stapelweise Papiere und Akten türmen sich auf dem Wohnzimmertisch von Andreas Schmidt in Mauritz. Der heute 51-jährige Münsteraner kämpft seit fast zehn Jahren um eine Wiederaufnahme seines Verfahrens. Er sei kein Betrüger, sagt er, die Gerichte sehen das anders. Foto: Dirk Anger

Herr Schmidt ist ein Betrüger. Für die deutsche Justiz steht das fest. Höchstrichterlich und quasi unumstößlich. Vier Jahre und zehn Monate hat der Münsteraner deshalb hinter Gittern gesessen. Dutzende Anleger, so urteilt das Landgericht Dortmund im Jahr 2005, habe Andreas Schmidt um viel Geld gebracht – gemeinsam mit seinem später festgenommenen und ebenfalls verurteilten Geschäftspartner.

Letzterer hatte das raffinierte betrügerische Schneeballsystem in dem Dortmunder Büro ausgeklügelt, das Schmidt zum Verhängnis werden soll, sein Leben aus den Angeln hebt. Die Scheingeschäfte verbergen sich hinter angeblich ausgeführten „Zinsdifferenzgeschäften“ mit ausländischen Währungen – ein kompliziertes Nischenprodukt, das auf dem unübersichtlichen Finanzmarkt tatsächlich aber auch von seriösen Banken vertrieben wird.

Gericht nimmt ihm die Opferrolle nicht ab

Schmidt schwört damals vor Gericht wie heute steif und fest, von diesen betrügerischen Machenschaften seines Chefs nichts gewusst zu haben. Er habe gar selbst gutgläubig einen sechsstelligen Betrag bei diesem investiert – und am Ende alles verloren. Wie viele andere Anleger. „Ich bin Opfer der Straftat, für die ich verurteilt wurde“, empört sich der Münsteraner.

Doch das Gericht sieht das damals anders, bescheinigt Schmidt „erhebliche kriminelle Energie“, will ihm nicht abnehmen, dass er selbst bloß betrogenes Opfer gewesen sei. Schließlich hat Schmidt unzählige Finanzvermittler im Auftrag seines Chefs Horst H. geschult, an deren Provisionen mitverdient, selbst Abschlüsse getätigt. Und weiß zu der Zeit um ein Strafverfahren gegen seinen Chef. Letzteres hätte ihn an dessen Seriosität zweifeln lassen müssen, meint das Gericht.

Schmidt beteuert seine Unschuld

So fest wie die Justiz Schmidts Schuld in Stein gemeißelt sieht, beteuert der 51-Jährige im Gegenzug seine Unschuld. Bis zum heutigen Tag sieht er sich als Opfer des Rechtssystems, seine Geschichte hat ihn inzwischen krank gemacht, nur sein Widerstand leidet nicht. Denn Aufgeben ist für Schmidt keine Lösung. „Mein Fall ist schlimmer als Mollath“, behauptet er unentwegt, hier in seiner kleinen Erdgeschosswohnung in Mauritz.

Unweit seiner früheren Grundschule wohnt Schmidt seit einigen Jahren wieder. Von hier aus überzieht er Gerichte, Staatsanwaltschaften und Landespolitiker mit Beschwerden, Einsprüchen und Anzeigen in seiner Sache – immer beseelt von dem Gedanken, dass sein einsamer Kampf eines Tages doch noch zu der erwünschten Wiederaufnahme seines Verfahrens führt. So wie eben im Fall von Gustl Mollath, der zunächst bundesweit Schlagzeilen gemacht hat und in diesen Tagen wieder aufgerollt wurde.

EDV-Buchhaltung vernichtet

Als einige Zeit nach Schmidts Verurteilung sein Chef Horst H. verhaftet wird, wähnt sich der Münsteraner fast am Ziel. Denn zusammen mit H. ist auch dessen EDV-Buchhaltung aufgetaucht, die Schmidts angebliche Einzahlungen belegen soll. Und damit, so glaubt Schmidt, wäre auch das Urteil gegen ihn in seinen Grundfesten erschüttert. Denn das bezweifelt, dass Schmidt je selbst Geld in die fragwürdigen Geschäfte investiert hat. Der verurteilte Betrüger sieht endlich einen Hoffnungsschimmer, sich aus den Fängen der Justiz befreien zu können. Weit kommt er nicht: Denn ausgerechnet der Staatsanwalt, der die Anklage gegen Schmidt geführt hat, der seiner Strafaussetzung zur Bewährung nach zwei Dritteln verbüßter Haft widerspricht, ordnet später die Vernichtung der als Asservat eingelagerten Datenbank an. „Obwohl er wusste, dass ich mich um eine Wiederaufnahme meine Falls bemühe“, betont Schmidt. Alles diene dazu, ein Fehlurteil zu vertuschen. Seitdem bezeichnet er den Staatsanwalt – bislang ungestraft – in vielen Schreiben als „kriminell“. Die Behörde in Dortmund will sich zu Schmidts Fall nicht mehr äußern: Das Verfahren sei längst rechtskräftig abgeschlossen, heißt es bloß. „Justizmäßig ausgesteuert“ nennt man den Vorgang hinter vorgehaltener Hand.

Sein ehemaliger Chef sitzt im Gefängnis

Mitteilen will sich indes Schmidts ehemaliger Chef, der sitzt in Bielefeld-Brackwede im Gefängnis. Ebenfalls wegen Betrugs. Auf Nachfrage bestätigt Horst H. dieser Tage aus der Haft heraus, dass Schmidt von den Schneeballgeschäften „absolut keine Kenntnis“ gehabt habe, vielmehr habe dieser selbst Geld verloren. Verträge und Kontounterlagen, „die Schmidt nicht selber erstellen konnte“, würden dies belegen, sagt H.

Doch exakt diese Buchhaltung, die nach den Worten von Horst H. als Beleg dienen könnte, wurde auf Anordnung der Staatsanwaltschaft vernichtet. Und bis zum heutigen Tag wurde der Drahtzieher der betrügerischen Schneeballgeschäfte offenbar nicht richtig zum Fall Schmidt vernommen, was Horst H. selbst wundert.

Seit zehn Jahren kämpft Andreas Schmidt inzwischen gegen ein aus seiner Sicht verheerendes Fehlurteil, das die Justiz über ihn gefällt haben soll. „Die haben mir mein Leben geraubt“, wirft der gelernte Versicherungskaufmann Schmidt dem Rechtsapparat vor. Was Letzterer ihm, Schmidt, vorwirft, findet sich auf den 68 vollbeschriebenen Seiten des Urteils aus dem Jahr 2005, gefällt nach nicht weniger als 31 Tagen Hauptverhandlung vor der Wirtschaftsstrafkammer.

Schmidt ringt um seine Ehre

Dass Andreas Schmidt – „ich komme aus gutem Haus“ – einmal in seinem Leben dort stehen würde, danach sieht es anfangs nicht aus: Abitur am Ratsgymnasium, Wehrdienst, einige Monate Maschinenbau-Studium; dann schwenkt er um, absolviert eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann und macht sich nach diversen Zwischenstationen Anfang der 90er-Jahre als Versicherungsvermittler erfolgreich selbstständig. Das ist die bessere Vergangenheit. Jetzt ringt der 51-Jährige um seine Ehre – auch um seinem betagten Vater zu beweisen, dass er ein guter Sohn ist.

Ein dicker Stapel an Beschwerdebriefen, Anwaltsschreiben und zwei gescheiterte Wiederaufnahmeanträge liegen auf dem Wohnzimmertisch. Kiloweise Papier. Doch Geld für einen guten Rechtsanwalt, der vielleicht die Chance auf ein Wiederaufnahmeverfahren erhöhen könnte, hat Hartz-IV-Empfänger Schmidt nicht. Den Kampf seines Lebens führt er alleine. Ob er je seine Ruhe finden wird? Ungewiss . . .

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