30 neue Fälle in drei Tagen

Höheres Risiko, mehr Infektionen

Münster

Anfang Juli war das Coronavirus fast aus Münster verschwunden. Jetzt ist es wieder da – und zwar mit Zuwachsraten, die nachdenklich stimmen.

Lukas Speckmann

Durch Coronatests, wie diesem mittels einer Blutprobe, lassen sich Infektionen nachweisen. Foto: Laurie Dieffembacq/BELGA/dpa

Am 29. Februar tauchte das Coronavirus zum ersten Mal in Münster auf, Anfang Juli war es fast wieder verschwunden. Vom 6. bis zum 9. Juli meldete die Stadt täglich nur noch eine einzige bekannte Infektion – und die Redaktion bereitete sich auf einen Bericht zum Thema „coronafreies Münster“ vor. Doch seit dem 10. Juli gibt es ständig neue Fälle. Am Montag waren es zuletzt sieben, am Dienstag 13, am Mittwoch zehn – 30 in drei Tagen. Ist das die zweite Welle?

Ordnungsdezernent Wolfgang Heuer antwortet zurückhaltend: „Wir bewegen uns auf einem niedrigen Niveau.“ Der Leiter des städtischen Krisenstabs betont aber auch, dass die wochenlange negative Entwicklung nicht zu übersehen sei. Die Mobilität der Ferienzeit, die andauernde Lockerung der Schutzmaßnahmen und eine in manchen Kreisen zunehmende Unbedenklichkeit seien wahrscheinlich dafür verantwortlich. Höheres Risiko, mehr Infektionen: „Man könnte erstaunt sein, dass die Zahlen nicht höher sind.“ Erklärung: Die Mehrheit der Bevölkerung beherzige den wirksamen Dreiklang aus Abstand, Masken und Hygiene.

Zweiter Lockdown „nicht das Mittel der Wahl“

Noch sei die Stadt von den dramatischen März-Zahlen weit entfernt. Und: Das Wissen über das neuartige Coronavirus und seine Verbreitung sei in den vergangenen Monaten enorm gewachsen. Selbst bei einem weiteren Anstieg und einer möglichen Verschärfung der Maßnahmen werde sich eine Situation wie zu Beginn der Pandemie in Münster wohl kaum wiederholen: „Die Schließung von Einrichtungen wird bei einer zweiten Welle voraussichtlich nicht das Mittel der Wahl sein“, betont Heuer.

Foto: Grafik: Ann-Kathrin Schriever

Corona-Zahlen in Münster

Seit dem 19. April meldet die Stadt in ihrem fast täglichen Bulletin nicht mehr wie zuvor die Zahl der „infizierten Personen“, sondern die „labordiagnostisch bestätigten Infektionsfälle“ – zunächst die Gesamtzahl, dann die Zahl der Gesundeten sowie die Zahl der Todesfälle. Und ganz zum Schluss folgt die entscheidende Information, wie viele Personen im Stadtgebiet aktuell als infiziert gelten.

Am 29. Februar wurde das Virus zum ersten Mal bei einem Münsteraner nachgewiesen, am 30. März erreichte die Ausbreitung ihren Höhepunkt: 348 Personen waren damals gleichzeitig mit dem Coronavirus infiziert. 13 Todesfälle wurden in Münster im Zusammenhang mit Covid 19 gezählt. Alle traten innerhalb eines Monats ein: Der erste am 26. März, der vorerst letzte am 24. April.

Schon Anfang Mai war die Zahl der akut infizierten Menschen auf unter zehn gesunken, dann aber innerhalb von zwei Wochen rasch wieder auf 60 gestiegen. Es war die Zeit, in der zahlreiche Mitglieder einer Großfamilie in Angelmodde positiv auf das Coronavirus getestet wurden und die Untersuchung aller Angehörigen der Wolbecker Hauptschule angeordnet wurde.

Am 9. Juni sank die Zahl wieder auf unter 20 – einen Tag später beendete der städtische Krisenstab, der seit Anfang März ständig zusammengetreten war, vorerst seine regelmäßigen Sitzungen. Seitdem kamen nur sehr wenige Infektionen hinzu, während sich immer mehr Menschen auskurieren konnten. Auch die dramatische Entwicklung in den Nachbarkreisen Warendorf und Gütersloh änderte daran nichts. Seit dem 22. Juni waren durchgängig weniger als zehn akute Fälle in Münster bekannt. Seit dem 10. Juli steigen die Zahlen wieder.

Alle Zahlen stehen unter dem Vorbehalt der Dunkelziffer. Nicht jeder Infizierte erkrankt schwer, nicht jeder Erkrankte lässt sich testen.

Unkontrolliertes Feiern werde die Stadt nicht weiter hinnehmen: „500 Menschen auf einer Stelle, ohne Regeln: schlechter geht es nicht.“ Der kommunale Ordnungsdienst sei mit der sehr belastenden Aufgabe, Corona-Regeln zu kontrollieren, allerdings an die Grenze des Machbaren gekommen: „Das geht nur durch die Präsenz vor Ort. Wir benötigen stärker als bisher die Hilfe der Polizei.“ Von der Strategie, auf ein Fehlverhalten nur hinzuweisen und bei sofortiger Änderung nicht zu ahnden, soll aber nur in besonderen Fällen abgewichen werden.

Wolfgang Heuer

In der Regel könne das Gesundheitsamt die Hintergründe ermitteln, berichtet Heuer: „Die Infektionen geschehen im privaten Umfeld, vor allem im Freundes- und Familienkreis.“ Der Einkauf im Supermarkt, die Fahrt im Bus, oder der Besuch im Amt spielten keine so große Rolle bei der Virus-Übertragung: „Kontakt, der über eine Viertelstunde hinausgeht – das ist relevant.“

Wie schwer die in Münster Infizierten an Covid-19 erkranken, wurde bislang allerdings nicht statistisch erfasst. Gesundheitsamtsleiter Dr. Norbert Schulze Kalthoff kündigte im städtischen Krisenstab an, dieser Frage nachzugehen. Dabei könnte vielleicht auch der auffällige Befund geklärt werden, warum in Münster schon seit Ende April keine Covid-19-Todesfälle mehr verzeichnet werden. Das Gesundheitsamt rechnet damit, dass es vor allem an Einsatz und Erfahrung der münsterischen Ärzte und Pfleger liege, wenn schwer Erkrankte über den Berg kommen. Die Stadt verfüge insgesamt über eine sehr leistungsfähige Medizin, heißt es.

Kommentar

Corona-Comeback: Auf Distanz bleiben

Anfang Juli war fast jeden Tag damit zu rechnen, dass das Coronavirus vorläufig aus Münster verschwindet. Vier Wochen später stecken wir offenbar mitten in einer zweiten Welle – auch wenn manche Experten diesen plakativen Begriff lieber vermeiden. Das fast schon abgeschriebene Virus ist wieder da, und es ist gefährlich wie eh und je.

Überrascht? Eigentlich nicht, eine solche Entwicklung ist lange vorhergesagt worden. Enttäuscht? Schon eher. Seit April hat sich die Situation in Münster immer weiter entspannt, zuletzt war schon fast wieder eine Ahnung von Normalität eingekehrt. Dass ausgerechnet dieses Gefühl das Corona-Comeback beschleunigt, ist eine bittere, aber notwendige Erkenntnis. Die Münsteraner werden die Zügel wieder etwas straffen, die Maske häufiger aufsetzen, Distanz wahren, vorsichtiger werden müssen.

Die gute Nachricht: Es hilft. Das Coronavirus ist mittlerweile weit weniger unbekannt als zu Beginn des Jahres. Wer Abstand hält, vermeidet eine Ansteckung sehr wirksam. Und damit einen weiteren rigiden Lockdown wie im März. Es liegt an uns.

von Lukas Speckmann

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