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Musik und Rezitationen zur Täuferzeit

Idealismus wird Fanatismus

Münster

Eine Inszenierung der Extraklasse erlebte das Publikum in der Lambertikirche: Rezitationen und Musik zur Täuferzeit.

Von Arndt Zinkant

Die drei Sprecher in der Lambertikirche (v.l.): Laura Thomas , Maximilian von Ulardt und Markus Kopf Foto: Arndt Zinkant

Was als „8. Orgelnacht“ annonciert war, präsentierte sich dem staunenden Publikum am Samstagabend als weit mehr: als szenische Performance, die mittels Chor, Orgel, Lesung und Lichtinstallation in die Täuferzeit entführte. Mit allen Sinnen, innerhalb von St. Lamberti und draußen auf dem Prinzipalmarkt.

Der Kammerchor St. Lamberti unter Alexander Toepper, das Licht- und Tonkonzept von Christoph Schulz sowie Tomasz Adam Nowaks „Orgel-Soundtrack“ bildeten ein grandioses Passepartout für die Rezitation. Die Begeisterung des Publikums war entsprechend groß.

„Sie wollten das Paradies und brachten die Hölle!“ So war es bei den meisten, die das Paradies versprechen, und in Münster war anno 1536 ein besonders schauerliches Exempel zu verzeichnen. Es rezitierten Laura Thomas, Maximilian von Ulardt und Markus Kopf (früherer Schauspieldirektor, der Regie führte).

Religiöser Erlösungswahn und kirchlicher Machtanspruch

Die Texte stammten von Hans-Peter Boer. Im Wechselspiel der drei Stimmen entspann sich mit angemessen dezentem Pathos eine Erzählung über religiösen Erlösungswahn und kirchlichen Machtanspruch, die zwischen den Säulen der Lambertikirche widerhallte.

Dieser Hall war der Wermutstropfen des Abends, denn trotz Lautsprechern war der szenische Bilderbogen oft schwer zu verstehen. Zumal der filmmusikalisch wirkende Orgelklang simultan zu den Stimmen ertönte (dass Nowak ein Meister darin ist, hat er bei Stummfilmkonzerten oft bewiesen).

Welch ein Kontrast zum Kammerchor! So infernalisch das Drama um Jan van Leiden und seine Jünger, so innig und zart die Klänge, die sich alternierend vom Altarraum her dazugesellten. Da gab es sogar ein Stück vom Reformator Luther selbst (Chorsatz: Gary Crighton): „Ein Lied für die Kinder, damit sie zu Mitterfasten den Bapst austreiben“. Kantor Alexander Toepper formte das mit seinen Sängern so sensibel, wie man ihn kennt.

Turmmusik der Täuferzeit zur Pause

Sogar die Pause war ein kleines Konzert: Nach den Neun-Uhr-Signalen der Türmerin ertönte oben von den Käfigen Turmmusik der Täuferzeit, gespielt vom Ensemble „blechgewand(t)“ mit archaischem Bläsersatz und Trommelschlag; sogar ein Stück des legendären Tudorkönigs Henry VIII. war dabei.

Drinnen führten die Schauspieler das Drama zum düsteren Finale. Am Ende der Rezitation hieß es: „Idealisten wurden zu Fanatikern, wenn ihnen die Macht gegeben war.“ Wie wahr.

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