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Erna de Vries in Münster

Ihr Vermächtnis für die Zukunft: Holocaust-Überlebende zu Gast in der nach ihr benannten Schule

Münster

Sie überlebte zwei Konzentrationslager und den Todesmarsch. Heute ist Erna de Vries 96 Jahre alt, das Alter setzt ihr zu. Doch noch immer erzählt sie jungen Menschen davon, was vor 80 Jahren in Deutschland geschah.

Björn Meyer

Erna de Vries (l.) überlebte zwei Konzentrationslager und den sogenannten Todesmarsch. Zum Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau stand de Vries am Montag Schülern aus Münster Rede und Antwort. Die Fragen bekam die schwerhörige, mittlerweile 96-Jährige von Claudia Onnebrink (r.) noch einmal wiederholt. Foto: Björn Meyer

Auf den Tag genau 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, in dem die Nationalsozialisten über eine Million Leben auslöschten, betritt Erna de Vries die Aula der nach ihr benannten Realschule in der Spichernstraße im Düesbergviertel. Die 96-Jährige ist über einen Rollator gebeugt, zusätzlich wird sie von zwei Personen gestützt. Erna de Vries kann nicht mehr gut sehen, auch das Hören fällt ihr schwer. Als sie an dem ihr zugedachten Stuhl angekommen ist, sagt sie: „Gott sei Dank.“

Wenig später geht es in der Schulaula – im übertragenen Sinn – darum, wie unwahrscheinlich es einst war, dass die Jüdin Erna de Vries tatsächlich nun hier sitzt – kerzengerade, völlig klar im Geiste wohlgemerkt. Wie Erna de Vries ihre Mutter nicht alleine ins KZ gehen lassen wollte. Wie sie unter Entzündungen und Hunger litt. Wie sie Auschwitz nur überlebte, weil sie im letzten Moment ins Frauen-KZ Ravensbrück gebracht wurde. Wie sie im Siemens-Lager zur Arbeit gezwungen wurde. Und wie sie schließlich beim sogenannten Todesmarsch, als die Nazis die Konzentrationslager vor den anrückenden Alliierten räumten, entkräftet nicht mehr „konnte und wollte“. Nur der guten Zurede einiger mitgefangener Mädchen sei es zu verdanken gewesen, dass Erna de Vries sich doch noch einmal weiterschleppte – bis plötzlich die Amerikaner mit Panzerwagen auftauchten und die Menschen befreiten.

Judenfeindlichkeit - heute wieder ein Thema

Erna de Vries hat ihre Geschichte schon oft erzählt. Seit über 20 Jahren reist sie herum, um ihren Beitrag zu leisten, damit das Unfassbare nie wieder geschieht. Auch jeder, der am Montag anwesenden Schüler kennt ihre Geschichte längst. Und dennoch ist kein Mucks zu hören, während am Vormittag in der Aula die von münsterischen Studenten angefertigte Filmdokumentation „Erna de Vries – ich wollte noch einmal die Sonne sehen“ abgespielt wird. Als der Film endet, gibt es Applaus. Eine Schülerin reibt sich Tränen aus ihren Augen.

Im Anschluss sitzt Erna de Vries auf einer kleinen Bühne. Claudia Onnebrink, ehemals Lehrerin an der münsterischen Schule, wiederholt die von den Schülern gestellten Fragen für Erna de Vries. Das Sprechen fällt ihr schwer, die Stimme ist heiser, und doch weicht kein Augenpaar von de Vries´ Lippen. Den Glauben habe sie nie verloren, antwortet sie, als einer der Schüler wissen möchte, ob sie im Lager mal an Gott gezweifelt habe.

Ob sie später entschädigt worden sei, möchte ein anderer Schüler wissen. Man habe ihr die Jugend gestohlen und ihre Mutter getötet „Kann man dafür entschädigt werden?“, entgegnet Erna de Vries. Ob sie Parallelen zwischen zunehmender Judenfeindlichkeit in den 1930er-Jahren und heute wahrnehme? „Parallelen könnte man ziehen, aber ich hoffe, dass die Menschen die Augen offenhalten und sehen, was andernfalls daraus erwachsen kann.“

Tochter auch zu Gast in Münster

Als Erna de Vries die Schulbühne verlässt, ist es der Abgang einer schwachen, gebrechlichen Frau, die einen starken Eindruck hinterlässt. Einen, der Menschen jedweden Alters zum Zuhören bringt. Der um Fassung ringen lässt. Ein Eindruck, den, so eindringlich er ist, de Vries irgendwann nicht mehr persönlich vermitteln können wird.

In der ersten Reihe sitzt am Montag Tochter Ruth de Vries. Im Sinne ihrer Mutter könne sie deren Geschichte in Zukunft sicher noch ein wenig weitertragen. Doch Ruth de Vries setzt vor allem auf Hilfe: „Jeder der heute hier war, jeder, der die Geschichte meiner Mutter von ihr gehört hat, ist ein Zweitzeuge“, sagt de Vries. Sie tragen demnächst die Verantwortung dafür, dass sich Geschichte in Deutschland nicht wiederholt.

Rückblick auf Schul-Umbenennung 2015:

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