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Fahrradhauptstadt Münster rüstet weiter auf

Investitionen für Radschnellverbindungen und mehr Sicherheit an Unfallschwerpunkten

Münster

Der aktuelle Sieg als fahrradfreundlichste Großstadt Deutschlands ist für Radverkehrsplaner Stephan Böhme kein Grund, sich auf Lorbeeren auszuruhen. Im Interview erklärt er, wie die Stadt künftig solch schwere Fahrradunfälle wie jüngst geschehen, verhindern will, wie sie Radschnellverbindungen forcieren und auf den E-Bike-Boom reagieren will.

Karin Höller

Der Rücksichts-Smiley am Hamburger Tunnel war auch die Idee von Radverkehrsplaner Stephan Böhme, der auf Unfallprophylaxe setzt. Foto: Oliver Werner

Sechs Mal hintereinander wurde Münster Sieger unter den Großstädten beim Fahrradklima-Test des ADFC. Redakteurin Karin Höller sprach mit Stephan Böhme, Fachmann für Radverkehrskonzepte im Stadtplanungsamt, darüber, welche Verbesserungen es noch gibt. Um schwere Unfälle, wie jüngst geschehen, zu vermeiden, Radschnellwegverbindungen ins Umland zu forcieren oder auf den E-Bike-Trend zu reagieren.

Welchen Stellenwert hat die Auszeichnung für die Stadt?

Böhme: Münster steht für eine lange Radverkehrstradition; seit Beginn der 80er Jahre gibt es eine starke Förderung. Viele Innovationen, die von anderen Städten später übernommen wurden, konnten in Münster erprobt werden, weil die Akzeptanz unter den Bürgern so groß ist, das Fahrrad als Verkehrsmittel zu nutzen. Deshalb steht Münster oft als Vorzeigestadt auf der Bühne. Aber wir haben nicht das Abo für den ersten Platz. Die Bewertungen sind für uns ein Kundenbarometer. Die Note 2,5 ist Bestätigung, aber auch Ansporn, das System weiterzuentwickeln.

In welchen Bereichen wurde in den vergangenen Jahren am meisten investiert?

Böhme: In den weiteren Ausbau des Radwegenetzes, in neue Ampelschaltungen und Markierungen. Sie dienen zugleich dazu, die Sicherheit zu erhöhen. Dieses Ziel verfolgen wir mit zahlreichen Maßnahmen, die im Verkehrssicherheitsprogramm seit 2009 festgeschrieben sind.

Trotzdem bleiben bei Radfahrern noch Wünsche offen. Der Ludgerikreisel bleibt ein Reizthema. Gibt es Chancen für eine markierte Fahrradspur?

Böhme: Eine zusätzliche markierte Spur nur für Radfahrer ist nicht zulässig. Ein separater Radweg würde den Ludgerikreisel lahmlegen. Durch die baulichen Veränderungen und die Möglichkeit, dass die Radfahrer im Verkehrsraum mit den Autos mitfahren, sind die schweren Unfälle weggefallen. Ich fahre selbst täglich zweimal durch den Kreisel und sehe, dass es gut funktioniert, wenn alle etwas Rücksicht aufeinander nehmen.

Es gab jüngst mehrere tödliche Unfälle mit Radfahrern. Sollen mehr Spiegel aufgestellt werden, damit Lkw- und Busfahrer Radler beim Abbiegen im toten Winkel sehen?

Böhme: Im Rahmen des Verkehrssicherheitsprogramms haben wir uns viele Stellen mit starkem Rechtsabbiege-Aufkommen von Lkw angesehen. An zirka 130 Stellen sollen Spiegel installiert werden. Etwa 50 sind bereits montiert, die anderen folgen sukzessive. Denn Ampeln müssen zum Teil höher gesetzt werden. Auch an der Wolbecker Straße, Ecke Andreas-Hofer-Straße, wo sich der tödliche Unfall ereignete, wird ein Spiegel angebracht. Aber nicht jeder Unfall kann durch bauliche Maßnahmen verhindert werden. Mit den von uns entwickelten Aufklebern „Vorsicht! Toter Winkel, sicher fahre ich nur dahinter“, die auf vielen Bussen, aber auch dank der Anfragen von Transportunternehmen inzwischen auf vielen Lkw kleben, leisten wir eine wichtige Präventionsarbeit.

Ein Bürgerwunsch sind mehr Fahrradständer an zentralen Orten, aber auch in Wohngebieten. Sind Verbesserungen geplant?

Böhme: Laut Bauordnung müssen bei Neubauten entsprechende Mengen an Fahrradständern geschaffen werden. In Vierteln mit vielen älteren Gebäuden gibt es noch Probleme. Wir nehmen uns seit Jahren Straße für Straße vor, um je nach örtlichen Verhältnissen weitere Fahrradanlehn-Bügel aufzustellen. Im Südviertel ist dies weitgehend erfolgt. Im Hansaviertel sind wir dabei; und bald ist das Ostviertel an der Reihe. Auf diese Weise sollen auch Gehwege von Rädern befreit werden.

Der ADFC fordert, Radfahrern verstärkt auf der Fahrbahn neben den Pkw eine Spur einzurichten – wegen der Unfallhäufung auf Radwegen. Wie reagiert die Stadt darauf?

Böhme: Für beide Lösungen gibt es Vor- und Nachteile. Radfahrer fühlen sich auf dem Hochbord-Radweg subjektiv sicherer. Gleichwohl kann es an Einfahrten oder mit Fußgängern, die auf den Radweg treten, Kollisionen geben. Wo genügend Platz ist, richten wir auf der Fahrbahn rot gefärbte Fahrradstreifen ein – wie etwa auf der Hafenstraße. An der Wolbecker Straße beispielsweise geht dies nicht. Sonst müssten die Pkw-Parkstreifen komplett wegfallen. Die Rechtsprechung unterstützt insoweit die Forderungen des ADFC, dass Radfahrer nicht gezwungen werden dürfen, den Hochbord-Radweg zu benutzen.

Stichwort Fahrrad-Schnellstraßen. Was ist in Münster geplant, um noch schneller an zentrale Orte zu gelangen?

Böhme: Seit eineinhalb Jahren beschäftigen wir uns damit, die Stadtumlandverbindungen auch für den Alltagsradverkehr tauglich zu machen und aufzuwerten. Wir wollen in Abstimmung mit den umliegenden Kreisen und Städten schlechte Abschnitte verbessern und Lücken schließen.

Wir erleben einen Boom der E-Bikes, die sehr schnell unterwegs sind. Wird sich diese Entwicklung auf künftige Radwegebreiten auswirken?

Böhme: Mit der Zunahme von E-Bikes, aber auch Fahrradanhängern, wird sich die Zahl der Überholvorgänge erhöhen. Hierfür sind die Breiten allerdings nicht überall gewährleistet. Es ist daher eine Zukunftsaufgabe, die Radwege so zu verbreitern, dass sie sicherer werden und die künftigen Radverkehrsmengen aufnehmen können – so zum Beispiel an der Hammer Straße.

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