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Beruflicher Cut: Neuanfang im Friseurbetrieb

Investmentbanker wird Friseur

Münster

Andrea und Paul Böckmann waren auf ihren beruflichen Karriereleitern schon ziemlich hoch geklettert, als sie ihre Entscheidung trafen: Beide starten als Friseurazubis bei Cabelo in Münster neu durch.

Gabriele Hillmoth

Starten beruflich neu durch: Andrea und Paul Böckmann. Beide habe eine Lehrstelle im Friseursalon Cabelo am Hafen bekommen. Foto: gh

Irgendwann dämmerte es ihm: „Ich brauche einen neuen Job.“ Paul Böckmann wagte den Absprung aus der Bank und wechselte die Branche. Jetzt jongliert der 31-jährige Investmentbanker nicht mehr mit Zahlen, Aktienkursen und Gewinnen, dafür greift er zu Kamm und Schere. Allein ist er mit dieser Entscheidung aber nicht, auch seine Frau, Andrea Böckmann, hat mit ihm umgesattelt. Auch für die 28-Jährige ist dieser berufliche Start im Friseur-Handwerk ein Neuaufschlag. Beide sind überzeugt: „Das ist die richtige Entscheidung.“

Beide sind im Friseursalon Cabelo am Hafen in Münster mit ihrer Ausbildung gestartet. Der Entschluss sei lange gewachsen, erzählen die Nachwuchsfriseure. „Eine verrückte Geschichte“, sagt Paul Böckmann.

Jahrelang war das Paar, das in München gelebt und vor einem Jahr geheiratet hat, ziemlich „busy“. 60 bis 80 Stunden pro Woche, so der einstige Investmentbanker, waren bei ihm keine Seltenheit. Nur morgens und nachts hätten sie sich noch gesehen. Auch am Wochenende stand der Laptop bereit.

Die Flitterwochen in Südafrika lösten den Schnitt im beruflichen Leben des jungen Paares aus. Aber auch der Gedanke, sagt Paul Böckmann, was irgendwann aus dem Friseurbetrieb seiner Eltern Paul und Conny Böckmann werden könnte, spielte eine Rolle. Die Eltern hatten nicht mehr auf die dritte Generation im Betrieb in Steinfelden bei Vechta gesetzt.

Ehrlicherweise hatten aber auch Paul und Andrea Böckmann die Reise gen Norden nicht auf ihrer Rechnung. An­drea Böckmanns Weg verlief nach eigenen Angaben zunächst „ziemlich schlängelig“. Von der Schule wechselte sie in den Leistungssport Tennis, gab aber dann aus gesundheitlichen Gründen auf. Sie arbeitete als Trainerin, studierte Sportmarketing und Management, absolvierte Praktika bei Eurosport und in der Gerry-Weber-Halle und studierte bis zum Sportfachwirt. In München arbeitete sie zuletzt in einer Werbeagentur für Onlinemarketing. Ihr Studium Medienwirtschaft und Management will sie im Sommer mit der Bachelor-Arbeit beenden. „Jetzt bin ich endlich fertig, da kommt eine neue Ausbildung.“

Das Ehepaar fängt ganz neu an, wäscht Haare, föhnt und hilft den Friseurprofis. Die Böckmanns freuen sich in Münster zu sein, „die Stadt ist normaler als München“.

Paul Böckmann hat sein stressiges Leben als Investmentbanker hinter sich gelassen. Trauert der Fliegerei nicht hinterher. Auf der Internetseite seines letzten Arbeitgebers wirbt er noch für eine Karriere im Finanzbereich, doch der 31-Jährige, der ausgebildeter Bankaufmann ist und in Bremen und Cardiff studiert und zwei Bachelor-Abschlüsse hat, ist mit seinem Handwerk sehr zufrieden.

Der Druck sei immer noch da, aber anders. „Wir sehen unser Ziel vor Augen“, freuen sich die Friseur-Azubis. Nächstes Jahr wollen sie den Gesellenbrief in der Tasche haben. Paul Böckmann erinnert sich, wie er seinen Eltern den Schnitt im Berufsleben „gebeichtet“ habe. Dann besuchte er mit ihnen die Trendmesse der Friseurbranche in Düsseldorf. Dabei fiel oft der Name Cabelo in Münster. Der Salon gehöre mit seinem Konzept deutschlandweit zu den Top-Ten-Betrieben. Die Böckmanns bewarben sich und wurden genommen.

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