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Junges Theater Münster streamt „The Arrival“

Jeder Mensch ist ein Migrant

Münster

Veränderungen sind nicht per se positiv oder negativ, in vielen Fällen aber mit Sicherheit eine Herausforderung. Das konnte man auch in der Inszenierung der Graphic Novel „The Arrival“ durch das Junge Theater Münster sehr schön sehen. Der multimediale Bilderbogen, der gespannt wurde, erinnerte dabei unwillkürlich an ein Meisterwerk der Malerei.

Wolfgang Müller

Der extrem lange Tisch auf der Bühne weckt Assoziationen an Leonardo da Vincis Gemälde vom letzten Abendmahl, das die Ankündigung eines Abschieds illustriert. Foto: Oliver Berg

Ein Esstisch ist nicht nur ein profanes Möbel. Bestenfalls ist er ein Ort der Geselligkeit, der Kommunikation, ein Symbol des guten Lebens. Eva Dorlaß und Valentin Schroeteler können in „The Arrival“ ein fideles Lied davon rappen. Auch mit vollem Mund und trotz der Distanz, die ihnen die lange Tafel aufgibt. Doch ihre kleine Gemeinschaft steht vor einem Umbruch.

Die titelgebende Graphic Novel des australischen Künstlers Shaun Tan inspirierte das Junge Theater Münster zu einem multimedialen Bilderbogen über die Herausforderungen von Veränderung.

Die Geschichte eines Einwanderers – ohne Worte

Ganz ohne Worte erzählt Tan dort die Geschichte eines Einwanderers. In seiner verspielten Bilderwelt spiegelt sich das Fremdempfinden seines Protagonisten, dem Architektur, Fauna und Flora am Ankunftsort geradezu surreal und Sprache und Gebräuche rätselhaft erscheinen.

Regisseurin Ksenia Ravvina belässt es indes nicht bei Bildzitaten aus Tans Buch, etwa wenn Dorlaß und Schroeteler unter fischartigen Masken einen Briefwechsel singen, der von Trennungsschmerz kündet. Der extrem lange Tisch auf der Bühne weckt Assoziationen an Leonardo da Vincis Gemälde vom letzten Abendmahl, das die Ankündigung eines Abschieds illustriert.

Darsteller als dutzendfacher Spuk

In einer phänomenalen Montage wird die Vorlage virtuell nachgestellt, projiziert, gesampelt, geloopt, zerhackt, die beiden Darstellenden als dutzendfacher Spuk.

Als ein Haufen tanzender Punkte über einem stehenden, gefilterten Synthesizer-Akkord irrlichtert, symbolisiert das nicht nur die Vereinzelung in der Masse, sondern schlägt gar eine kosmische Brücke zu Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Jeder Mensch: ein Migrant.

Experimentelles Kino

Die Grenzen von Film- und Bühnenkunst sind hier fließend. Zusammen mit dem Klang-Design von Alexandar Hadjiev entsteht beeindruckendes experimentelles Kino, das die Frage der Perspektive bis zum Ende immer neu beleuchtet. Wo ist unten, wo oben? Wo geht‘s hin? Alle Fragen: offen.

Der Stream wird am Freitag (14. Mai) ab 17 Uhr auf der Homepage des Theaters Münster (www.theater- muenster.com) wiederholt und ist dann für 24 Stunden abrufbar.

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