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Ukrainerinnen und Russinnen helfen Flüchtlingen

Kein Krieg kann sie trennen

Münster

Sie sind drei Freundinnen. Sie kommen aus Russland und der Ukraine. Und sie lassen sich von den Kriegsparolen nicht auseinanderbringen. Die jungen Frauen, die in Münster leben, wollen gemeinsam Flüchtlingen helfen.

Günter Benning

Sie sind Freundinnen. Und sie lassen sich das nicht kaputt machen. Nataliya Taratuto (29) kommt aus Kiew, Varvara Smirnova aus St. Petersburg und Kateryna Prokopovych aus der umkämpften Stadt Donez. Sie sind Ukrainerinnen und Russinnen. „Aber Politik lassen wir bei uns draußen“, sagen sie. Die drei Frauen wollen den Menschen helfen, die in die Schusslinie des Krieges geraten sind.

Volkswirtin Taratuto, die bei der NRW Bank arbeitet, ist ein Beispiel dafür, wie verwoben Familiengeschichten in der ehemaligen UdSSR sind: „Meine Eltern kamen aus Russland“, sagt sie. Sie zogen nach Prypjat, weil es dort Arbeit gab. Der Ort lag in der Ukraine und wurde weltbekannt, als Natalyia Taratuto zwei Jahre alt war. Hier steht das havarierte Kernkraftwerk von Tschernobyl. Ihr Vater war dort Maschinist. Die Familie wurde evakuiert in die ukrainische Hauptstadt. Prypjat, dessen 43 000 Einwohner von der Kernenergie lebten, ist heute eine Geisterstadt.

„Ich fühle mich als Ukrainerin“, sagt die Volkswirtin. Sie hofft, dass das Land auf dem Weg zu Demokratie ist. Aber die aktuelle Lage macht ihr Sorgen: „Es ist schwer, diese Situation tatenlos zu beobachten.“

Auch Kateryna Prokopovych ist Ukrainerin. Aber ihre Großmutter und ihre Tante sind derzeit in Donezk eingekesselt von ukrainischen Truppen. Bei Telefongesprächen sind die beiden Frauen verzweifelt, sie fürchten um ihr Leben.

Die Brüche gehen durch Familien. Wenn Taratutos Eltern Verwandten in Moskow die Lage im Nachbarland schildern, glauben die kein Wort. Natalyia Taratuto kann das verstehen. Sie sieht nach der Arbeit stundenlang fern. Ein Trommelfeuer der Propaganda auf allen Seiten. Noch am neutralsten seien deutsche Sender, sagt sie.

„Das alles ist vor allem ein politisches Spiel“, glaubt auch ihre Freundin Varvara Smirnova, die in Münster einen Sprachkurs absolviert und demnächst in Bielefeld Fotographie studieren will, „mein Traum“. Die Opfer dieses Spiels sind immer unschuldige Menschen.

Gegen die Politik wollen die drei Frauen und ihre Helfer konkret helfen. In ukrainischen Flüchtlingsheimen haben gute Freunde zwei Familien ausgesucht, eine Alleinerziehende mit vier Kindern und eine Familie mit drei Kids. Sie sind vor den Gefechten geflohen, verzweifelt, ohne Hoffnung.

Um solche Familien zu unterstützen, haben die Münsteranerinnen aus dem Osten unter dem Dach der Zukunftswerkstatt Kreuzviertel den Arbeitskreis Ukrainehilfe gegründet.

„Für uns ist Transparenz ganz wichtig“, sagt Taratuto, die in Münster Volkswirtschaft studiert hat und bei der Landesbank Projekte betreut. Man werde alle Ausgaben im Internet dokumentieren. Auch einen Film will man mit den Freunden vor Ort realisieren, um das Elend der Flüchtlinge festzuhalten.

Die Freundinnen wollen dabei klein anfangen – zwei Familien für den Anfang. Mit dem Geld, das sie sammeln, sollen praktische Dinge gekauft werden. „Zum Beispiel Schulsachen für die Kinder.“

Was man bei den Bildern aus den Nachrichten oft vergisst: Auch im Krieg, versuchen die Menschen ihr normales Leben weiterzuleben. Dazu gehört, dass die Kinder in die Schule gehen.

Email: ukrainehilfe(at)zukunftswerkstatt-muenster.de

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