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WWU-Virologe über die Corona-Lage

"Kontakte runter, Maske tragen, Impfquote rauf"

Münster

Die Corona-Zahlen in Deutschland - und auch im Münsterland - sind auf sehr hohem Niveau. Prof. Dr. Stephan Ludwig, Virologe an der Uni Münster, spricht im Interview über die aktuelle Lage und darüber, wie künftige Corona-Wellen verhindert werden können.

Für den Virologen Prof. Dr. Stephan Ludwig ist klar, dass nur Impfungen weitere Corona-Wellen verhindern können. Foto: dpa/WWU Peter Grewer

Die Lage in Deutschland sei mit Blick auf die Corona-Pandemie dramatisch, betonen die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin. Viele Krankenhäuser stoßen bei der Aufnahme von neuen Intensiv-Patienten an ihre Grenzen. Dr. Kathrin Kottke und Norbert Robers aus der Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) sprachen mit Prof. Dr. Stephan Ludwig, Leiter des Instituts für Molekulare Virologie und Zoonosen-Experte, über die aktuelle Infektionswelle und mögliche Gegenmaßnahmen.

Viele Experten betonen, dass die aktuelle Lage in der Corona-Pandemie "so ernst wie noch nie ist". Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?

Prof. Dr. Stephan Ludwig: Wir nehmen jeden Tag die extrem hohen Inzidenzwerte wahr, die ständig weiter steigen. Die Intensivstationen in den Krankenhäusern sind am Limit oder schon darüber hinaus. Mehrere Patienten mussten bereits per Flugzeug kreuz und quer durch Deutschland geflogen werden, weil die Intensivkapazitäten fehlen. Es kann deswegen wohl niemand ernsthaft bestreiten, dass diese Einschätzung richtig ist.

Hätte man frühzeitiger gegensteuern können und müssen?

Ludwig: Natürlich, das hätte man in der Tat. Bereits im Juli dieses Jahres hat das Robert-Koch-Institut in einem für jedermann verfügbaren Dokument genau berechnet, was uns im Herbst erwartet, wenn wir die Impfquoten nicht massiv steigern und im Oktober beziehungsweise November mit Maßnahmen gegensteuern. Auch viele andere Experten haben gewarnt, wurden dann aber oft als Schwarzmaler diffamiert. Daher ist es absurd, wenn Politiker sich jetzt hinstellen und sagen, man hätte das alles nicht kommen sehen.

Jetzt kommt die Corona-Variante „Omikron“ als neues Problem hinzu. Was zeichnet diese neue Virus-Variante aus?

Ludwig: Die Omikron-Variante ist sehr ungewöhnlich, da sie im Vergleich zum ursprünglichen SARS-CoV-2 aus dem chinesischen Wuhan eine sehr hohe Zahl von Mutationen im Oberflächenprotein des Virus‘, dem sogenannten Spike-Protein, aufweist. Dabei handelt es sich zum Teil um Veränderungen, die bekanntermaßen mit einer Erhöhung der Übertragbarkeit und einem Unterlaufen der Immunantwort zusammenhängen. Es gibt aber auch viele Mutationen, deren Bedeutung noch unklar ist.

Ist Omikron also gefährlicher als die bisherigen Mutationen – vor allem mit Blick auf die Krankheitsverläufe?

Ludwig: Das lässt sich seriös aktuell nicht sagen, da die Datenlage noch nicht gut ist. Beispielsweise hat man derzeit keine belastbaren Informationen zur Virulenz, der Wirksamkeit von Impfstoffen und therapeutischen Antikörpern sowie zur Übertragbarkeit. Hierfür sind zunächst umfangreiche experimentelle und klinisch-epidemiologische Untersuchungen erforderlich. Die Eigenschaften des Virus werden jedoch intensiv untersucht, und wir werden bald Konkreteres wissen.

Ständig tauchen neue Varianten auf. Könnte es passieren, dass irgendwann eine Virus-Variante entsteht, gegen die alle bisherigen Impfstoffe nicht wirken und man entsprechend „bei null“ anfangen müsste?

Ludwig: Wahrscheinlich würden wir in diesem Fall nicht bei null anfangen. Aber es ist durchaus möglich, dass Varianten entstehen, die noch schlechter durch die Impfung bekämpfbar sind als beispielsweise die Delta-Variante. Leider wird eine solche Entwicklung durch die derzeitige Situation, damit meine ich die hohe Viruslast in der Bevölkerung und eine noch große Zahl von ungeimpften Bürgern, stark befördert.

Auch in der Stadt Münster und im Münsterland gibt es eine hohe Inzidenz, im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland stehen wir jedoch verhältnismäßig gut da. Woran liegt das?

Ludwig: Der Großteil der Münsteraner und Münsterländer ist sehr vernünftig - die Menschen in dieser Region zeigen sich solidarisch, halten weitgehend die Regeln vorbildlich ein und beweisen eine hohe Impfbereitschaft. Dafür bin ich sehr dankbar, das ist wirklich großartig – weiter so!

Die Politik muss einerseits langfristig planen und agieren, um die Pandemie endgültig in den Griff zu bekommen. Aber was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Maßnahmen, um die aktuelle Welle zu brechen?

Ludwig: Das lässt sich ganz kurz und knapp beantworten: Kontakte runter, Maske tragen, Impfquote rauf. Wie das im Detail umgesetzt werden kann, muss die Politik entscheiden. Das werden keine angenehmen Entscheidungen, aber dazu gibt es keine Alternative.

Und was kann beziehungsweise muss man tun, um eine fünfte oder sechste Welle zu verhindern?

Ludwig: Impfen, impfen, impfen…

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