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Fast einwöchiger Polizeieinsatz

Der Kran ist frei – der Besetzer auch

Münster

Seit vergangenem Mittwoch hatte der stadtbekannte Müllsammler die münsterische Innenstadt in Atem gehalten. Jetzt beendete er seine Aktion. Zunächst nahm die Polizei den Mann fest, um ihn kurz darauf wieder in Freiheit zu entlassen. Aus mehreren Gründen.

Von Karin Völker und Anna Spliethoff

Am Dienstag kurz nach Mittag war der Mann, der seit vergangenem Mittwochmorgen einen Baukran auf der Hammer Straße in Münster besetzt hielt, soweit: Er stieg freiwillig von dem 40 Meter hohen Kran herunter, ließ sich in der Baugrube von Polizisten in Empfang nehmen und stieg widerstandslos in einen Polizeibulli, der mit ihm davonfuhr.

Er wurde vorläufig festgenommen, der Vorwurf lautet im Polizeideutsch „Störung des öffentlichen Friedens“. Deswegen erstattete die Polizei auch Strafanzeige. Dies war aber kein hinreichender Grund, den Mann länger in Gewahrsam zu nehmen. Am Nachmittag sei er wieder in die Freiheit entlassen worden, erklärte die Polizei.

Keine Voraussetzung für einen Haftbefehl

Oberstaatsanwalt Manfred Botzenhardt sagte zur Begründung, es habe keine Voraussetzung für einen Haftbefehl und die Verhängung einer Untersuchungshaft gegeben. „Die Straftaten, die hier im Raum standen – Beleidigung und Hausfriedensbruch – reichten nicht für einen Haftbefehl aus“, so Botzenhardt. Der Mann habe sich in der Vergangenheit auch den diversen Strafverfahren immer vor Gericht gestellt, weshalb auch keine Fluchtgefahr habe festgestellt werden können.

Keine Anzeichen für Fremd- oder Eigengefährdung

Das städtische Gesundheitsamt habe derweil keine Anzeichen für Fremd- oder Eigengefährdung aufgrund einer Erkrankung gesehen, die es möglich gemacht hätten, den Mann vorerst in einer psychiatrischen Einrichtung unterzubringen, erläuterte Polizeisprecherin Antonia Linnenbrink weiter.

Der „öffentliche Friede“ war in dem belebten Stadtviertel nahe der Innenstadt während der Kranbesetzung empfindlich beeinträchtigt gewesen. Wie berichtet, konnten Anwohner während der ganzen Zeit nur über Umwege ihre Häuser erreichen, die Kinder der angrenzenden Kita nicht draußen spielen, die Polizei hatte Tag und Nacht Wache dort gehalten.

Nachdem der Mann den Kran verlassen hatte, machte sich sofort Erleichterung breit. Minuten später tummelten sich die Kinder der angrenzenden Kita auf ihrer zuvor tagelang gesperrten Außenspielfläche, Schulkinder konnten plötzlich wieder ihren gewohnten Heimweg über die Hermannstraße nehmen. Ein Anwohner freute sich, dass er sich nicht mehr von Polizeibeamten zu seiner Haustür oder weg von seinem Haus geleiten lassen muss.

Mit zwei Flaschen Wasser und "ein paar Berlinern"

Der Kranbesetzer, der nach eigenem Bekunden im Gespräch mit der Polizei fast sieben Tage mit zwei Flaschen Wasser und „ein paar Berlinern“ ausgeharrt hatte, hatte zuvor in der Höhe für alle sichtbar eine Einkaufstasche gepackt und war behände von dem Kran herunter.

Polizeisprecherin Antonia Linnenbrink zeigte sich anschließend erleichtert, „dass in den Tagen der Besetzung niemand verletzt wurde und der Mann selbst offenbar in guter gesundheitlicher Verfassung den Kran verlassen hat.“

Video in Kooperation mit dem WDR

Wenig Verständnis in Sozialen Medien

Die Polizei Münster erwäge nun, dem Mann, der nicht unvermögend ist, die Kosten des Einsatzes in Rechnung zu stellen, bestätigte die Polizeisprecherin am Dienstag. Dies war bei den wiederholten Kranbesetzungen in der Vergangenheit nie geschehen. Diese aber hatten aber noch nie so lange gedauert wie der jüngste Einsatz. Auf den Social-Media-Kanälen sei in den letzten Tagen viel Verständnislosigkeit laut geworden, erzählt die Polizeisprecherin.

Am Dienstagvormittag hatte Polizeiführer Michael Röttger Kontakt zu dem 58-Jährigen auf dem Kran aufgenommen, hatte ihn gefragt, wie es ihm gehe nach den langen Tagen und Nächten in der Kranführerkabine. „Er war aufgeschlossen für ein Gespräch“, erzählt Röttger am Rande des Einsatzes. Der Mann, der in seinem Garten im münsterischen Stadtteil Kinderhaus exzessiv Müll sammelt, und seine Nachbarn bedroht, habe er berichtet, dass seine Wasservorräte aufgebraucht seien und dass ihm die kalten Nächte in der gläsernen Krankanzel zusetzten. „Dann sagte er, in der Mittagszeit den Kran verlassen zu wollen“, so Röttger – eine Ankündigung, an die sich der Besetzer hielt.

Nun ist der Kran frei, ebenso wie der 58-Jährige exzessive Müllsammler, dessen Grundstück am Althausweg wegen einer wachsenden Rattenplage am Dienstag vergangener Woche zwangsräumt worden war. Der Mann, dem von Gerichtsgutachtern eine Persönlichkeitsstörung attestiert wird, ist in den vergangenen Jahren wiederholt in psychiatrischen Einrichtungen behandelt worden, konnte diese aber immer wieder auf eigenen Wunsch verlassen.

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