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Rede beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft

Kriminologe Christian Pfeiffer sprach beim Neujahrsempfang über Folgen der Gewalt

Münster

Unsere Gesellschaft verroht immer mehr? Gewalt und Verbrechen nehmen zu? Der Eindruck ergibt sich, wenn man klassischen wie sozialen Medien folgt. Die Zahlen sprechen allerdings in vielen Bereichen eine ganz andere Sprache – wie der Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer auf dem Neujahrsempfang des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) darlegte.

Wolfgang Kleideiter

Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer warb beim Neujahrsempfang des BVMW für einen gewaltfreien Umgang. Foto: Wolfgang Kleideiter

Lichttherapie für Schwarzmaler: Die gefühlte „Kriminalitätstemperatur“ in der Bevölkerung entspricht nicht der Faktenlage. Während im Netz von einer zunehmenden Gewalt gemunkelt wird, beobachtet der Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer seit Jahren bei allen Gewaltdelikten – vom abscheulichen Sexualmord bis zum gewalttätigen Übergriff in Schulen – einen zum Teil bemerkenswerten Rückgang, und dies vor allem bei den unter 30-Jährigen.

Zentrale Erkenntnis des lange von ihm geleiteten Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover: Die mehr und mehr repressions- und gewaltfreie Erziehung der Kinder und Jugendlichen in den vergangenen Jahrzehnten verändert die Gesellschaft. „Liebe zahlt sich aus. Und wir messen es“, so Pfeiffer am Montagabend auf dem Neujahrsempfang des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW).

Akzente gesetzt

Die mehrere Hundert Gäste in der Konzernzentrale der Provinzial, die von Vorstandsmitglied Stefan Richter und von Bernd Adamaschek (BVMW) begrüßt wurden, erlebten einen kämpferischen Wissenschaftler. Der 75-Jährige, der einige Jahre als Justizminister in Niedersachsen Akzente setzte, fesselte sein Publikum derart, dass nach dem einstündigen freien Vortrag der Beifall kaum enden wollte. Pfeiffer appellierte an die Vertreter der Wirtschaft, ihn bei seiner Überzeugungsarbeit zu unterstützen. Auch in Unternehmen spielten Fairness, Gerechtigkeit und offene Kommunikation eine große Rolle. „Lassen sie keine bösen Gefühle entstehen“, so Pfeiffer. Eine Vielzahl der Cyberangriffe komme nicht von außen, sondern von innen. Dies werde immer wieder vergessen.

Für sein erst kürzlich erschienenes Buch „Gegen die Gewalt“ hat der Kriminologe untersucht, ob Liebe und Gerechtigkeit die besten Waffen gegen Gewalt sind. Zigtausende Jugendliche wurden dafür befragt und haben berichtet, wie sie von ihren Eltern behandelt wurden. Schläge, Druck, fehlende Wertschätzung sorgen im Ergebnis für einen Menschen, der wenig Empathie empfinden kann. „Mehr Liebe, weniger Hiebe“, lautet für Christian Pfeiffer das Rezept für alle Gesellschaften.

Die Hintergründe

Jugendliche, die als Kind gut behandelt wurden, sind zu 61 Prozent mit ihrem Leben zufrieden. Bei denjenigen, die geschlagen wurden, sind dies nur neun Prozent. Und fast die Hälfte der Geprügelten hatte schon einmal Selbstmordgedanken. „Darüber redet keiner am Grab eines Kindes“, so Pfeiffer mit bitterem Unterton.

Ausschlaggebend für den Wandel war aus Sicht des Kriminologen übrigens Astrid Lindgren. „Niemals Gewalt!“ lautete der Titel ihrer vielbeachteten Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 1978.

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