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„Kollektiv des guten Willens“ stellt Spielfilm „Seascape“ zur Diskussion

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Münster

Einen Film betrachten und zugleich Teil des Films sein? Das klingt absurd. Ist es aber nicht, wie die „Seascape Reaction Performance“ in der Kunsthalle am Hawerkamp zeigt.

Von Wolfgang A. Müller

Das münstersche Publikum nimmt in der Ausstellungshalle am Hawerkamp selbst am Filmgeschehen teil. Foto: Müller

Die Bilder seien wunderschön, schwärmt eine junge Frau über den Film, den sie gerade schaut. Aber sie, die zusammen mit zwei weiteren, männlichen Diskutanten per Video zugeschaltet ist, betrachtet nicht nur. Mit ihren mimischen und textlichen Einlassungen ist sie selbst aktiver Teil der Inszenierung. Ihre Reaktion ruft wiederum Reaktionen hervor.

Nämlich beim Publikum in der Ausstellungshalle am Hawerkamp, das dort die Blicke über sechs im Oval angeordnete Leinwände schweifen lässt, auf die Filmauszüge, Bilder, live eingegebene Texte und eben jene Reaktionsvideos projiziert werden. Die „Seascape Reaction Performance“ kommt in Form eines hybriden, analog-digitalen Kongresses daher. Dabei wird nicht nur das Phänomen der auf Video-Plattformen wie Twitch und Youtube überaus populären „reaction videos“ (Menschen filmen sich selbst beim Konsumieren von medialen Inhalten) aufgegriffen, sondern darüber hinaus vielfältige Fragen gestellt: nach Autorschaft, Partizipation, Hierarchisierung, Deutungshoheiten. Es entsteht ein Raum, über dem das Axiom von Paul Watzlawick schwebt: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Die Anwesenden sind eingeladen, selbst mitzuchatten, synchron zu den optischen und musikalischen Eindrücken, die die Leipziger Künstlergruppe „fachbetrieb rita grechen“ für das in Münster gegründete Kollektiv des guten Willens unter der Regie von Maximilian Wigger eingerichtet hat.

Letzteres hat in der Tat an der französischen Atlantikküste einen (überaus bildmächtigen) Film namens „Seascape“ gedreht, der hier auszugsweise zum ersten Mal öffentlich wird. Ein abendfüllender Streifen über einen Filmdreh, der die übliche und konventionelle Beziehung zwischen Regisseur, Crew und Publikum und nicht zuletzt die dominanten, gesellschaftlich durchdringenden Heldenerzählungen der Filmindustrie gegen den Strich bürstet.

„Spielt eigentlich der Regisseur dieses Films selbst den Regisseur?“, fragt dazu eine Textnachricht in der Ausstellungshalle, während einer der Rezensenten auf der Leinwand laut darüber nachgrübelt, in welches Genre die Produktion denn eigentlich fallen könnte.

Die junge Youtuberin, die so emotional und begeistert auf Szenen und Bilder reagierte, zweifelt am Ende, geradezu schüchtern, ob sie das Gesehene denn eigentlich verstanden hat. Was wiederum das Performance-Publikum als Anregung zur Diskussion aufnimmt, in dieser potenziell unendlich sich spiegelnden und wachsenden Gruppenarbeit, bei der jegliches Verhalten den Text, der auch der des sozialen Lebens sein könnte, mitschreibt.

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