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Dana Michel im Pumpenhaus

Am Leben gescheitert

Münster

Die Bühne ist weiß: Helle Vorhänge bilden die Kulisse, Requisiten, wie Tisch oder Stuhl, sind weiß verhängt, in einer Ecke steht ein aufgeblasener Kunststoffsessel. Da schiebt sich aus schwarzen Vorhängen eine ebensolch gekleidete Tänzerin hervor. Basecap und Kapuze tief ins Gesicht gezogen, den Oberkörper gebeugt, steht Dana Michel im Trainingsanzug auf der Bühne und rückt die zitternde Körpersprache derer ins Rampenlicht, die in der Gesellschaft ganz unten stehen. Sie könnte eine Alkoholikerin mimen oder eine Drogenabhängige, die ihre Kontrolle über den Körper nahezu verloren hat. Etwa, wenn sie sich aus einer Flasche Milch in den Mund kippt und dabei die Hälfte über das Gesicht schüttet. Die Bewegung, wenn sie dasteht und vergeblich versucht, ihre Hände in imaginären Taschen unterzubringen, hat man auf der Straße schon häufiger gesehen.

Isabell Steinböck

Dana Michel verkörpert eine gebrochene Gestalt. Foto: Ian Douglas/Pumpenhaus

„Yellow Towel“ nennt sich Dana Michels Solo-Performance, mit der die Künstlerin im Pumpenhaus gastierte. Ein Titel, der Bezug nimmt auf die Vergangenheit der in Kanada aufgewachsenen Afrikanerin, die sich als Kind ein gelbes Handtuch um den Kopf wickelte, um den blonden Mädchen ihrer Schule ähnlicher zu sehen. Hier trägt sie ihre Weiblichkeit in gelber Strumpfhose zur Schau. Sah die Performerin zuvor eher aus wie ein Mann, schlüpft sie zuweilen in die Rolle einer Frau, wenn sie – eine Banane am Ohr – skurrile Kochrezepte austauscht. Manchmal wirkt sie auch wie ein Kleinkind, das sich den Mund vollstopft mit Crackern und, auf einem Tisch sitzend, überall verteilt. Der gebrochenen Gestalt des Anfangs bleibt sie stets treu.

Es verlangt einiges, um die verkrampfte Körperhaltung, die verzweifelte Hilflosigkeit transportiert, über eine Stunde lang durchzuhalten. Vielleicht ist es die Kompromisslosigkeit, die Tanzkritiker so beeindruckt, dass sie Dana Michel, die das Stück in Eigenregie verantwortet, 2014 in Wien mit dem ImPuls-Tanz-Preis ausgezeichnet haben. Als Sozialstudie funktioniert das Stück zweifelsohne, dramaturgisch entwickelt sich jedoch kaum etwas. So bleibt am Ende nur die Traurigkeit eines am Leben gescheiterten Individuums – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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