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Tänzer vom Theater Cactus fahren zum Bundespräsidenten

Authentisch gegen Klischees

Münster

Der Platz, der ihnen im Schloss Bellevue zur Verfügung stehen wird, ist mit Klebeband abgezirkelt. Die Frauen tragen erstmals ihr Bühnen-Outfit, per Aufwandsentschädigung vom Bundespräsidialamt gesponsert. „Bitte keine Schokoladenflecken auf die weißen Blusen“, ermahnt Barbara Kemmler. Es herrscht Betriebsamkeit im Probenraum von Cactus. Es ist eine der letzten Proben, bevor es für die neunköpfige Gruppe aus Münster am Freitag nach Berlin geht. Zu Joachim Gauck.

Petra Noppeney

„No Label Dancers“ und Emmanuel Edoror aus Münster werden im Schloss Bellevue vorm Bundespräsidenten auftreten. Foto: pn

Anfang Dezember erfuhren Kemmler (Leiterin von Cactus), die sieben (von 14) Mädchen der „No Label Dancers“ sowie Emmanuel Edoror von der Einladung nach Berlin. Der Deutsche Tanzsportverband wollte die aus Angola, Kenia, Ghana, Äquatorial-Guinea, Kamerun, der Türkei und Nigeria stammenden Tänzer bei der Soiree „Deutschland tanzt“ mit dabei haben.

Die „No Label Dancers“ sind eine relativ neue interkulturelle Mädchentanzgruppe unter dem Dach von Cactus. Getanzt wird nach afrikanischer Musik; zur Gruppe gehören nicht nur junge Frauen afrikanischer Abstammung, sondern auch Frauen aus der Türkei, Israel, Polen oder Deutschland. „No Label“ – das heißt, authentisch gegen Klischees anzutanzen, nach vorne zu gehen. „Turn out to be“, im Sinne von sich entwickeln, sich entpuppen, ist der Titel des siebenminütigen Stückes.

Der 23-jährige Edoror ist bei der Berlinreise der Hahn im Korb. Er erzählt in seiner selbst erarbeiteten Choreographie, die in den rhythmischen Tanz der Frauen eingebettet ist, vom Fremdsein in einem neuen, manchmal unwirtlichen Land.

Wie die 17-bis 21-jährigen Mädchen drückt er aus, was sie in Münster täglich erleben: Die „Anmache am Bahnhof“ durch die Männer etwa, wie Juliette Nkometa erzählt. Einige provokante Gesten haben die Mädchen in ihren Tanz eingebaut. Oder von der dummen Bemerkung, die sich Voila Kappel unlängst im Bus anhören musste: „Fahrt ihr nach Berlin, um da mit euren Ärschen zu wackeln?“, raunzte sie ein Neider an. „Die meisten sehen gar nicht, wie viel wir für diesen Auftritt arbeiten“, beklagt Malungo Ndossa Antonio. „Alltägliche Verletzungen, die uns stark machen und uns aufstehen lassen“, sagt Selin Kaya.

„Wir versuchen zu sagen“, schildert Penelope Abaga Ayingono, „dass wir hier sind, auch wenn wir vielleicht noch nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben.“ Die erhoffe sie sich am Freitag vom Bundespräsidenten, sagt sie keck, während ihre Kolleginnen lachen. Gelegenheit zum Gespräch wird es beim Empfang im Schloss Bellevue nach den einstündigen Tanzdarbietungen geben, an der auch das Staatsballett Berlin, das Bayerische Staatsballett und das Tanztheater Pina Bausch beteiligt sind. Und vielleicht wird Gauck Emmanuel Edoror gratulieren: Er nimmt am 1. April sein Tanzstudium an der Folkwang Hochschule Essen auf.

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