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Barbarossa-Ausstellung in Münster

Blick in ein glänzendes Mittelalter

Münster

150 Leihgaben aus ganz Europa umfasst die Schau „Barbarossa. Die Kunst der Herrschaft“ in Münster. Nach dem Auftakt der Doppelschau in Cappenberg bietet Münsters Landesmuseum nun weitere spektakuläre und glänzende Einsichten ins Hochmittelalter. Wir waren beim ersten Rundgang dabei.

Von Johannes Loy

Glänzendes Exponat aus dem Hochmittelalter: Museumsdirektor Hermann Arnhold, Landesdirektor Georg Lunemann und Kuratorin Petra Marx (v.l.) bestaunen ein Kopfreliquiar des heiligen Oswald (1185/89) aus Hildesheim. Foto: Oliver Werner

Wäre das Wort nicht politisch derart abgenutzt und dem Comic-Slang entnommen, dann könnte man angesichts der spektakulären westfälischen Doppelausstellung zum 900. Geburtstag des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa (1122-1190) von einem musealen „Doppel-Wumms“ sprechen.

Was das Westfälische Landesmuseum unter der Ägide von Kuratorin Dr. Petra Marx nun für den zweiten Ausstellungsteil an Preziosen zusammengetragen hat, verdient das Prädikat „herausragend“. Während in Cappenberg, wie ausführlich berichtet, die Geburt und Taufe Barbarossas, die Stiftsgründung und die Rezeption des Herrschers im 19. Jahrhundert thematisiert werden, nähern sich die Historiker und Kunsthistoriker im „LWL-Museum für Kunst und Kultur“ unter der Überschrift „Barbarossa. Die Kunst der Herrschaft“ der historischen Person und deren Wirkung durch die Kunst des 12. Jahrhunderts.

Bei der Vorabbesichtigung der mit 150 Exponaten aus ganz Europa bestückten Schau wurde von den Experten nicht zum ersten Mal der These widersprochen, dass das Mittelalter finster war, wie seit den Zeiten der Renaissance gern von vermeintlich aufgeklärten Menschen behauptet wurde.

Was sich an weltlicher sowie geistlicher Macht und Herrlichkeit sowie an kulturellen und wissenschaftlichen Aufbrüchen zur Zeit des machtbewussten Stauferkaisers entwickelte, strahlt noch heute. Das zeigt sich an goldenen Armreifen, liturgischem Gerät, Reliquienschreinen, Handspiegeln oder farbenprächtigen Abbildungen und Initialen kostbarer Handschriften.

„Die Ausstellung ist mit starken Farben und Einbauten inszeniert, um die Geschichte des Mittelalters lebendig zu erzählen“, unterstreicht Dr. Hermann Arnhold, Direktor des Museums. „Das soll Lust machen, in das Leben Barbarossas und das Mittelalter einzutauchen und die geschichtliche Relevanz für die Gegenwart zu erleben.“ In fünf Oberthemen gliedert sich dabei die Schau im Obergeschoss des Landesmuseums. Raum eins widmet sich Barbarossa-Darstellungen in einer Zeit, in der es noch keine lebensechten Porträts gab. Man ließ sich stilisiert auf Siegeln, Münzen oder Handschriften abbilden. Ein Armreliquiar für Karl den Großen (1165/73), kostbare Leihgabe aus Aachen, zeigt den Anspruch Barbarossas, dem Gründervater Europas machtvoll zu folgen und als schwäbischer Herzogssohn seit 1155 als römisch-deutscher Kaiser die Geschicke Mitteleuropas zu lenken. Darstellungen und kostbare Relikte verweisen in Raum zwei auf „Netzwerke der Macht“ – und davon gab es im zerklüfteten Riesenreich zwischen Ostsee und Mittelmeer einige. Zu den hier vorgestellten Köpfen zählen neben der Äbtissin und Denkerin Hildegard von Bingen auch mächtige Erzbischöfe oder der münstersche Oberhirte Hermann II., der als Grafensohn in Barbarossa einen mächtigen Fürsprecher hatte.

Workshops und digitales Begleitprogramm

Kurios: Der dritte Themenbereich kombiniert ein riesiges Schachspiel mit lebensgroßen Comic-Schlüsselfiguren jener Zeit mit kunstfertig geschnitzten Ausfertigungen des Spiels aus dem Mittelalter, das, aus dem Orient kommend, Europa erreichte und zunächst auch als Strategie-Schulung von Königen, Prinzen, Fürsten und deren Rittern benutzt wurde. Die höfische Gesellschaft kommt ganz neu in den Blick.

Der Cappenberger Kopf aus der Stiftskirche in Cappenberg und die sogenannte Taufschale aus dem Kunstgewerbemuseum in Berlin, von Cappenberg jetzt nach Münster gewandert, sind zwei der Hauptwerke der Ausstellung, und zwar im Themenbereich vier, der Barbarossa mit Cappenberg verknüpft. Wissenschaftlicher Ertrag der Schau in Münster ist bereits jetzt, dass der Cappenberger Kopf eben gerade nicht Barbarossa zeigt, wie seit dem 19. Jahrhundert vermutet wurde, sondern ein antike Motivik aufnehmendes Abbild des Evangelisten Johannes ist. Themenbereich fünf stellt schließlich Barbarossas Einfluss auf die frühe Geschichte Westfalens dar.

„In hochkarätigen Quellentexten und prächtigen Kunstwerken bieten wir einen Überblick über das 12. Jahrhundert, das Barbarossa mit seiner Vita fast ganz umspannte“, fasst Kuratorin Petra Marx Ansatz und Ziel der Schau zusammen und ergänzt: „Im Vorfeld wurde unter anderem der Cappenberger Kopf unter Beteiligung des Museums wissenschaftlich untersucht. Diese dabei gewonnenen Forschungsergebnisse werden erstmals im Rahmen einer Ausstellung einem breiten Publikum präsentiert.“

Zumeist kleine Exponate vom gemalten Anfangsbuchstaben kostbarer Handschriften über Siegel, Spielsteine oder medizinische Instrumente als Zeichen blühender Wissenschaft kontrastieren mit großen Erklärtexten und Abbildungsvergrößerungen, die als Leuchttafeln in die Ausstellungswände eingelassen wurden. Zwischen Überblickszeilen und genauem Hinschauen in die Vitrinen wird der Gast durch die Schau geleitet, für die man sich Zeit und Muße nehmen sollte.

Video in Kooperation mit dem WDR:

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