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Rieselfelder Kulturtage präsentieren Tanz und Lesungen in brütender Hitze

„Beat“ als universeller Impulsgeber

Münster

Ausdruckstanz in brütender Hitze und Lesungen: Das Kulturfestival am Wärterhäuschen in den Rieselfeldern, bei dem eine illustre Schar von Künstlern und Fachleuten das Vermächtnis der Beatnik-Szene interpretierte, hatte es in sich.

Wie schwerelos: Gifty Claresa Wiafe und Emmanuel Edoror präsentieren einen tänzerischem Dreiakter im Grünen. Foto: Wolfgang A. Müller

„Beat“ ist nur ein kleines Wort, aber es steht für eine gewaltige Kraft. In der Musik setzt der Beat die Akzente. Folgt man den Künstlern, die als Beat Generation nach dem Zweiten Weltkrieg die gesellschaftlichen Konventionen aufbrachen, ist er der universelle Impulsgeber, der Inbegriff stetiger Bewegung und Veränderung, der dem Leben harte Schläge zufügt, aber immer auch zu harmonischem Tanz auffordert.

Wie zu dem schlicht „Beat“ getauften tänzerischen Dreiakter von Gifty Claresa Wiafe und Emmanuel Edoror, ihrem Exklusivbeitrag zum viertägigen, von Schauspieler und Produzent Carsten Bender organisierten Kulturfestival am Wärterhäuschen in den Rieselfeldern, bei dem eine illustre Schar von Künstlern und Fachleuten das Vermächtnis der Beatnik-Szene um ihre Leitfiguren Jack Kerouac, William S. Burroughs und Alan Ginsberg interpretierte.

Geschmeidig aus dem hohen Gras auf die frisch gemähte Wiese schleichend, abwehrbereit die Umgebung musternd, illustrierten Wiafe und Edoror eine Geschichte von Aufbruch und Suche, die erst in Zuwendung mündet, dann (bei Gefechten in Capoeira-Manier) in gegenseitige Auslöschung umschlägt. Die Dynamik, mitreißend unter kraftraubenden Bedingungen (brütende Hitze, Fußsohlen und Körper pikende Grasstoppeln) von den beiden Mitgliedern des Jungen Theaters Cactus umgesetzt, trug weit über Kolonialismus-Diskurse hinaus: Hier erschien der Mensch an sich als Migrant im individuellen wie sozialen Leben, gesteuert und doch begleitet von der Hoffnung auf Emanzipation. Für den in Hamburg lebenden Philosophen, Autor und Übersetzer Andrew Rossiter macht die Ausdehnung der literarischen Freiheit den Reiz der Beat Poetry aus. Bei der dreisprachigen Lesung am Samstag trug er zwei Kurzgeschichten mit drögem Witz im englischen Original vor, die das famos illustrierten. Einmal muss sich ein Mann am Flughafen einer Leibesvisitation unterziehen und triumphiert am Ende sarkastisch über das System des „Racial Profiling“. Rossiters Episoden und Porträts, wie das eines kleinkriminellen Abzockers, stehen Irvine Welsh, dem Beat-Poeten des Rave, in stimmungsvoller Pointiertheit nichts nach.

Die in Münster lebende Autorin Batoul Alraey wiederum setzte, arabisch lesend und von Carsten Bender übertragen, ein berührendes Erinnerungsbild eines Mathematiklehrers zusammen. „Ihad“, so der Name des Mannes und Synonym für „Geschenk“, lenkte sie und andere väterlich, einfühlsam durch schwierige Prüfungen, bevor er auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien getötet wurde.

Eine zarte poetische Reise zurück zum prägenden Impuls, versinnbildlicht durch eine hinterlassene Handschrift.

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