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„Cactus plus“ zeigt spannendes Psychodrama „Extremities“

Berechtigt eigenes Leid zu Selbstjustiz?

Münster

Sie sticht immer wieder zu, rammt den Schaufelstiel in seinen Oberkörper, bis er schreit, und scheint noch ungerührt, als schon Blut zu sehen ist. „Ich will ihm genauso weh tun, wie er mir“, schreit Marjorie (Marlena Keil), als ihre beiden Mitbewohnerinnen, Patricia und Terry, auftauchen. Doch ihre „Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Strategie macht sie selbst zur Täterin. Als Opfer nimmt man die junge Frau kaum wahr, auch wenn sie nur knapp einer Vergewaltigung entgangen ist.

Isabell Steinböck

Spannendes Kammerspiel (v.l.): Marlena Keil, Judith Suermann und Sarah Christine Giese sowie Stefan Nászay (liegend) spielen noch bis Sonntag „Extremities“ im Pumpenhaus. Foto: Erich Saar

„Extremities“ ist der Titel dieses Dramas, das unter der Regie von Alban Renz mit dem jungen Profi-Ensemble „Cactus plus“ im Pumpenhaus Premiere feierte. Ein Psychokammerspiel, mit dem das Jahresthema „Würde“ zu einem gelungenen Abschluss kam, wirft William Mastrosimones anspruchsvolles Drama doch Fragen auf, die Gesellschaften seit Gedenken bewegen: Was treibt einen Menschen an, der Gewalt und extreme Angst erlebt hat? Berechtigt eigenes Leid zu Selbstjustiz? Oder wird man auf diese Weise zum „Zwilling des brutalen Schweins im Täter“, wie im Programm zu lesen ist?

Marjories Rache wird im Verlauf der Inszenierung immer quälender. Mal schlägt sie mit dem Hammer auf die Hand der „Bestie“ ein, mal stranguliert sie ihn beinahe. Wie ein Tier hockt die Täter-Opfer-Figur hinter einem improvisierten Plexiglas-Gestell (Bühne: Rikki Markonen). Erst als der Mann von sich erzählt, bekommt er menschliche Züge, und die Frauen rufen endlich die Polizei.

Dem jungen Ensemble gelingt es über weite Strecken des knapp anderthalb stündigen Stücks, die Spannung zu halten, die Charakterzeichnung wirkt jedoch mitunter eindimensional: Da ist die skrupellose Marjorie, der man ihr Leid kaum abnimmt, was wohl auch daran liegt, dass die Vergewaltigungsszene am Anfang ausgespart bleibt; das hinterhältige Opfer (Stefan Nászay) scheint in den Dialogen über den Dingen zu stehen und wirkt mitunter merkwürdig unbeteiligt. Gelungen sind Szenen, in denen sich Sozialarbeiterin Patricia, alias Sarah Christine Giese, an psychologische Strategien klammert, was für groteske Komik sorgt. Am meisten Profil gewinnt im Verlauf die Jüngste im Bunde, Terry, gespielt von Judith Suermann. Wenn sie zitternd vor Entsetzen in der Ecke steht oder panisch durch den Raum rennt, werden Schmerz und Angst spürbar.

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