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Bernsteins „Candide“ als Oper mit Live-Zeichnungen

Beste aller möglichen Welten im Theater

Münster

Zur Premiere 1956 noch ein Flop. Nach drei Bearbeitungen 1973, 1982 und 1988 kam Leonard Bernstein seinem Ziel näher, der US-Musik ein modernes Musiktheaterstück zu schenken. Das Theater Münster zeigt eine konzertante Aufführung mit Live-Zeichnungen von Robert Nippoldt. Wiederum eine Premiere.

Peter Sauer

Umgeben von Plexiglas-Scheiben wird Robert Nippoldt an einem Schreibtisch sitzen und live zur Musik zeichnen. Eine Kamera überträgt alles auf eine große Bühnenleinwand. Die genaue Platzierung von Nippoldts Schreibtisch auf der Bühne steht bislang noch nicht fest. Vielleicht wird sie auch zwischen Bühne und Zuschauerraum platziert sein. Je nachdem, was Corona zulassen wird. Foto: Peter Sauer

Die flotten Pinselstriche tanzen wieder durchs Große Haus: Mit der Amüsier-Schau „Ein rätselhafter Schimmer“ sorgte Robert Nippoldt mit dem Trio Größenwahn 2019 auf Anhieb für ein ausverkauftes Theater. Nun trifft der virtuose Live-Zeichner und Illustrator auf „Candide“, die „Comic Operatta“ von Leonard Bernstein nach Voltaires satirischem Roman „Candide ou l’optimisme“ (1759).

Das Theater Münster zeigt vom 4. September an eine konzertante Aufführung mit Zwischentexten von Loriot, vorgetragen von dem Münchener Schauspieler Thomas Peters. „Es ist ein großes Wagnis“, sagt Stadttheater-Intendant Dr. Ulrich Peters, „denn eine Oper mit Live-Zeichnungen hat es auf deutschen Bühnen noch nicht gegeben.“ Peters hat „Candide“ mal in Berlin gesehen. „Die Musik war sensationell, nicht gut waren aber die unzähligen Wechsel bei den Bühnenbildern und den Kostümen. Bei so vielen Wechseln geht immer etwas schief. “

Für Live-Zeichner Robert Nippoldt ist alles neu, auch weil er eher im Jazz zuhause ist: „Ich musste mich erstmal reinhören in Bernsteins sensationelle Musik aus Koloraturgesang, Polka, Walzer, Flamenco und Tango.“ Eine große Hilfe ist ihm Dramaturg Ronny Scholz. „Bei den Skype-Meetings singt er mir einzelne Passagen vor.“ Scholz betont auch die Musikalität der Natur: „Hier hörst du die Wellen, jetzt kommt der Sturm.“ Er muntert Nippoldt auch auf, trotz des Hauptgenres Klassik hier und da noch witziger, noch frecher zu zeichnen.

Dramaturg Ronny Scholz (r.), Nippoldts Assistentin Saskia Kunze und Generalintendant Dr. Ulrich Peters (l.) Foto: Peter Sauer

„Es ist eine große Herausforderung, ein 18-köpfiges Sinfonieorchester mit Chor und Solisten angemessen zu begleiten und die Zuschauer 2,5 Stunden lang bei über 30 Nummern mit Zeichnungen und Illustrationen zu fesseln“, sagt Robert Nippoldt und gesteht, dass er deutlich mehr vorbereiten muss als bisher bei seinen Auftritten. Seit neun Monaten arbeitet der Münsteraner bereits daran.

Mit Kreide, Bleistift und Tusche zeichnet Nippoldt postkartengroße Szenenbilder, die er wie ein Drehbuchautor zu Storyboards arrangiert, und einige Materialien, mit denen er dann live auf der Bühne arbeiten wird wie gezeichnete Fingerpuppen oder Kulissen für seine Live-Szenen: „Da das Stück in Westfalen spielt, habe ich 20 Landkarten von damals neu auf alt gezeichnet, extra mit Gebrauchsspuren“, verrät Nippoldt erste Bausteine, „und eine komplette Ausgabe der Westfälischen Nachrichten vom 19. September 1759“. Illustratorin Saskia Kunze assistiert Nippoldt.

Für die „Candide“-Inszenierung am Theater Münster hat Generalintendant Dr. Ulrich Peters „ein gutes Gefühl“: „Das wird klasse. Nur das Proben ist sehr schwierig. Der ganze Theaterraum steht unter dem Corona-Diktat. Man braucht immer einen Plan B in der Hinterhand. Wir hoffen ehrlich, dass wir das alles zur Premiere im September vergessen können und Corona dann weg ist.“

Candide

Darum geht es im Musiktheater-Stück „Candide“: Lehrer Pangloss möchte seine optimistische Lebensphilosophie an seine Schüler Candide, dessen heimliche Liebe Cunegonde sowie an die jungen Männer Paquette und Maximilian weitergeben. Er ist überzeugt, dass sie alle in der „besten aller Welten leben“, was sich im Verlauf der Handlung auf schmerzliche Weise als philosophisches Konstrukt ohne Realitätsbezug entpuppt. Der Krieg versprengt die jungen Menschen in alle Windrichtungen und lässt sie am eigenen Leib den Schrecken der Zeit erfahren. Trotz aller Turbulenzen finden sie einander wieder und beginnen ein neues Leben.

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