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Klaus Pohl spricht über seinen Roman „Sein oder Nichtsein“ und Theaterlegende Peter Zadek

„Bitte, Liebling: Spiele mir nichts vor!“

MÜNSTER

Was geht in einem Schauspieler vor, der einst als Hamlet gefeiert wurde und jetzt „nur noch“ den Polonius spielt? Von solchen Fragen handelt der Roman „Sein oder Nichtsein“.

Von Harald Suerland

Klaus Pohl liest am 3. November Foto: Jim Rakete

Klaus Pohl, gefragter Bühnen- und Fernseh- Schauspieler und vielgespielter Dramatiker, feiert großen Erfolg mit seinem Roman „Sein oder Nichtsein. Das Buch rankt sich um die Probenarbeit in Straßburg zu Peter Zadeks „Hamlet“-Inszenierung im Jahr 1999, an der Pohl in der Rolle des Horatio beteiligt war. Am 3. November wird er aus dem Roman in Münsters Wolfgang-Borchert-Theater lesen. Im Redaktionsgespräch erzählt Pohl von der Entstehung des Buches und von den Eigenarten einiger Schauspieler und Regisseure.

Herr Pohl, Sie treten gut ein Jahr nach Claus Peymann in Münster auf. Dazu passt eine der vielen Pointen ihres Buches, ein Satz von Peter Zadek zu seinen Schauspielern: „Ich bin doch nicht Claus Peymann, ihr spielt ja wie für Peymann.“ Verraten Sie mir bitte: Wie spielt man denn für Peymann?

Klaus Pohl: Etwas greller (lacht). Es ist ein Spielen, bei dem die Erklärung gleich mitgegeben wird. Das war immer so eine Frotzelei zwischen Zadek und Peymann. Weiter hinten im Buch gibt es noch ein schöneres Zitat, als der Schauspieler Hermann Lause über sein Totengräber-Kostüm verzweifelt und von Ulrich Wildgruber den Rat bekommt: „Sag doch einfach: Ein Einfall wie von Claus Peymann. Dann streicht Peter den Sondermüllanzug und die Gasmaske.“

Und wie spielte man für Peter Zadek?

Pohl: Peymann und Zadek, das waren riesige Unterschiede. Peymann las den Text beim Proben mit – er sah gar nicht den Schauspielern zu, er hörte ihnen zu und korrigierte Betonungen – für Peter Zadek undenkbar! Der Text war ein Teil des Spieles – ein Teil und nicht sein Ziel. Zadek versuchte immer, das wirkliche Wesen der Schauspieler herauszukitzeln. Er hat seine Schauspieler, Schauspielerinnen immer wieder so ernst wie ironisch ermahnt: „Bitte, Liebling. Spiele mir nichts vor.“ Keiner konnte Zadek was ‚vor-spielen‘, er hat es immer durchschaut.

Über Angela Winkler, die zweimal aus der Probenphase floh, sagt Zadek ja auch: „Sie spielt verrückt, um sich dem Druck zu entziehen: Sie wird immer mehr wie Hamlet.“ Ist es das, was er anstrebte, die persönliche Befindlichkeit als Rollenporträt? Der Schauspieler Lars Eidinger wies kürzlich darauf hin, dass er sich mit der Rolle emotional identifizieren, aber zugleich kontrollieren müsse.

Pohl: Identifikation sagt ja nichts über die Kontrolle aus. Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass im Theater „gespielt“ wird. Es geht darum, die Wahrheit der Rolle im Schauspieler zu finden. Im Grunde also um das, was Orson Welles so ausgedrückt hat: „Hamlet will nicht Hamlet sein.“ Diejenigen, die sagen „Ich spiel jetzt Hamlet“ und dazu in ihre Trickkiste greifen, hat Peter Zadek verachtet. Das bedeutet auch der Satz „Wer den Hamlet spielen will, ist schon falsch besetzt.“

Sie schreiben darüber, wie manche Proben alle nerven, andere Proben eine Art Rausch verursachen. Wie macht man das fest, empfinden wirklich alle Akteure gleich?

Pohl: Das ist schwierig zu sagen. So meinte Peter Zadek nach der Generalprobe sinngemäß: Es ist alles perfekt – aber dann ist es nicht von mir. Es geht darum, was sich ereignet, nicht, dass man nur Verabredungen abspult. Keiner kann das mehr so wie er, die Menschen in einem rabbinischen Sinne durchschauen.

Ich war mir bei der Lektüre nicht sicher: Ist Ihr Buch eine Zadek-Huldigung oder mehr noch ein Requiem auf den Schauspieler Ulrich Wildgruber, der sich noch im selben Jahr vor Sylt das Leben genommen hat?

Pohl: Es war direkt nach dem Ende der Aufführungsserie. Uli Wildgruber hatte seinen Selbstmord immer wieder angekündigt. Mein Buch ist ja ein Protokoll, ich habe sehr genau mitgeschrieben – es ist eine Huldigung an das Schauspielerleben. Wildgruber war früher, in Zadeks Bochumer Inszenierung, der beste Hamlet, jetzt nur noch der Polonius. Das machte ihn tieftraurig. Deshalb sagt er auch anfangs zu mir als Darsteller des Horatio: „Du hast den besten Satz im ganzen Stück: Ich bin alter Römer mehr als Däne! Ich zahle dir 100 Mark, wenn du mir diesen Satz verkaufst.“

Wenn sich die Schauspieler in der Kneipe treffen oder auf die nächste Probe einstellen, fallen Sätze wie „Der Meister ist sehr gereizt“ oder „Wir müssen ihm eine schöne Probe bieten“. Ist das nicht ein sehr ungewöhnlicher Kult?

Pohl: Das ist ja keine ungewöhnliche Haltung: Nach wie vor freuen sich Schauspieler, wenn der Regisseur zufrieden ist. Eva Mattes sagt diesen Satz, als die Kneipennacht außer Rand und Band gerät. Sie fürchtet, diese Kneipennacht und die wilden Diskussionen könnten den guten Beginn der Arbeit gefährden. Sie will unter den aufgeregten Schauspieler-Gemütern Ruhe stiften – im Sinne des guten Fortgangs der Arbeit. Solche Sätze sind nur aus der Situation heraus zu kapieren, sie sind niemals grundsätzlich gemeint, sie reagieren auf einen wilden, sehr dramatischen Moment.

Wie authentisch oder typisch sind denn etwa die Gespräche in der Kneipe, wenn Hermann Lause sich distanziert, Ulrich Wildgruber ausdauernd redet oder alle mit Freude Verrisse lesen?

Pohl: Das Ganze ist zu 98 Prozent authentisch. So gab es keine Probe, an der ich nicht beteiligt war. Die Zeitschrift „Stern“ hatte mich damals gebeten, ein Probentagebuch zu schreiben, das dann mit den tollen Bildern von Roswitha Hecke veröffentlicht wurde.

Diese Bilder hat man nun bei der Lektüre oder der Lesung nicht. Macht das die Sache für Menschen, die kein Bild von Angela Winkler oder Otto Sander vor dem inneren Auge habe, nicht schwierig?

Pohl: Darüber haben Christian Berkel, Thea Dorn und Ijoma Mangold im „Literarischen Quartett“ auch gesprochen und fanden, aus den Realfiguren seien Romanfiguren geworden. Das heißt: Man muss die Vorbilder nicht kennen. Es gab ja zuerst das Hörbuch, einen Mitschnitt der Lesungen aus meinen Aufzeichnungen, und der wurde zum Hit in der Shutdown-Zeit, als die Theater geschlossen waren. Danach meldeten sich die Buchverlage bei mir.

Wen haben Sie denn als Adressaten Ihres Buchs festgestellt: Das müssen doch etwas ältere Theaterfreaks sein, oder? Und wie gestalten Sie die Abende?

Pohl: An der Berliner Schaubühne waren es geschätzt Menschen zwischen 20 und 70, am St.-Pauli-Theater eher noch jünger. Ich erzähle und wandere in die Geschichte hinein mit Ulrich Wildgrubers Perspektive – er, der einst gefeierte Hamlet, jetzt Polonius, der keine seiner großen Schauspieler-Hoffnungen aufgegeben hat. Meine Lesung dauert etwa 60 bis 70 Minuten. Diese Geschichten um die Entstehung des Zadekschen Hamlet von 1999 bieten ein Feuerwerk komischer und tragikomischer menschlicher Pointen – alles zusammengehalten von dem Wunsch und dem Willen einer Schauspielertruppe, ein unvergessliches Theaterkunstwerk zu erschaffen.

Karten:

 0251 / 400-19

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