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Theater en face mit „Fiktionen“ in der Bibliothek des Philosophikums

Bücher flattern wie Vögel herab

Münster

Die Bibliothek des Philosophikums ist eine architektonische Perle Münsters. Als erstes Ensemble überhaupt durfte das Theater en face nun zwischen Regelen, Ebenen und auf einer Treppe künstlerisch agieren. Jorge Luis Borges’ „Die Bibliothek von Babel“ lieferte den Stoff dazu.

Von Günter Moseler

Marion Bertling, Lena Bodenstedt und Paula Berdrow auf der Treppe der Bibliothek Foto: Multmeier

Jede Bibliothek beruht auf einem Glaubensbekenntnis, das da lautet: Meine Bücher erklären die Welt. In Jorge Luis Borges’ „Die Bibliothek von Babel“ (1941) erscheint die Welt der Bücher als fantastische Fiktion jeglichen gelebten Lebens. Nicht zufällig beginnt die Erzählung mit „Das Universum…“, um den Leser durch eine imaginäre Globalbibliothek zu führen. Deren Struktur, Systematik und Architektur werden ebenso labyrinthisch ausgesponnen wie Schicksale, Figuren, lebende und tote Sprachen ihrer Bücher aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: die Unendlichkeit der babylonischen Bibliothek als Spiegelbild real existierender Welten.

Es lag auf der Hand, dass sich die Akteure des „theater en face“ in der Bibliothek des postmodern-futuristischen Philosophikums an literarisch Rätselhaftem verausgaben. Die dem Titel von Borges’ Erzählsammlung entlehnte Theatersoiree „Fiktionen“ schien zugleich die Inszenierung (Regie: Xenia Multmeier) in Grenzbezirke szenisch-textueller Kombinatorik zu manövrieren.

Alle Personen rezitierten dezidiert wie beiläufig Borges’ Erzählung, die zeitweise von dialogischen Einwürfen jenseits der Erzählung unterbrochen, ergänzt oder ironisiert wurde – durch einen mutwilligen Zwist über Ähnlichkeiten der portugiesischen Sprache mit dem „Plattdütschen“ etwa, durch eine Mini-Fehde über die Authentizität eines angeblichen Kafka-Textes („Das ist eindeutig Kafka!“ – „Ist es nicht!“) oder plane Grundsatzdebatten, die den kühl spekulierenden Borges-Duktus kontrapunktierten.

Himmelhoch kleben die Wabensäulen an den Stockwerken, wie ein gefrorener Blitz scheint die Treppe im schmalen Flur sich dem Irgendwo-Nirgendwo entgegenzustrecken. Reges Treiben herrschte dafür im Science-Fiction-Schluchtengewölbe: Es wurden Bücher gesucht, gesammelt und geschleppt, während offenbar ahnungslose Personen sich treppauf und -ab beim Klettern und Kraxeln in gymnastische Akrobatik versenkten. Das Babylonische – alle Buchstaben in allen geschriebenen Kombinationen ergeben die Beschreibung aller möglichen Welten –, die platzierte Weisheit neben den bizarren „fake news“, ließ Bücher aus Turmhöhen wie aufgeschreckte Vögel herabflattern, blies eine heisere Trompete zum Weltuntergang. Die „himmlische“ Treppe wurde zur (Zeit-)Achse radikaler Buchillusionen: Es ließen sich Geschriebenes und Wirklichkeit als ein und dasselbe verstehen.

In Zeiten entfesselter Diskurse (und Monologe) klingt Borges’ Vision der „totalen Bibliothek“ aktuell wie nie und forcierte das lapidare Spiel der Akteure über die Alltäglichkeit der totalen Digitale.

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