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Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Interview

Corona ist ein Stich ins Herz

Münster/Berlin

Monika Grütters war acht Jahre lang Kulturstaatsministerin. In wenigen Tagen gibt sie ihr Amt ab. Im Interview zieht die Kulturlobbyistin aus Leidenschaft Bilanz. Sie spricht über Groß-Projekte und die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Kultur.

Von Karin Völker

Monika Grütters war acht Jahre Kulturstaatsministerin. Foto: dpa

Die deutsche Kulturstaatsministerin arbeitet im Bundeskanzleramt ganz oben – das Dienstzimmer im achten Stock liegt über dem der Bundeskanzlerin. Monika Grütters, die acht Jahre, so lange wie keiner ihrer Vorgänger dieses Amt innehatte, zieht hier gerade aus, die ersten Schränke sind ausgeräumt. Was die jetzt scheidende Amtsinhaberin durchaus schmerzt: „Ich müsste lügen, wenn ich etwas anderes sagen würde“, bekennt sie beim Besuch der Redakteurin unser Zeitung, der sie, wie sie bemerkt, das letzte große Interview als Kulturstaatsministerin gibt. Denn die CDU-Politikerin ist Münster besonders verbunden – hier ist die 59-Jährige geboren und aufgewachsen, in der Marienschule zum Gymnasium gegangen. Zeit für einen Blick zurück – und nach vorn.

Ist der Platz hier oben, das Dienstzimmer noch über dem der Bundeskanzlerin, der angemessene Ort für die Kultur in Deutschland?

Grütters: Ja – das sage ich ohne zu zögern. Wenn die Kultur ein eigenes Ministerium wäre, stünde sie von der Größe her im Vergleich mit anderen Ressorts am Ende. Die Ansiedlung hier im Kanzleramt ist wichtig, auch weil Deutschland so seinen gesamtgesellschaftlichen Anspruch als Kulturnation behauptet. Kultur ist fundamental für das große gesellschaftliche Ganze.

Gehen Sie nun mit dem guten Gefühl, diese Kulturnation vorangebracht zu haben?

Grütters: Kulturförderung hat in meinem Leben eine herausragende Rolle gespielt, ich bin Kulturlobbyistin mit Leib und Seele. Deshalb waren diese acht Jahre für mich ein Geschenk, wobei das hier kein Schönwetterressort ist, wie zuletzt die Corona-Krise bewiesen hat. Kultur ist ein sehr delikates Politikfeld. Es hängt viel für unser Gemeinwesen, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt davon ab, wie wir mit unserer Kultur, dem Gedenken und unserer Geschichte umgehen.

Wie ist es denn um die Kultur in Deutschland bestellt?

Grütters: Deutschland besitzt nicht nur einen einzigartigen Schatz an Opernhäusern und Profi-Orchestern. Wir sind auch das Land mit der höchsten Theaterdichte der Welt. Zudem hatten unsere mehr als 6.800 Museen vor Corona ungefähr 117 Millionen Besucher pro Jahr, also zehnmal so viele wie alle Spiele der Fußballbundesliga in einer Saison zusammengenommen. Das ist ein enormes Potenzial, verglichen mit anderen Ländern. Begründet ist diese Vielfalt auch im kulturellen Wettbewerb, den sich deutsche Fürstentümer über Jahrhunderte geliefert haben. Dieses reiche Erbe haben wir über die ganze Zeit auch über zwei Weltkriege hinweg verteidigt. Ja, wir sind eine Kulturnation – nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ.

Sie haben sich besonders intensiv mit der Erinnerungskultur beschäftigt...

Grütters: Ja, das war einer meiner Schwerpunkte – zuerst die Aufarbeitung zweier Diktaturen im 20. Jahrhundert, gerade weil es mit der Erfahrung von Krieg und NS-Zeit so schrecklich war. Dass wir jetzt hier in Berlin als Erweiterung der Nationalgalerie ein Kunstmuseum des 20. Jahrhunderts bauen, hat ja vor allem auch damit zu tun, dass dieses Jahrhundert für die Geschichte unseres Landes so eine zentrale Bedeutung hat.

Das ist eines der Großprojekte ihrer Amtszeit, dessen Bau jetzt begonnen hat - und dessen Kosten explodiert sind. Warum ist es Ihnen so wichtig?

Grütters: Kleine Korrektur: Die Kosten sind nicht explodiert. Wir bewegen uns ganz in dem Kostenrahmen, den wir mit dem Bundesfinanzminister abgesprochen haben. Aber zum Museum selbst: Mit der jetzt fertig sanierten Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe haben wir ein architektonisches Juwel, um die großartige Sammlung aus dieser für Deutschland so prägenden Zeit zu zeigen. Nur ist dieses Gebäude viel zu klein. Deutschland hat hier auch international eine Bringschuld.

Ein zweites großes Projekt, das Humboldtforum, ist gerade fertig geworden. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Grütters: Zunächst einmal freue ich mich sehr, dass es eröffnet ist. Die Entstehungsgeschichte war schwierig. Zuerst gab es die Planung des Schlossbaus, dann der Inhalte. Beides ergab einen gewissen Widerspruch – wobei das Gebäude selbst wirklich hochklassig ist. Aber spätestens, als es um die konkreten Inhalte ging, hat man die Reibungen gesehen. Gleichzeitig baute sich ein enormer Erwartungsdruck auf

Jetzt gibt es viel Kritik, vor allem an der Präsentation der Sammlung der außereuropäischen Kulturgüter. Zurecht?

Grütters: Es ist gut, dass das Humboldt Forum die Debatte um Kolonialismus und die Rückgabe von Kulturgütern befeuert hat. Wir haben uns bei der Erinnerungskultur, wie ich finde, zurecht bisher vorwiegend auf die Menschheitsverbrechen der Nazis konzentriert, das Unrecht des Kolonialismus aber weitgehend ausgeblendet. Das Zusammenrücken der Welt, die Globalisierung bewirkt, dass das Thema jetzt zurecht in den Fokus rückt. Und Berlin mit seiner ethnisch gemischten Gesellschaft braucht diese Ausstellung...

...von der viele Historiker sagen, sie werde weder dem Thema noch den Exponaten gerecht. Was sagen Sie?

Grütters: Ich bedauere, dass die Ethnologen aus den deutschen Museen sich nicht viel energischer zu Wort melden. Sie sind bisher zu still geblieben in der Debatte. Ich hätte mir eine selbstbewusste kollegiale Begleitung durch andere Häuser gewünscht. Es hätte mich auch gefreut, wenn der Gründungsintendant Neil MacGregor sich mit seinem Konzept von Querschnittsbetrachtungen durchgesetzt hätte – etwa mit einem Raum, in dem es um die Rolle der Religionen gegangen wäre, die ja gleichermaßen Kriegstreiber und Friedensstifter sein können. Herausgekommen ist eine Darstellung der Kulturgüter nach regionalem Prinzip. Man wollte sich nicht auf eine andere Denkungsart einlassen als jene, die seit Jahrzehnten gepflegt worden ist. Da sehe ich noch Verbesserungsbedarf.

Wie sieht Ihre Bilanz nach acht Jahren in Ihrem Amt aus – es gab in dieser Zeit viel mehr Geld im Etat des Bundes für die Kultur. Ist das Feld jetzt bedeutsamer als vor ihrer Amtszeit?

Grütters: Ich glaube, das ist so. Das eine sind die Fakten: Der Etat ist um satte 73 Prozent gestiegen. Das Parlament hat da mitgezogen, musste aber natürlich überzeugt werden. Dass ich seit 16 Jahren Bundestagsabgeordnete bin, spielt dabei schon eine Rolle. Gewachsen wäre der Kulturetat nicht in diesem Maße, wenn man die Kultur nicht ernst nähme. Der Bund ist traditionell nicht der Hauptakteur in Sachen Kulturförderung, das sind die Kommunen und Länder. Wir haben deshalb ein gutes Miteinander mit den Ländern etabliert, uns regelmäßig abgestimmt. Konsens ist, dass die Kultur für unsere Demokratie als kritisches Korrektiv herausragende Bedeutung hat.

Wie viel Unterstützung braucht die Provinz denn aus Berlin?

Grütters: Die Förderung in der Breite ist eine wichtige Aufgabe, gerade des Bundes. Man muss das große Netz kultureller Angebote des ganzen Landes im Blick behalten – Helmut Schmidt sprach einmal von geistigen Tankstellen. Der Bund kann helfen, dieses Ganze zu stabilisieren. Wir haben in den vergangenen Jahren viele Kulturpreise gestiftet. Diese Art der Wertschätzung kann für Aufmerksamkeit sorgen und Ermutigung sein.

Bis tief in den ländlichen Raum, ins kleinste Dorf?

Grütters: Das ist zumindest das Ziel. Gleichwertige Lebensverhältnisse erschöpfen sich nicht im Vorhandensein von Bahnhöfen und Lebensmittelgeschäften, es geht auch um Buchläden oder Musikclubs, Heimatmuseen, Festivals, Bibliotheken. Erstaunlich schön finde ich, wie viele kirchliche Projekte dabei sind, obwohl die Beziehung der Menschen zur Kirche ja nachlässt. Das sind emotional wichtige und auch einmalige Orte. Mir fällt das Religio-Museum in Telgte ein, das ich kürzlich mit meiner Mutter besucht habe.

Kultureinrichtungen haben in der Pandemie sehr gelitten – und leiden gerade aufs Neue. Kann das Kulturleben sich wieder vollständig erholen?

Grütters: Corona ist ein Stich ins Herz der Kultur, ist eine Kränkung unserer Lebensweise, sowohl der Kreativen als auch ihres Publikums. Die Pandemie sitzt tief in den Seelen der Künstlerinnen und Künstler – die ja Künstler sind, weil sie unbedingt „ihr Ding machen“ müssen. Wir wissen, dass zum Beispiel viele junge Absolventen etwa von Musikhochschulen, die lange auf eine künstlerische Karriere hingearbeitet haben, nun nicht mehr auf ihre Lebensentscheidung vertrauen. Das tut weh, und die Kultur wird durch solche fundamentale Verunsicherung Spätfolgen erleben. Wir müssen über die staatliche Förderung der Künstlersozialversicherung hinaus noch mehr für die soziale Absicherung der Kreativen tun.

Haben die Corona-Hilfen für die Kultur das Richtige bewirkt?

Grütters: Ich meine schon, dass uns damit gelungen ist, zumindest auf die materiellen Einschränkungen eine vernünftige Antwort zu finden. Es gab wohl in keinem Land der Welt so massive finanzielle Hilfen auch für den Kulturbetrieb. Kein Museum, kein Opernhaus wird hier geopfert, und noch wurde kein Kino geschlossen. Wir haben genauso an die privatwirtschaftliche Kultur gedacht, die ja den Großteil des Kulturlebens ausmacht. Das Rettungs- und Zukunftsprogramm „Neustart Kultur“ hat mit zwei Milliarden das Volumen eines ganzen Jahresetats meines Ressorts. Dazu kamen noch einmal 2,5 Milliarden Euro aus dem Sonderfonds des Bundes für Kulturveranstaltungen. Wir können so die Soloselbständigen absichern, die Arbeitsplätze in den Einrichtungen erhalten und hoffentlich für Zuversicht sorgen.

Reicht das denn für die neuen Einschränkungen, die gerade wieder kommen?

Grütters: Wenn bei Kulturveranstaltungen die Teilnehmerzahle wegen Corona reduziert werden muss, gibt es für die Veranstalter eine Wirtschaftlichkeitshilfe. Und bei Komplettabsagen großer Festivals übernimmt die Ausfallabsicherung bis zu acht Millionen Euro. Wir wollen und müssen den Kreativen den Mut geben, weiterzumachen.

Man hört jetzt von vielen aus der Kreativbranche, noch einen Lockdown überleben sie nicht...

Grütters: Dass der Winter 2021 noch mal so schwierig wird, wollten wir alle vermeiden. Dennoch haben wir von der zweiten Milliarde 500 Millionen Euro Corona-Hilfen für die Kultur bewusst zurückgehalten. Dieses Geld ist jetzt noch da. Staatliches Geld für die Kultur locker zu machen, ist immer ein Kampf – auch in der Pandemie. Um es klug und rechtssicher zu verteilen, ohne dass Missbrauch passiert, sind unsere 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei uns im Kulturressort über sich selbst hinausgewachsen. Die Auszahlung der Gelder übernehmen die Kultur-Verbände, denn sie kennen die Bedürfnisse ihrer jeweiligen Sparte am besten. Die Struktur für die Fortsetzung des Corona-Hilfsprogramms steht.

Sie haben bei der Bundestagswahl ihren Wahlkreis Berlin-Reinickendorf direkt gewonnen, sind weiter im Bundestag. Bleibt Kultur Ihnen hier als Arbeitsbereich erhalten?

Grütters: Ich kann gar nicht ohne Kultur leben. Aber es ist guter Brauch nach einem Regierungswechsel, dass man als ehemalige Ministerin nicht anschließend in den für das Ressort zuständigen Ausschuss geht. Mein zweites Standbein war immer Wissenschaft und Bildung, da sehe ich mich eher.

Sie sind Präsidiumsmitglied der CDU, hatten wiederholt führende Parteiämter inne - und gerade sucht die Partei ja wieder dringend Führungspersonal, besonders weibliches. Haben Sie nicht daran gedacht, sich ins Spiel zu bringen?

Grütters: (lacht) Das ist ja immer eine Frage an die Gesamtpartei. Ich kenne die Akteure sehr gut, auch alle „Ups and Downs“ der Parteipolitik und weiß: Das ist wahrlich kein Spaziergang. Ich habe dazu an vielen maßgeblichen Stellen meinen Beitrag leisten können. Es gibt ja sehr gute Bewerber. Dass nun Helge Braun mit gleich zwei starken, jüngeren Frauen, Nadine Schön und Serap Güler, antritt, finde ich wirklich spektakulär und wünsche viel Erfolg!

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