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Mike Karstens zeigt Gerhard Richter

Dem Schein Wirklichkeit abgewinnen

Münster

Der ganze Gerhard Richter auf einen Blick. Der ganze? Nicht ganz. Aber die 23 Arbeiten bei Mike Karstens vermitteln einen exzellenten Einblick in das Richters Werk.

So hat sich Gerhard Richter das gedacht: Für sein Bild „Schädel“ hat der Maler stark reflektierendes Glas genommen, auf dass sich der Betrachter in diesem Memento mori spiegele – wie hier Galerist und Drucker Mike Karstens. Foto: Gerhard H. Kock

Drei verschiedene Künstler, mindestens, wenn nicht fünf. Sagt der Augenschein. Dabei ist klar: Der Galerist und Drucker Mike Karstens zeigt in seinem Raum im Speicher II „nur“ einen: Gerhard Richter. Es ist hier die mittlerweile vierte Ausstellung des Meisters des raffinierten Scheins mit philosophischer Tiefe.

Karstens ist wie so viele froh, endlich wieder Kunst zeigen zu können. In den vergangenen zweieinhalb Jahren habe er fünf Ausstellung nicht machen können und zwei nach zwei Wochen abbrechen müssen. Die Richter-Ausstellung „Editionen“ zeigt nun 23 höchst unterschiedliche Arbeiten (davon 13 Leihgaben) aus den vergangenen 20 Jahren, die auf kleinem Raum einen Überblick aufs bildnerische Denken Richters ermöglichen, vor allem wenn sein Lieblingsdrucker die Werke erläutert. Schließlich genießt der Münsteraner höchste Hochachtung – Gerhard Richter nannte den Meisterdrucker einen „Glücksfall“.

Im Angesicht des Todes

Bei Richter stellen sich stets zwei Leitfragen: Was ist zu sehen? Was ist nicht zu sehen? Und das führt meist zu erhellenden Enttäuschungen. Wer sich das Bild „Schädel“ ansehen möchte, kann sich positionieren, wie er will, das reine Bild ist nie zu sehen; immer spiegelt sich die Welt darin. Und wer sich dem Bild stellt, davor stellt, der sieht sich selbst im Angesicht des Todes – ein Memento mori in tröstlich weichem Grau.

Mit „Cut“ sind die abstrakten Rakelarbeiten repräsentiert. Karstens zeigt Versionen von Richters Grafik, die für die „ART 19“ zugunsten von Amnesty International entstanden sind. Die ausgewählte Version löst verblüffend stark Pareidolie aus, also den Zwang, in Punkten, Strichen und Flecken Gegenständliches zu sehen.

Historisches

Mit „Graphit“ ist gleichsam Wissenschaftskritik vertreten. Behaupteten Forscher 2003 doch, einen „ersten Blick“ ins Atom genommen zu haben. Richter entwickelt daraus seine schwarzgrauen Rasterbilder. Im Druck „Graphit“ hat Richter die nanotechnologischen Abbildung von Kohlenstoffatomen von Graphit mit Rakel überarbeitet, wobei Karstens hier als Drucker eine fast haptische Oberfläche geschaffen hat.

Und auch das historische Bild fehlt nicht. Karstens zeigt einen Abzug des Originalnegativs von „Ulrike Meinhof“, das Inge-Maria-Peters 1966 fotografiert und nach dem Richter 1988 sein „Jugendbildnis“ malte. Mit „September“ wird an den 9. September, den Terroranschlag aufs World Trade Center erinnert.

Es ist viel schöner Schein in der Ausstellung und noch mehr Wirklichkeiten.

Die Ausstellung ist bis zum 23. September geöffnet, aber um zwei Wochen verlängern. Terminvereinbarung: info@mikekarstens.com

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