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Stadtmuseum zeigt die ersten zehn Jahre der „Schanze“

Der Club der fröhlichen Künstler

Münster

„Die Schanze ist ein ordentlicher und sehr vernünftiger Verein“ – das „sehr“ von Paul Waldow sollte den Leser stutzig machen.

Gerhard H. Kock

Frauen durften erst ab 1950 Mitglied der Schanze werden. Auf die Leinwand bannten sie die Maler schon vorher. Foto: Gerhard H. Kock

„Die Schanze ist ein ordentlicher und sehr vernünftiger Verein“ – das „sehr“ von Paul Waldow sollte den Leser stutzig machen. Und in der Tat war die Freie Künstlergemeinschaft Schanze ein höchst ungewöhnlicher Zusammenschluss von Männern, die in der Zeit republikanischer Freiheit zwischen den Weltkriegen in Münster das Fenster für die Moderne öffneten. Wenngleich das Gründungsdatum legendenumwoben ist, widmet das Stadtmuseum der Schanze zum Jahreswechsel 2019/20 aus Anlass des 100-Jährigen eine aufschlussreiche, anregende und schöne Ausstellung über die ersten zehn Jahre der Gründerväter.

Denn Künstlerinnen wurden zwar bereits 1923 ausgestellt, Mitglied sein durften sie erst ab 1950. Die Männer, meist Teilnehmer des Ersten Weltkrieges blieben unter sich, feierten Schützenfeste. Eine Schützenkette ist ein neues Exponat im Museum, das die Selbstironie der Künstler zeigt. Humor war überhaupt ein verbindendes Element, wie Texte und Bilder der prachtvollen Schanze-Chronik zeigen, die als Faksimile auch nachzulesen ist. Das Glaubensbekenntnis der Männergruppe hat ihr erster Kanzler Friedrich Wilhelm Liel formuliert: „So gruben wir eine Schanze zur Verteidigung gegen alles, was unserem Wesen und Wollen zuwider, und pflanzen auf das Banner der Hilfsbereitschaft und Treue unter den Gliedern, zu steigern die Eigenart eines jeden zu stärkerem Können – schufen uns so feststehende Burg.“ Ein Text von 1930. 1933 kamen die Nazis, die Gleichschaltung, und das Politische giftete sich in die Gruppe. Das ist ein anders Thema.

Das Politische blieb in den ersten zehn Jahren außen vor. Auch in der Kunst. Die Ausstellung präsentiert Geschichte und Kunst der ersten zehn Jahre: die Vorgeschichte, wie konservativ der Kunstgeschmack bis 1918 war, wie der Erste Weltkrieg prägte, der steile Aufstieg der Schanze zur prägenden Kulturinstitution mit Ausstellungen und den legendären Faschingsfesten bis hin zum Höhepunkt 1930: Architekten und Künstler stellten mit dem Deutschen Studentenheim am Breul ein Gesamtkunstwerk fertig, und im Landesmuseum und den Städtischen Kunststuben gab es eine große Ausstellung.

Bei der Präsentation kann das Stadtmuseum aus dem Vollen schöpfen und tut es: Schanze-Kunst aller erster Güte sortiert nach Religiösem, Landschaften, Grafik und Porträts. Die von Dr. Bernd Thier klug konzipierte Schau macht im Genre-Teil deutlich, welches stilistische Spektrum sich in der Gemeinschaft, ja in einigen Künstlerpersönlichkeiten selbst entfaltete. Expressionismus, Neue Sachlichkeit – es geht munter durcheinander, aber in einer durchweg hohen handwerklichen und künstlerischen Qualität.

Die großen Namen finden sich wie Busch, Bahn oder Röhr, aber auch hierzulande unbekannte wie Karl Drerup (1904-2000), der sich als Emaille-Künstler in Amerika einen bedeutenden Namen machte.

Das Stadtmuseum zeigt, wie wichtig die Schanze für die künstlerische Entwicklung in Münster war, einen vergleichbaren Modernitätsschub erlebte die Stadt erst wieder mit den Skulptur-Projekten.

Zum Thema

Die Eröffnung ist am Sonntag (10. November) um 16 Uhr im Stadtmuseum, Salzstraße. Carsten Bender liest aus der Chronik der Schanze.

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