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Ungewöhnliches Musical: „Der Mann von La Mancha“ im Großen Haus

Der Ritter ist der Klügere

Münster

Weltliteratur als Musicalstoff: Was schon mit der „West Side Story“ gelang, führte auch mit „Don Quixote“ zum künstlerischen Erfolg. Wie das Theater Münster jetzt zeigt.

Von Arndt Zinkant

Alonso alias Don Quixote (Gregor Dalal, l.) und sein pfiffiger Sancho (Mark Watson Williams) in Bedrängnis. Foto: Oliver Berg

„Der Mann von La Mancha“ ist kein typisches Musical. Das war bereits den Produzenten der ersten Broadway-Produktion 1965 klar, als sie den zauseligen Träumer und „Ritter von der traurigen Gestalt“ auf die Bühne brachten: Ein Held der Weltliteratur und zugleich ein Antiheld, wie er im Buche steht. Bei der Ouvertüre, als Münsters Generalmusikdirektor Golo Berg ritterliche Fanfaren aus dem Orchestergraben erschallen ließ, wusste wohl auch das münstersche Publikum: Was man an diesem Abend erleben würde, war kein typisches Musical.

Diese Sonderstellung aber macht den Reiz des Stückes aus, dessen Premiere mit rauschendem Beifall aufgenommen wurde. In der Original-Version kostümiert sich der Autor und Don-Quixote-Schöpfer Cervantes im Inquisitionsgefängnis als seine Romanfigur und erweckt sie mit anderen Häftlingen als Theaterstück zum Leben. Die münstersche Inszenierung von Philipp Kochheim konzentriert sich dagegen auf die psychologische Ebene: Welche Welt-Wahrnehmung ist „krank“ und welche normal? Ist der Wahn des Idealisten Alonso Quijano, der sich für den Ritter Don Quixote hält, der nüchternen Ratio gar vorzuziehen?

Uta Fink (Bühne und Kostüme) jedenfalls stellte die Traumwelt des Protagonisten wie eine Museumsvitrine ins Zentrum: Ein Glaskasten, in welchem die hölzernen Zossen von Don Quixote und Sancho Pansa wie zu groß geratene Kinderspielzeuge stehen. Drumherum befindet sich als „reale Welt“ eine Nerven-Heilanstalt mit Pflegepersonal und eine Therapie-Couch wie die von Sigmund Freund persönlich.

Dass es sich bei allen Nebenfiguren (außer dem Don und seinem Knappen) um Pfleger oder Verwandte handelt, wird nicht sofort klar – denn sie sind nicht in weiße Kittel gehüllt, sondern marschieren in Schwarz auf, als gingen sie zu einer Beerdigung. Zwischen den „Welten“ steht das Freudenmädchen Aldonza, das der Ritter zu seiner Angebeteten Dulcinea erkoren hat und das am Ende die freudlose Weltsicht durchbricht.

Nachdem die „West Side Story“ 1957 Shakespeare in die Moderne transferiert hatte, wurde hier nun einige Jahre später erneut Weltliteratur für die leichte Muse adaptiert. Statt jazziger Würze setzt die Partitur von Mitch Leigh auf spanisches Flair, das Folklore-Elemente mit eingängiger Melodik verbindet, teils gar opernhaftes Pathos streift.

Das merkte man den Interpreten an – die münstersche Aufführung ist nicht zuletzt eine fürs Ohr. Dafür bürgte nicht nur die stimmliche Statur von Gregor Dalal (kein Ritter von trauriger, sondern stattlicher Gestalt), der leidenschaftliche Duktus von Nana Dzidziguri als Dulcinea und auch die lyrische Stimmkultur von Youn-Seong Shim als Doktor. Mark Watson Williams ist ein pfiffiger Sancho, dem die Herzen zufliegen.

Die bekannteren Songs wie „The Impossible Dream“ werden mit Verve und Wonne musiziert. Dass das Stück aber keine Hitparade präsentiert, sondern erstaunlich stringent komponiert ist, zeigt wiederum: Es ist kein typisches Musical.

Nächste Vorstellungen: 23. und 29. Oktober 5. November

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