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Überzeugendes Porträt von Rosa Luxemburg: „Rosa! Mensch sein ist vor allem die Hauptsache“

Der Sonne entgegen

Münster

Die wortgewaltige und feinsinnige Pazifistin Rosa Luxemburg wird längst auch jenseits der Linken bewundert. Gabriele Brüning bringt sie in Manfred Kerklaus Regie auf die Bühne.

Von Isabell Steinböck

Am Ende fliegt Gabriele Brüning als Rosa Luxemburg davon. Foto: Thomas Mohn

Eine mittelalte Frau sitzt in grauem Wickelkleid auf einer schmalen Bank, streckt die nackten Füße von sich und blinzelt lächelnd in die imaginäre Sonne. Es ist Rosa Luxemburg (Darstellerin: Gabriele Brüning), die zum Himmel blickt und von vorüberziehenden Wolken schwärmt. Liebe zum Leben kann so einfach sein . . .

„Rosa! Mensch sein ist vor allem die Hauptsache“, ist der Titel des Solostücks um diese außergewöhnliche Frau, von der man nicht viel mehr weiß, als dass sie im Kaiserreich vergeblich für die Freiheit der Arbeiterklasse kämpfte, in Haft geriet und zu Beginn der Weimarer Republik ermordet wurde. Unter der Regie von Manfred Kerklau und mit Originaltexten Luxemburgs, die nicht nur Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands war, sondern auch Journalistin und Poetin, bringt Gabriele Brüning einen Charakter auf die Bühne, deren innere Stärke, aber auch Verletzlichkeit offenbar wird. Dies wird immer wieder deutlich, wenn sie Naturszenen beschreibt: Mal liegend, mal sitzend stellt Brüning die Enge von Luxemburgs Gefangensein dar, aus dem nur die Imagination führt. Blaumeisen, rufende Gänse, der Garten vor dem Haus werden zu Symbolen der Freiheit für die gebürtige Polin, die aus politischer Überzeugung in die ungeliebte Großstadt Berlin ziehen musste.

Kerklau und Brüning haben eindringliche Texte ausgewählt, die sowohl Empfindsamkeit als auch unbedingten Überlebenswillen zum Ausdruck bringen. Hysterische Lebensfreude und dumpfe Verzweiflung wechseln einander ab. „Man schlug mir zweimal auf den Kopf, dann schob man mich in den Wagen.“ Das gewaltsame Ende – die Ermordung durch einen so genannten Oberstleutnant Vogel – bricht immer wieder ein, während Luxemburg von der Vergangenheit zehrt: „Was war das damals schön, trotz allem“, schwärmt die Inhaftierte, wenn sie von Gemütlichkeit in den eigenen vier Wänden erzählt, mit Mittagsschlaf, Spaziergängen und warmer Milch.

Die Qual der verfolgten Pazifistin legt die Inszenierung anhand leidender, sterbender Tiere offen. Ausgepeitschte Büffel, als Lasttiere missbraucht, ein bei lebendigem Leib gefressener Mistkäfer, auch ein mit Öl überzogener Vogel werden zu Metaphern eigener Hilflosigkeit. Was damals der verzweifelte Kampf um Freiheit war, ist heute das Ringen um unsere Erde.

Gabriele Brüning beweist in der 60-minütigen Vorstellung überzeugende Bühnenpräsenz, wenn sie immer wieder nah an den Bühnenrand tritt, um ihr Publikum direkt anzusprechen, und auch von persönlichen Niederlagen erzählt. Dass diese starke Frau unvergessen bleibt, ist ein versöhnlicher Schluss in Kerklaus bedrückendem Stück: Am Ende lässt er seine Rosa mit ausgebreiteten Armen davonfliegen, der Sonne entgegen.

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