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Israelisches Tanzfestival im Pumpenhaus

Die Familie und ihre heiklen Strukturen

Münster

Freunde sucht man sich, Verwandte hat man“, sagt der Volksmund und deutet damit an, dass sich familiäre Beziehungen nicht immer ganz unproblematisch gestalten. In diese Kerbe schlagen auch Stav Marin und Neta Weiner mit ihrer Performance „Mejinik“, die am Samstag beim Tanzfestival „Israel is real“ im Pumpenhaus zu sehen war.

Von Helmut Jasny

Neta Weiner, Stav Marin und Benjamin David Eldar (v.l.) wirken in dieser Szene ganz friedlich. Foto: Jasny

„Freunde sucht man sich, Verwandte hat man“, sagt der Volksmund und deutet damit an, dass sich familiäre Beziehungen nicht immer ganz unproblematisch gestalten. In diese Kerbe schlagen auch Stav Marin und Neta Weiner mit ihrer Performance „Mejinik“, die am Samstag beim Tanzfestival „Israel is real“ im Pumpenhaus zu sehen war. Genauer: Es geht um Geschwisterbeziehungen. Und dafür hat sich das Paar mit Benjamin David Eldar einen Bruder ins Boot geholt.

Mejinik, verrät der Programmzettel, ist ein jiddisches Wort für den Letztgeborenen. Und das sind nicht nur die Performer, sondern auch eine erkleckliche Anzahl von Zuschauern, wie eine kurze Nachfrage zu Beginn der Vorstellung ergibt. Nach einer kollektiven Atemübung geht es weiter mit typischen Streitigkeiten zwischen Geschwistern, die erst verbal und dann ziemlich handfest ausgetragen werden auf der schmalen Bühne, die sich wie ein Laufsteg zwischen den Zuschauerreihen erstreckt. Das hat Ernst und Komik gleichermaßen, denn die drei verstehen es, Sachen pointiert darzustellen.

Ebenso verstehen sie es, Sprache und Bewegung zu einer untrennbaren Einheit zu verbinden. Ein endloser Wörterregen geht auf das Publikum nieder, der mit Tanz und Musik geschickt akzentuiert wird. Es gibt Genealogien von prominenten Mejiniks aus den Sparten Tanz, Musik und sexualisierte Gewalt. Die eigenen Vornamen werden erklärt, gemocht oder gehasst, wie im Fall von Neta Weiner, der seinen in eine umgedichtete Version von Johnny Cashs „Boy Named Sue“ packt.

Namen, Menschen, Verhältnisse und Traditionen – sie hängen einem an. Das wird deutlich, wenn Marin ihre Partner hinter sich her zieht wie etwas, das man ein ganzes Leben lang mit sich schleppt. Irgendwann haben alle ein Akkordeon vor dem Bauch und wirken wie Folk­lore.

Und als sich Eldar schließlich robbend aus dem Staub machen will, wird er von den anderen an den Füßen gepackt und zurückgeschleift, sodass nur eine dünne Schweißspur auf der Bühne bleibt, die im Scheinwerferlicht rasch verdunstet. Eine vieldeutige Auseinandersetzung mit der Macht familiärer Strukturen, die mit Leonard Cohens „Hallelujah“ nicht weniger vieldeutig endet.

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