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„Bladerunner“ im Pumpenhaus

Die Maschine Mensch

Münster

Ridley Scotts Film „Bladerunner“ ist eine Dystopie um Fortschritt und Vergänglichkeit.Julio César Iglesias Ungo und Hans van den Broeck machten daraus ein Tanzstück.

Sie kämpfen und winden sich am Boden. Foto: Damian Muños

Sie springen von der Seitenwand auf die Bühne, schneiden sich durch eine weiße Papierwand oder winden und krabbeln auf allen vieren über den Boden. Animalisch anmutende Wesen, die sich ihre Wege durch eine Atmosphäre bahnen, die wenig Leichtigkeit erlaubt. Die Figuren kleben geradezu am Boden. Oder klammern sie sich bewusst an die Erde, um nicht abzurutschen?

„Bladerunner“, eine Produktion von Julio César Iglesias Ungo und Hans van den Broeck, die im Pumpenhaus Premiere feierte, ist eine Dystopie um Fortschritt und Vergänglichkeit des Menschen. Inspiriert von dem gleichnamigen Film Ridley Scotts, bringen die Tanzkünstler sogenannte Replikanten auf die Bühne, biotechnisch entwickelte An­droiden, die von echten Menschen nicht mehr zu unterscheiden sind. Wie Frankensteins Monster werden sie operativ zum Leben erweckt, stehen mal als Liebende, mal als Kinder auf der Bühne, die lallend und grobmotorisch alles ergreifend, was ihnen in die Finger kommt, zunehmend lächerlich wirken. Als einer von ihnen mit einem gezwirbelten hohen Plastikhut auf dem Kopf, als Gott stilisiert, über die Bühne gerollt wird, ist die Botschaft klar: Der Mensch hat sein Leben, bar aller Vernunft, im wahrsten Sinne des Wortes verspielt.

Dramaturgisch lässt das Stück manche Frage offen: Erobern die Menschen den Mond oder sind es Androiden, die sich ihr Territorium auf der Erde sichern? Ist es der Mensch, der die Oberhand behält, oder setzen Replikanten die Zerstörung unserer Welt fort?

Künstlerisch dagegen gelingen in cineastischer Ästhetik starke Bilder, etwa, wenn auf der dunklen Bühne mit einer Collage aus Geräuschen (Musik: J-Lawton, Stijn Vanmarsenille, Nils Habetz) und Licht (Bühne und Licht: Lennart Aufenvenne) eine wilde Verfolgungsjagd inszeniert wird. Oder wenn Alexis Fernandez Ferrera (MACA) mit Vogelschwingen als wohl letztes Exemplar seiner Art auf einem winzigen Fleckchen Urwald hinter Glas in die Freiheit drängt.

Tänzerisch nehmen vor allem Ungo und Ferrera für sich ein. Ungo, der dem Publikum bekannt ist durch frühe Arbeiten mit der renommierten belgischen Companie von Wim Vandekeybus, Ultima Vez, steht auch hier als athletischer Tänzer auf der Bühne, wenn er sich im Sprung horizontal um die eigene Achse dreht oder aus dem Stand einen Salto schlägt. Ferrera steht dieser dynamischen Ästhetik um nichts nach. Gemeinsam mit Hans van den Broeck, der als die Kreatur erschaffender, vernichtender Arzt mit zweierlei Gesichtern auf der Bühne steht, und Virginia Garcia, die das Verletzliche des Menschen verkörpert, gelingt es dem Ensemble, ein auf surreale Weise bedrohlich anmutendes Stück zu kreieren, dessen Ironie verhindert, dass es plakativ oder gar pathetisch wird.

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