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Herta Müller als Gast der „Domgedanken“ in Münster

Die Spuren des Geheimdienstes

Münster

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat als junge Frau die Diktatur in Rumänien erlebt. Und warnte deshalb bei ihrem Domgedanken-Vortrag in Münster davor, die Demokratie in Frage zu stellen.

Von Harald Suerland

Schriftstellerin Herta Müller bei ihrem faszinierenden Vortrag im münsterschen St.-Paulus-Dom Foto: Oliver Werner

„Was wollen die von dir?“, fragte die Mutter. „Angst!“, antwortete die Tochter. Und diese Angst war das zentrale Motiv Herta Müllers bei ihrem Vortrag zum Auftakt der Reihe „Domgedanken“ in Münster. Denn die Angst, mit der Herta Müllers Mutter sich um ihre vom Geheimdienst verfolgte Tochter sorgte, macht aus Menschen in der Diktatur entweder Angstmacher oder Angstbeißer. So jedenfalls hat es die spätere Literaturnobelpreisträgerin als junge Autorin und Lehrerin im Rumänien Ceausescus erlebt.

An die Diktatur zu erinnern war Herta Müller ein Anliegen. Denn passend zum Thema der diesjährigen Reihe im St.-Paulus-Dom „Demokratie, ein Auslaufmodell?“ stellte sie verwundert die Frage: „Ist 30 Jahre nach dem Ende der DDR vergessen, was Diktatur bedeutet?“ Den Umfragen zur Skepsis an der Demokratie stellte die 67-jährige Schriftstellerin ihre Erfahrung entgegen: „Ich kenne den Unterschied!“ Um anschließend von jenem toten Fuchs zu erzählen, aus dessen Fell die Mutter ihr einst einen Mantelkragen fertigen wollte. Doch „zum Zerschneiden war der Fuchs zu schön“, er begleitete stattdessen als dekoratives Stück die junge Frau durchs Leben. Bis sie eines Tages ein Stück des Fells abgeschnitten in ihrer Wohnung fand, kurze Zeit später ein weiteres: Der Geheimdienst „Securitate“ war unbemerkt eingedrungen und hatte am Fuchs ein Zeichen hinterlassen, um seine Macht zu zeigen und die Angst zu schüren. Als sie für Spitzeldienste angeworben werden sollte, hatte sie sich verweigert, verlor ihre Arbeit und erlebte als Aushilfslehrerin soziale Isolation durch jene Kollegen, die die eigene Angst verwalteten und ebenso furchtsam agierten wie Herta Müllers Mutter.

Die gebannt lauschenden Zuhörer im nach Corona-Maßstäben voll besetzten Dom erfuhren in den poetisch treffenden Formulierungen der Autorin, dass sie mit Lippenstift und ihrem „Zahnbürstchen“ zu Verhören ging, um Würde zu wahren und auf eine Festnahme vorbereitet zu sein – und wie sie hernach eine „leere Freiheit“ empfand, nur weil sie nicht verhaftet worden war. Hinter manchem Schlen­drian in der Diktatur entlarvte sie „staatlich bewachte Präsenz“, während mit der Freiheit, die vor 30 Jahren kam, auch eine neue Verantwortung entstand: „Die Freiheit in unserer Demokratie dürfen wir nicht als selbstverständlich betrachten, sie könnte uns sonst abhanden kommen.“ Als „großen Angstmacher“ der Gegenwart charakterisierte sie schließlich Russlands Präsident Putin: „Populisten laufen ihm nach und, ich staune, sogar ein deutscher Ex-Bundeskanzler.“

Am 18. August spricht der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte über „Medien und Demokratie“

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