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Tanzstück in Münster uraufgeführt

„Die Welt ist voll von Gregor Samsas“

Münster

Am Mittwoch feierte der Tanzabend „Verwandlung/Fremdkörper“ Uraufführung im Kleinen Haus des Theaters Münster. Die kubanische Choreografin Maura Morales bringt darin eine kafkaeske Geschichte auf die Bretter.

Von Helmut Jasny

Raffaele Scicchitano, Eleonora Fabrizi (l.) und Marieke Engelhardt tanzen im Apfel-Hagel. Foto: Oliver Berg

Als Kafkas „Verwandlung“ 1915 erscheinen sollte, wollte der Verleger einen Käfer auf dem Buchumschlag. Doch der Autor legte sein Veto ein. „Das Insekt kann nicht gezeichnet werden“, bestimmte er. Schließlich hatte er keine Tierfabel geschrieben, sondern eine Parabel über Fremdbestimmung, Überforderung und Ausgrenzung. Und in diesem Sinn bringt die kubanische Choreografin Maura Morales die Geschichte auch auf die Bühne. Am Mittwoch feierte ihr Tanzabend „Verwandlung/Fremdkörper“ Uraufführung im Kleinen Haus des Theaters Münster.

„Die Welt ist voll von Gregor Samsas“, schreibt Morales im Programmheft und lässt gleich ein knappes Dutzend Tänzerinnen und Tänzer auf das Publikum los. Getrieben von Michio Woirgardts harter, mitunter maschinenartiger Musik tanzen sie über die Bühne. Immer wieder werden Bewegungen ruckartig gestoppt und in eine andere Richtung gelenkt. Viel spielt sich auf dem Boden ab, von wo sie zappelnd in die Senkrechte zu kommen versuchen. Es gibt nichts Weiches, nichts Fließendes in diesem Tanz. Alles wirkt hart und mechanisch, als hätte sich eine fremde Macht der Körper der Tänzerinnen und Tänzer bemächtigt.

Und es gibt auch keine konkreten Rollen. Gregor, die Schwester, die Eltern, der Prokurist, die Zimmerherren – jeder ist hier jeder. Und alle kämpfen mit Selbstzweifeln und Überforderung, als wären sie zu schwach für die Welt. Augenfällig wird das, als ein überdimensionaler Stuhl auf die von Heiko Mönnich gebaute Bühne geschoben wird. In einer anderen Szene versuchen die Protagonisten ihrer Situation durch Flucht zu entkommen und verklumpen an der Tür zu einem amorphen Menschenhaufen.

Morales entwickelt hier eine ganz eigene Ästhetik, die von starker Rhythmik, straffen Spannungsbögen und gut kalkulierten Brüchen bestimmt ist. Das Bewegungsvokabular verweist auf innere Kämpfe, die sich immer mehr nach außen und auf den Körper übertragen. Als gegen Ende ein wahres Bombardement von Äpfeln auf die Protagonisten niedergeht, wird klar, dass es in einer fremdbestimmten Welt keine Sieger geben kann. Langer Applaus für eine gelungene Inszenierung.

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