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„Rendezvous der Freunde“: Camoin, Marquet, Manguin, Matisse in Münsters Picasso-Museum

Die Wilden mit den starken Farben

Münster

Wer das Picasso-Museum mag, hat dort gewiss auch schon Bilder von Henri Matisse gesehen. Dessen Studienfreunde allerdings, die man in Paris einst zu den „Wilden“ zählte, sind hierzulande fast unbekannt. Zu Unrecht, wie das Museum jetzt beweist.

Von Harald Suerland

Charles Camoin: Boote im Hafen von Cassis, um 1905 Foto: VG Bild-Kunst Bonn 2021

Die „Wilden“? Wer durch die schöne neue Ausstellung des Kunstmuseum Pablo Picasso schlendert, kann sich über die polemische Bezeichnung für die französischen Künstler Charles Camoin, Albert Marquet, Henri Manguin und Henri Matisse nur wundern. Doch bei der legendären Ausstellung 1905 in Paris assoziierten Kritiker „wilde Tiere“ mit dieser unakademischen, vom gemeinsamen Lehrer Gustave Moreau geförderten Malerei. So ist der skandalträchtige Name entstanden – und er war gut fürs Geschäft, denn drei dieser Maler wurden zumindest sehr erfolgreich, auch wenn man hierzulande die Namen Camoin, Marquet und Manguin kaum kennt. Der vierte schließlich, Henri Matisse, wurde zudem weltberühmt – was seine Freunde ihm nicht neideten.

Sie studierten gemeinsam und entwickelten sich individuell: Dass ist die Grundthese der Schau, die Museums-Chef Markus Müller mit vielen Leihgaben aus französischem Privatbesitz bestücken konnte. „Rückgrat und Initialzündung“ ist natürlich der eigene Matisse-Bestand: So können sich die Besucher im oberen Stockwerk an den „Jazz“-Bildern erfreuen, zumal die bunten-Blätter in unterschiedlicher Höhe wie eine improvisierte Melodie gehängt sind. In den unteren Räumen aber kommen auch und vor allem die drei unbekannteren Freunde des Quartetts zu ihrem Recht.

Da ist beispielsweise Manguin, den der Dichter Guillaume Apollinaire ein „sehr kultiviertes Talent“ nannte, mit einem eigenen Raum vertreten, in dem verschiedene Strandszenen zeigen, wie er sich vom Impressionismus zu einem eigenen Stil entwickelt hat. Ein kleines Kuriosum findet sich zuvor mit dem Stillleben „Der grüne Topf“, auf dem sich ganz augenfällig Paul Cézannes Äpfel tummeln.

Auch im großen Saal, der den Maghreb als Inspirationsquelle thematisiert, gibt es mit der exotisch gekleideten Frau ein schönes Man­guin-Motiv. Ihm zur Seite steht ein anderer Hingucker, nämlich „Marokkaner in einer Straße in Tanger“. Gemalt hat sie Charles Camoin aus Marseille, der sich zudem mit dem „Globetrotter“ Albert Marquet einen Ausstellungsraum teilt. Camoins Entwicklung lässt sich ebenfalls anhand mehrerer vergleichbarer Motive verfolgen. Sein Freund Marquez auf der anderen Seite fügte zu seinen Stadtansichten von Paris auch eine gänzlich andere hinzu, die das Picasso-Museum nicht zufällig aus Hamburg entliehen hat: Das winterliche Gemälde des Hamburger Hafens mit dunklen Gestalten, Rauch und trister Stimmung bildet den denkbar größten Gegensatz zum daneben hängenden Venedig-Bild und zur mediterranen Stimmung der meisten Werke.

Die Ausstellung bietet ein schönes Wechselspiel von Grafik oder Zeichnung und farbenprächtigen Gemälden, die ja den Ruf der „wilden“ Maler auslösten. Sie lädt ihre Besucher wieder einmal dazu ein, unter unbekannten Künstlern neue Favoriten für sich zu entdecken.

Rendezvous der Freunde – ­Ca­moin, Marquet, Manguin, Matisse. Bis zum 16. Januar 2022; geöffnet dienstags bis sonntags sowie feiertags von 10 bis 18 Uhr.

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