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Johannes-Passion in der Apostelkirche

Drama mit höchster Dynamik

Münster

In den beiden großen Passionen von Johann Sebastian Bach geht es natürlich in erster Linie um die Betrachtung des Leidensweges Jesu, die Klage über den Kreuzestod, aber auch um das Telos dieser Geschichte, die ja eine Heilsgeschichte ist. Der Erlösungsgedanke schwingt immer mit. Doch im Fall der Johannespassion, die Klaus Vetter am Wochenende mit „seiner“ Kantorei in der Apostelkirche aufgeführt hat, darf man noch weiter gehen und sie als veritables biblisches Drama charakterisieren. Mit drei Hauptpersonen: Jesus, Pilatus – und das geifernde Volk.

Chr. Schulte im Walde

Bestens vorbereitet: Die Kantorei der Apostelkirche unter der Leitung von Klaus Vetter. Foto: Schulte im Walde

„Weg, weg mit ihm“, fordert es und bringt Pilatus unter Zugzwang. Musikalisch hat Bach das äußerst packend umgesetzt – womit er an den Chor schon enorme Ansprüche stellt, auch zwischendurch immer wieder mit aggressiven Einwürfen („Kreuzige!“, „Barrabam“, „Wir dürfen niemand töten!“). Solchen Anforderungen wurde die Kantorei dank hellwacher Aufmerksamkeit mühelos gerecht, mit stets ausgewogenem Klangbild, sprachlich akkurater Diktion und einer erfreulich breit angelegten dynamischen Spannweite. Dies kam besonders den gliedernden Chorälen sehr zugute, die angesichts dieser klug genutzten Mittel ein hohes Maß an Expressivität vermittelten. Paradebeispiel: „Wer hat dich so geschlagen“ mit seiner überzeugenden Binnendynamik! Da hatte Klaus Vetter in seiner Probenarbeit also sehr am Detail gefeilt.

Diesem Konzept, aus Bachs Johannespassion ein spannendes Drama von großer Emotionalität zu machen, folgten uneingeschränkt auch die Solisten, allen voran Markus Brutscher als lebendig von der Kanzel aus berichtender Evangelist; Fanie Antonelou versank mit innigem Ausdruck in den „Fluten der Zähren“ über Jesu Tod, Nicole Pieper entwickelte aus den wenigen Tönen ihrer Arie „Es ist vollbracht“ eine trostlos schwarze Trauernacht, die unter die Haut ging. Grundsolide agierte Bassist Dirk Schmidt als Pilatus und in den Bass-Arien, während Jakob Eberlein in die Jesus-Rolle nicht so sehr die erlösungsgewisse Abgeklärtheit des Messias steckt sondern eher eine gewisse Jugendlichkeit ausstrahlte: Ein Jesus aus Fleisch und Blut – was hier perfekt passte! Selbstverständlich ließ Klaus Vetter, was das Instrumentale anging, „historisch informiert“ musizieren. Dafür war das Europäische Barockorchester „Le Chardon“ ein geeigneter Partner mit ansprechenden Solisten (vor allem Traversflöte und Gambe).

Am Ende dann ergriffene Stille in der Apostelkirche. Nur das Glöcklein im Dachreiter transportierte die Passionsbotschaft über den Schlusschoral weiter hinaus.

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